Exklusiv im AZ-Interview Marcel Reif: "Coutinho wird ganz sicher kein James 2.0"

Ist von Philippe Coutinho (r.) überzeugt: Fußball-Experte Marcel Reif (l.). Foto: Uwe Anspach/dpa, firo/sampics/Augenklick, ho, AZ-Montage

Marcel Reif erklärt in der AZ, warum Neuzugang Philippe Coutinho in München begeistern wird – und warum Jérôme Boateng zum Problem werden könnte.

 

München - Marcel Reif im AZ-Interview: Der Kommentator (69) ist am Sonntag ab 11 Uhr als Experte im Check24-Doppelpass bei SPORT1 zu Gast.

AZ: Herr Reif, der FC Bayern hat auf dem Transfermarkt mit Philippe Coutinho, Michael Cuisance und Ivan Perisic nachgelegt. Genügt der Kader nun höchsten Ansprüchen?
MARCEL REIF: Ja, weitestgehend. Ich sehe nur noch eineinhalb Schwachstellen.

Und welche?
Es gibt keine Ersatzlösung für Robert Lewandowski. Ich bin mir immer noch nicht sicher, dass Mario Mandzukic nicht kommt. Es gibt ja Leute, die sagen, diese Sache wäre vom Tisch, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Ein Back-up würde Bayern guttun. Die Abhängigkeit von Lewandowski ist zu groß.

Und die andere Schwachstelle?
Bayerns defensiver Sechser. Wenn Sie mir sagen, dass sich Leon Goretzka stabilisiert und Javi Martínez verletzungsfrei bleibt, gibt es kein Problem. Bayern braucht diesen Nachfolger von Arturo Vidal, einen, der die Kunst hinter die Effizienz stellt. Mit Coutinho, Thiago und Corentin Tolisso gibt es sehr viele No-Look-Pass-Typen, die eher offensiv denken.

Reif: "Bayern braucht Müller unbedingt"

Wie bewerten Sie die Verpflichtungen von Perisic und Cuisance?
Den Perisic-Transfer verstehe ich absolut. An dem ist ja nur rumkritisiert worden, weil er nicht Leroy Sané war. Doch mit Weltstar Coutinho ist jetzt der Deal getätigt worden, der die Gemüter beruhigt. Perisic kann ganz entspannt auf der Außenbahn spielen, in Italien hat er sehr viele Tore vorbereitet. Und zu Cuisance: Der Junge hat ein gesundes Selbstvertrauen – das brauchst du bei Bayern. Falls er zu viel Selbstvertrauen hat, werden ihm die Platzhirsche schon zeigen, wo seine Grenzen sind. Aber klar: Das ist ein Transfer für die Zukunft.

Wird es nach dem Coutinho-Transfer kompliziert für Thomas Müller?
Thomas Müller macht mit dem Platz und mit dem Ball Dinge, die andere nicht können. Louis van Gaal ist ein erwiesener Kenner der Materie, einer der Wegbereiter des modernen Fußballs. Und van Gaal hat gesagt: "Müller spielt bei mir immer." Das war übertrieben, aber an seinem Satz hat sich im Prinzip nichts geändert. Müller ist mit der Nationalmannschaft in ein Loch gefallen, aber er hat sich gefangen. Wenn er seine Form hat und weiß, was seine Rolle ist, ist er ungemein wertvoll als Anarchist. Bayern braucht Müller unbedingt. Eine Stammelf gibt es sowieso nicht bei einem Topklub wie Bayern. Wichtig ist, dass man 20 sehr gute Spieler hat.

Reif: Bei Boateng gibt es ein Problem

Kann Bayern mit dem aktuellen Team denn mal wieder bis ins Halbfinale der Champions League vordringen?
Wenn alle Spieler gesund bleiben und wirklich Alternativen da sind, um zu rotieren, dann ist dieser Kader gut genug. Natürlich müssen die Spieler die Entscheidungen des Trainers akzeptieren und das Prinzip der Rotation annehmen. Falls das passiert, kann Bayern sehr weit kommen.

Die Defensive wirkte allerdings im Supercup gegen Dortmund und auch gegen Hertha anfällig. Gibt es da Probleme?
Benjamin Pavard hat gegen Hertha ein gutes Spiel gemacht. Beim Gegentor zum 1:2 war er ja halb ohnmächtig. Pavard ist wie Lucas Hernández ein sehr flexibler Spieler, beide können auch als Außenverteidiger eingesetzt werden. Niklas Süle ist ähnlich wie Jérôme Boateng sehr schnell, aber eben auch ein Tanker. Und einen Tanker zu wenden – das dauert. Gegen wendige Stürmer haben Boateng und Süle Probleme. Pavard und Hernández sind leichtfüßiger. Ich sehe aber bei Boateng ein anderes Problem.

