AZ-Interview Thomas Helmer: "Einen Lewandowski hat Dortmund nicht!"

Bayerns Torgarantie: Robert Lewandowski will in der neuen Saison zum fünften Mal bester Schütze in der Bundesliga werden. Foto: dpa/Marcus Brandt, Matthias Balk

Ex-Bayern-Star Thomas Helmer spricht in der AZ über den Kampf um die Meisterschaft, den Auftakt der Münchner gegen Hertha BSC und Oliver Kahn: "Er kann die Lücke füllen, die Uli Hoeneß hinterlässt."

 

AZ: Herr Helmer, zunächst die wichtigste Frage: Sind Sie nach Ihrem Tretboot-Unfall auf der Alster, bei dem Sie sich einen Muskelriss im Oberschenkel zugezogen haben, wieder wohlauf?
Thomas Helmer:
Es wird so langsam, ich kann zumindest wieder gehen und darf auch schon auf den Crosstrainer. Der Arzt hat gesagt, dass in circa zwei Wochen wieder alles gut sein sollte.

Dann sind Sie ja zum Bundesliga-Start an diesem Freitag fast in Bestform. Rechnen Sie mit einem spannenden Meisterkampf zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund?
Nach sieben Titeln in Folge ist der FC Bayern selbstverständlich Favorit auf die Meisterschaft. Was ich aber gut finde: Dortmund sagt offensiv, dass der Titel das Ziel ist und man näher an Bayern heranrücken will. Der BVB hat sich insgesamt sehr gut verstärkt. Ich gehe nicht davon aus, dass Dortmund noch mal neun Punkte Vorsprung verspielen würde.

Helmer: "Wolfsburg könnte die Überraschung der Saison werden"

Gibt es sonst noch Kandidaten für die Meisterschaft?
Auf RB Leipzig bin ich gespannt. Julian Nagelsmann ist ein sehr guter Trainer, seine Mannschaft allerdings auch sehr jung. Da würde ein bisschen Erfahrung guttun. Der VfL Wolfsburg könnte die Überraschung der Saison werden, die Qualifikation für die Champions League halte ich für möglich. Und auch Bayer Leverkusen hat einen sehr guten Kader.

Beim FC Bayern hingegen ist der Kader trotz der Verpflichtung von Ivan Perisic noch immer sehr dünn besetzt. Was muss sich tun bis zum Ende der Wechselperiode?
Der Kader ist aktuell wirklich zu schwach – sowohl qualitativ als auch quantitativ. Das defensive Mittelfeld ist ein Bereich, in dem sich noch etwas tun müsste. Thiago ist ein wunderbarer Spieler, der mit seinen Pässen herausragt. Aber er ist ein Achter – und kein Sechser. Javi Martínez hat öfter mal Probleme mit seinem Körper. Die Frage ist auch: Wo sieht Niko Kovac auf Dauer Joshua Kimmich? Im Nationalteam hat Kimmich gezeigt, dass er auf der Sechs spielen kann. Er hat das Zeug zum Führungsspieler.

Liegt Bayern gegen den BVB vorne, wenn man nur die beste Elf der beiden Teams gegenüberstellt?
Da bin ich mir gar nicht so sicher. Dortmund hat sich genau auf den Positionen verstärkt, auf denen man vorher Probleme hatte. Nico Schulz als Linksverteidiger und Mats Hummels in der Abwehrmitte sind sehr gute Einkäufe. Klar ist aber auch: Einen Robert Lewandowski hat Dortmund nicht im Angriff!

Coman und Gnabry nocht nicht so gut wie Ribéry und Robben

Wie sehen Sie die Offensive der Münchner aufgestellt?
Kingsley Coman und Serge Gnabry sind sehr begabt, aber sie brauchen noch Zeit, um das Niveau von Franck Ribéry und Arjen Robben zu erreichen. Zudem schwingt bei beiden immer die Angst vor Verletzungen mit. Ivan Perisic hatte wohl keiner so richtig auf dem Zettel, aber er ist natürlich kein schlechter Fußballer. Er bringt die Erfahrung aus großen Vereinen und der Nationalmannschaft mit.

Dennoch fehlt weiter der Königstransfer, der Leroy Sané eigentlich werden sollte vor seiner schweren Verletzung.
Ich halte es für gar nicht so unrealistisch, dass Bayern Sané trotz der Verletzung verpflichtet – aber nur, wenn Manchester City nicht mehr einen so horrenden Preis für ihn aufruft.

Wie stark ist die Abwehr der Bayern nach dem Abgang von Hummels?
Da gibt es einige Fragezeichen. Jérôme Boateng hat in der Vorbereitung die richtige Antwort gegeben, nachdem ihm von Bayern-Seite ja ein Wechsel nahegelegt wurde. Lucas Hernández ist nach seiner langen Verletzungspause schwer einzuschätzen, Benjamin Pavard hat eindeutig noch Luft nach oben. Ich wäre nicht überrascht, wenn gegen Hertha Niklas Süle und Boateng zusammen in der Innenverteidigung spielen.

Könnte Hertha heute (20.30 Uhr/ZDF, DAZN live und AZ-Ticker) zum Stolperstein werden?
Das glaube ich kaum, es spricht viel für einen Bayern-Sieg. Aber Hertha hat nichts zu verlieren – und mit Dodi Lukébakio spielt jetzt ein Bayern-Schreck für die Berliner, der in der vergangenen Saison mit Düsseldorf drei Tore in München geschossen hat.

Haben Sie eigentlich das Gefühl, dass Niko Kovac nach dem Double-Gewinn fester im Sattel sitzt?
Sie sagen es: Er hat zwei Titel gewonnen und ist in der Champions League nach einem schwachen Rückspiel gegen den späteren Sieger Liverpool ausgeschieden. Kovac ist gestärkt aus der Herbstkrise herausgegangen. Den Rüffel, den er neulich von Karl-Heinz Rummenigge wegen seiner offensiven Aussage zu Sané bekommen hat, habe ich nicht verstanden. Wenn ein Trainer so etwas nicht mehr sagen kann, weiß ich es auch nicht. Niko macht bis jetzt einen tollen Job bei Bayern.

Den hat über Jahrzehnte auch Uli Hoeneß gemacht, im November wird er nun aufhören. Können Sie sich Bayern ohne Hoeneß vorstellen?
So richtig kann ich mir das nicht vorstellen, nein. Aber es ist auch klar, dass irgendwann eine jüngere Generation nachrücken muss.

Mit Vorstand Oliver Kahn, dem Hoffnungsträger vieler Fans.
Dank seiner Mentalität kann Olli die Aufgabe meistern. Wie ich ihn kenne, wird er da alles reinhauen. Ich traue ihm zu, irgendwann die Lücke zu schließen, die Hoeneß hinterlässt.

Lesen Sie auch: Ottmar Hitzfeld rät FC Bayern von Sané-Transfer ab

 

6 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading