AZ exklusiv Philipp Lahm: "Der FC Bayern wird sich neu finden müssen"

"Er hat den Verein 40 Jahre lang als Manager und Präsident geprägt", sagt Lahm über Hoeneß. Foto: firo/Augenklick

Philipp Lahm, ehemals Kapitän beim FC Bayern München, spricht im exklusiven AZ-Interview über den Rückzug von Uli Hoeneß und den FC Liverpool als Vorbild und Trainer Hansi Flick.

 

München - Philipp Lahm, der langjährige Kapitän des FC Bayern und der Nationalmannschaft, spricht im exklusiven Interview mit der Abendzeitung unter anderem über den Rückzug von Uli Hoeneß, Oliver Kahn und die aktuelle Situation der Münchner. Der 36-Jährige erklärt dabei auch die Rollen von Hansi Flick sowie Thomas Müller und nennt Jürgen Klopp und den FC Liverpool als Vorbild für den FC Bayern.

AZ: Herr Lahm, Uli Hoeneß wird sich am Freitag auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender zurückziehen. Waren Sie von diesem Entschluss überrascht?
PHILIPP LAHM: Uli Hoeneß war immer ein Bauchmensch, der jetzt das Gefühl hat, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um loszulassen. Deswegen war es nicht überraschend für mich. Der Verein wird sich wieder neu und anders finden müssen. Die Themen werden dabei sicher auch andere werden als in den letzten 40 Jahren.

Welche genau?
Die Themen sind ja nicht nur von Uli Hoeneß, sondern auch vom Markt gesteuert worden. Es werden sich andere Märkte öffnen, Globalisierung, andere Marken – diese Themen werden bleiben. Man wird aber anders an sie herangehen als noch mit Uli Hoeneß, der den FC Bayern wie ein Familienunternehmen geführt hat. Er war in vielen Situationen ein Gefühlsmensch, das wird sich mit anderen Personen anders gestalten. Es wird eine große Ära zu Ende gehen, aber auch eine neue starten.

Lahm über Hoeneß beim FC Bayern: "Alles ist endlich"

Sie gehören also nicht zu denjenigen, die sich den FC Bayern ohne Hoeneß gar nicht vorstellen können?
Er hat den Verein 40 Jahre lang als Manager und Präsident geprägt, deshalb kann man sich das nur schwer vorstellen. Auch für mich gab es den Verein nicht ohne Uli Hoeneß. Aber alles ist zeitlich endlich. Es wird wieder etwas Neues entstehen.

2021 will auch Karl-Heinz Rummenigge als Vorstandsvorsitzender abtreten und Oliver Kahn soll sein Nachfolger werden.
Es hat den FC Bayern immer ausgezeichnet, dass Leute kommen, die aus dem Fußballgeschäft sind und sich im Fußball auskennen. Auch Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge haben auf absolutem Topniveau gespielt und den Verein aus dem Fußball heraus geführt. Drumherum braucht man Fachleute aus verschiedenen Bereichen. Das hat der FC Bayern. Und jetzt holt man sich den Fußball-Teil, der in der Führung mit Uli Hoeneß und irgendwann auch Karl-Heinz Rummenigge verloren geht, mit Kahn wieder dazu. Es wird beim FC Bayern weitergehen.

Kann Kahn die riesigen Fußstapfen der beiden ausfüllen?
Oliver Kahn hat alles erlebt im Fußball, auf absolutem Spitzenniveau. Es ist wichtig, den Spielern da auf Augenhöhe begegnen zu können. Das war bei Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge so und ist bei Oliver Kahn genauso.

Wie haben Sie Hoeneß in Ihrer Zeit beim FC Bayern erlebt?
Uli Hoeneß hat viel geleistet für den Verein und war immer ein Ansprechpartner für die Spieler. So habe ich ihn als Vorgesetzten gesehen und kennengelernt. Auch als Kapitän war der Austausch immer da. Ich hatte aber auch andere Vorgesetzte: den Trainer, die Vorstände mit Karl-Heinz Rummenigge. Uli Hoeneß hat seine Meinung immer offen kommuniziert, ist Probleme direkt angegangen.

Lahm über Hoeneß-Zoff: Sind im Guten auseinandergegangen 

So wie 2009, nachdem Sie in einem Interview die Philosophie und Einkaufspolitik des Klubs kritisiert hatten.
Er hat die Dinge eben immer direkt angesprochen. Und ich habe ihm auch meine Sicht der Dinge gesagt. Dann ist man wieder im Guten auseinandergegangen. Es war ja von allen Seiten nicht gegen den Verein gerichtet. Hoeneß hatte immer das Wohl des Vereins im Auge. Es gibt Situationen, in denen man nicht gleicher Meinung ist, aber trotzdem das Beste für den Verein will. Es hat ja bis zum Ende sehr gut gemeinsam funktioniert und wir waren sehr erfolgreich. Wir beide sind dem Verein sehr lange treu geblieben. Ich bis zu meinem Karriereende und Uli Hoeneß über mein Karriereende hinaus (lacht).

Rummenigge sagt, dass auch für Sie "die Tür beim FC Bayern immer offensteht". Haben Sie das für die Zeit nach der EM 2024 im Hinterkopf?
Ich habe eine tolle und interessante Aufgabe damit, die Europameisterschaft im eigenen Land mitzuorganisieren. Deshalb mache ich mir momentan keine Gedanken, was nach 2024 passiert. Dafür ist die Sache zu fordernd.