Und zwar?
Diese Personalie war schon in der vergangenen Saison heikel, sie ist fast eskaliert, dann ist sie beruhigt worden, und jetzt ist sie wieder auf dem besten Wege, ein Problem zu werden. Ich wünsche Boateng nicht, dass es unschön endet. So etwas kann auch anständig auseinander gehen. Nur muss es dazu ein Angebot geben, das allen Seiten gefällt. Darauf warten sie gerade bei Bayern. Es kann ja keine Dauerlösung sein, einen Boateng links liegen zu lassen, nachdem man ihm einen Wechsel untersagt hat. Das kann nicht gutgehen.

Reif glaubt nicht an Havertz-Transfer

Eine andere Personalie ist ebenfalls ungeklärt: Werden es die Bayern bei Leroy Sané im Sommer 2020 noch mal probieren?
Diese Wette würde ich halten, ja. Warum auch nicht? Wenn man es sich finanziell leisten kann, ist Sané eine Investition in die Zukunft, die dir in der Gegenwart schon eine Menge hilft. Er ist ein deutscher Nationalspieler mit dem möglicherweise größten Potenzial von allen. Wenn die Bayern da nicht dranblieben, würde ich die Welt nicht mehr verstehen.

Kai Havertz soll im nächsten Jahr auch nach München wechseln. Wird das Geld dann nicht knapp?
Havertz ist sicher eine tolle Idee, aber in dieser Bayern-Kabine gibt es schon jetzt sehr viel Spielkunst. Tolisso, Coutinho, Thiago – und dann Havertz? Ich juchze vor Vergnügen, wenn ich Havertz zugucke, aber er ist jung und muss spielen. Mit Havertz groß zu rotieren, das geht nicht, er ist noch kindlich und muss auf den Rasen. Wo soll Havertz denn seine dauernden Einsätze haben?

Falls Coutinho nach einem Jahr Leihe nicht für 120 Millionen Euro fest verpflichtet wird, wäre doch Platz für Havertz auf der Zehnerposition.
Wie das mit Coutinho schiefgehen soll, ist mir ein Rätsel. Du musst jetzt die Zehnerposition für ihn schaffen, Kovac muss sich bewegen. Aber da hat man sich bei Bayern sicher vor der Verpflichtung intern besprochen. Dass Coutinho als Zehner bei Bayern nicht funktioniert, halte ich für ausgeschlossen.

James und Kovac: Eine Negativspirale

Warum hat es mit James Rodríguez nicht funktioniert?
Ein Spielmacher dieser Art war nicht gefragt. James hat nicht das geliefert, was er kann, weil Kovac ihn nicht wollte. Und Kovac wollte James nicht, weil der nicht geliefert hat, was er kann. Das war eine Negativspirale, eine Sackgasse. Coutinho ist noch mal eine Nummer größer als James, Bayern empfängt ihn mit offenen Armen. Coutinho wird ganz sicher kein James Rodríguez 2.0.

Wie viel Rückendeckung hat Kovac nach dem Double?
Kovac ist gestärkt durch das Double und geschwächt, weil er nicht das Triple geholt hat. Das frühe Aus in der Champions League hängt ihm immer noch nach. Und diese Kabine ist nicht viel einfacher geworden. Jetzt hat Kovac einen Kader, der um den Sieg in der Champions League mitspielen soll. Dafür muss sich eine neue Hierarchie bilden. Bayern ist ein großer Klub – und braucht einen großen Trainer.

Hat Kovac das Zeug dazu, ein großer Trainer zu werden?
Es kommen viele Dinge zusammen, die einen großen Trainer ausmachen. Jetzt muss Kovac erst mal ein funktionierendes Ensemble zusammenstellen. Aber er braucht auch Fortune. Ich traue Kovac zu, ein großer Trainer zu werden. Doch er muss mit dem Ergebnisdruck leben. Das ist Bayern. Es gab für Kovac ja die Möglichkeit, nach dem Double zu sagen: Das ist nicht meine Welt, tschüss! Dass er das nicht getan hat, spricht für ihn.

Uli Hoeneß hat die Aufgabe bei Bayern über Jahrzehnte gemeistert. Wie kann der Klub seinen Abgang auffangen?
Natürlich ist es unmöglich, Hoeneß zu ersetzen, aber Bayern muss es schaffen – und wird es schaffen. Ohne Hoeneß würde es den FC Bayern von heute nicht geben. Allerdings glaube ich, dass es auch nicht mehr das Spiel von Hoeneß ist. 120 Millionen Euro Kaufoption für einen Spieler? Hoeneß hat den FC Bayern unter ganz anderen Voraussetzungen geführt und groß gemacht.

Wird Oliver Kahn das neue Gesicht des Klubs?
Bayern traut Kahn die Aufgabe auf jeden Fall zu. Er wird hineinwachsen dürfen in diesen Klub mit dieser enormen Wucht. Ich denke, dass Hoeneß Kahn wohlwollend begleiten wird als Berater.

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