Auch Bastian Schweinsteiger hat kürzlich seine Karriere beendet. Könnten Sie sich ihn irgendwann als Verantwortlichen beim FC Bayern vorstellen?
Wie gesagt: Es ist wichtig in einem Fußballverein, dass in der Führung ehemalige Spieler sind, die den Verein kennen und das Ganze auf Spitzenniveau selbst erlebt haben. Weil sie den Fußball dann kennen und wissen, welche Qualitäten wichtig sind, wer zu welchem Spieler passt. Es hat dem FC Bayern immer geholfen, dass es diese Leute im Verein gibt. Deshalb kann es natürlich sein, dass Basti zum FC Bayern zurückkommt. Ich war froh, dass ich ihn fast während meiner ganzen Karriere an meiner Seite hatte. Ich weiß aber nicht, welche Pläne er jetzt hat.

Lahm: "Es muss immer eine Entwicklung stattfinden"

Kommen wir zur aktuellen sportlichen Situation des FC Bayern. Wie sehen Sie die nach dem holprigen Saisonstart, der Trennung von Niko Kovac und nun dem 4:0 gegen Borussia Dortmund?
Bayern hat mit einem gewissen Abstand die meiste Qualität im Kader, immer noch die besten Spieler der Liga. Im Fußball ist es generell wichtig, Kontinuität reinzubekommen, um ganz großen Erfolg zu haben. Innerhalb einer Mannschaft, aber auch auf den Führungspositionen. Das beste Beispiel ist doch Liverpool mit Jürgen Klopp. Der macht jetzt wirklich eine Toparbeit, man hat ihm aber auch eine gewisse Zeit gegeben, um die Mannschaft zu entwickeln. Es muss immer eine Entwicklung stattfinden, das war bei allen Teams so, in denen ich gespielt habe.

Hat sich Interimscoach Hansi Flick nun dafür empfohlen, möglicherweise bis Saisonende Chefcoach zu bleiben?
Ich kenne Hansi hauptsächlich als Co-Trainer von der Nationalmannschaft, der natürlich auch Verantwortung hatte. Das ist aber auch schon wieder fünf Jahre her. Ich habe sehr an ihm geschätzt, dass er immer offen war, sich auch andere Meinungen anzuhören. Er war ein Typ, der mit den Spielern auskommt. Es ist jetzt wichtig, sich genau zu überlegen, wer Trainer wird, wer für diese Situation der Richtige ist.

Manuel Neuer könnte Ihre Unterstützung aktuell sicher gut gebrauchen. Was kann man als Kapitän in der aktuellen Situation tun?
Ein Kapitän kann gemeinsam mit dem Mannschaftsrat, den er um sich hat, eine Richtung vorgeben. In schwierigen Phasen ist es umso wichtiger, dass die Mannschaft zueinandersteht. Manu hat so viel Erfahrung, Thomas Müller genauso. Da sehe ich jetzt nicht, dass die auseinanderbröckeln. Manu wird die richtigen Schlüsse ziehen und vorangehen.

Müller-Abschied vom FC Bayern für Lahm "undenkbar"

Thomas Müller genießt unter Flick wieder vollstes Vertrauen. Kovac hatte ihn dagegen sechs Mal in Folge auf die Bank gesetzt. Zwischenzeitlich stand sogar ein möglicher Abschied im Raum.
Das ist für mich undenkbar. Ich glaube nicht, dass der FC Bayern ihm die Freigabe erteilen würde. Wenn man an das Mia-san-mia glaubt und es lebt, dann braucht man solche Identifikationsfiguren wie Thomas Müller. Er ist durch und durch ein Bayer und ein FC-Bayern-Spieler. Er ist einer, der die Mannschaft auch mitnehmen kann, und auch ungemein wichtig für den Verein und die Fans – gerade jetzt.

Wurden Sie eigentlich – wie Arjen Robben bei der 10, die nun Philippe Coutinho trägt – bei Lucas Hernández gefragt, ob er Ihre Rückennummer, die 21, haben kann?
(lacht) Nein. Aber da muss mich auch niemand fragen. Ich bin in einer Zeit großgeworden, da wurden die Rückennummern noch nach den Positionen verteilt. Die 21 war damals bei Bayern halt frei. Nummern waren mir nie so wichtig.

Hernández sagt, dass es eine große Ehre für ihn ist, Ihre Nummer zu tragen.
Das schmeichelt mir natürlich und so etwas hört man immer gerne. Schade, dass er jetzt wieder verletzt ist und länger ausfällt. Er ist ein sehr interessanter Spieler, der schon in anderen Mannschaften bewiesen hat, wie wertvoll und wichtig er sein kann.

Als Innen- oder Außenverteidiger?
Er ist ein sehr guter Innenverteidiger und gefällt mir auf der Position. Es ist immer von Vorteil, wenn Spieler mehrere Positionen spielen können.

Das kann auch Joshua Kimmich. Wie sehen Sie seine Entwicklung als Spieler und als Persönlichkeit?
Sehr positiv. Er macht seinen Job wirklich sehr gut und hat sich wirklich weiterentwickelt. Er ist etwas charakteristischer geworden.

Schon als junger Spieler will er immer mehr Verantwortung übernehmen, spricht auch mal unangenehme Dinge an. Erkennen Sie sich da nicht doch manchmal wieder?
Ich sehe mich überhaupt nicht in Josh. Josh ist im positiven Sinne er selbst. Und genauso muss es sein. Und wenn man Aussagen tätigt, hilft es einem natürlich, wenn man dann auch Leistung bringt. Wenn die passt, kann man sich auch mehr trauen.

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