Die CSU zwischen: Jubel und Bangen

Das amtliche Ergebnis der Bundestagswahl 2013 steht fest. Die Union bekam 41,5 Prozent aller Stimmen. Bei der CSU in Bayern stellt sich die Frage: Wer kriegt welchen Ministerjob? Oder wird’s doch die große Koalition?
| Angela Böhm
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Die CSU jubelt - und bangt.
dpa Die CSU jubelt - und bangt.

München - Für einen Moment wird Horst Seehofer euphorisch. Da wirft er seine ganze Zurückhaltung über Bord und ruft: „Jetzt sag i mal: Ozapft ist! Jetzt feiern ma.“ Es ist 19.14 Uhr am Wahlabend. Bei den Hochrechnungen schien vorübergehend eine hauchdünne absolute Mehrheit für die Union im Bundestag möglich.

Das hatte niemand bei der Wahlparty der CSU in der Hanns-Seidel-Stiftung auch nur in seinen kühnsten Träumen erwartet. „Es wird für die CSU ein goldener September“, schwärmt Seehofer. Im Duett könnten Angela Merkel und er Deutschland regieren. Er, der König von Bayern, würde der Kanzlerin die Daumenschrauben anlegen und alles durchsetzten, was er angekündigt hat. Dann könnte ihm keiner und keine mehr. An diesem Abend scheint alles möglich. Aber auch das Gegenteil.

Die schwarz-gelbe Regierung ist abgewählt. Wenn’s nicht zur absoluten Mehrheit reicht, muss sich die Union einen neuen Koalitionspartner suchen. Es geht hin und her an diesem Wahlabend. Seehofer weiß das. Es wird für ihn eine Zitterpartie: Ob er künftig seine Muskeln spielen lassen kann, oder ob er in einer großen Koalition mit der SPD als kleinster Partner zurechtgestutzt wird.

Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hat er schon telefoniert. Sie haben sich abgesprochen, an diesem Abend noch nichts zu sagen. Sie wollen den nächsten Morgen abwarten.

Damit es ihnen nicht so ergeht, wie einst Edmund Stoiber bei seiner Kanzlerkandidatur. Der ging als Sieger ins Bett und wachte am nächsten Tag als Verlierer auf. Gerhard Schröder hatte ihn mit seiner SPD ganz knapp abgehängt. Also keine Schnellschüsse. In diesem Moment ist nur eines klar: Die CSU kommt in Bayern wieder an die magischen 50 Prozent. „Der Sieger des heutigen Abends steht fest“, triumphiert Seehofer. „Es ist die christlich-soziale Union.“ Und: „Wir haben jetzt in Bayern wieder klare Verhältnisse.“

„So sehen Sieger aus“, singen sie auf der CSU-Wahlparty im Franz-Josef-Strauß-Saal und rufen „Horsti-Horsti“. Ilse Aigner holt aus ihrer Handtasche eine „Schlandkette“, so eine wie sie Bundeskanzlerin Angela Merkel beim TV-Duell getragen hat. „Ich hab' sie für einen Sieg mitgebracht.“ Aigner ist im siebten Himmel. Die Kellnerin serviert ihr die Getränke in Schwarz-Rot-Gold: Rotwein, Blutorange und Weißwein.

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Schon wird in Seehofers Mannschaft das Fell des Bären verteilt: Die CSU müsse den Vize-Kanzler stellen. Es werde Ministerposten über die Bayern in Berlin regnen. Fünf, sechs, sieben – statt wie bisher drei Ministerien. Die FDP macht vier Posten frei.

Eine absolute Mehrheit in Berlin könnte alles durcheinander bringen. Horst Seehofer müsste die Karten völlig neu mischen, vielleicht sogar selber nach Berlin an die Seite der Kanzlerin wechseln und seine Nachfolge in Bayern ganz schnell regeln.

„Einen Mangel an Bewerbern für Ministerposten gibt's ja bei uns nicht“, sagt Ex-CSU-Chef Erwin Huber. Peter Ramsauer könnte aufatmen, er dürfte Minister bleiben. Für CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, dem Seehofer schon einen Kabinettsposten in Berlin versprochen hatte, gäbe es dann ja eine große Auswahl.

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Auch Vize-Generalin Dorothee Bär dürfte dann hoffen. Sie, die beim ersten Trend um 18 Uhr so enttäuscht war und stöhnte: „Wahnsinn, wenn die FDP nicht raus fliegen würde, hätte Schwarz-Gelb weiter regieren können.“ Ilse Aigner weiß noch nicht so recht, ob sie sich jetzt freuen soll, dass sie nach Bayern gewechselt ist, oder wär's jetzt in Berlin doch besser?

Es wird ein Wechselbad der Gefühle. Was nützen Horst Seehofer seine fast 50 Prozent in Bayern, wenn die Union am Ende doch einen Koalitionspartner braucht, weil Kanzlerin Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Berliner Runde verspricht: „Ich will eine stabile Mehrheit für Deutschland.“

Den meisten Einfluss hätte die CSU da noch bei Schwarz-Grün. Da wären die Bayern wenigstens auf Augenhöhe mit der Ökopartei. Doch allein bei dem Gedanken schüttelt's CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. „Die Grünen sind keine Partei, sondern der politische Arm von Krawallmachern, Steinewerfern und Brandstiftern“, hat er noch kürzlich gegiftet. Auch an diesem Abend wird er nicht müde, gegen die Grünen zu stänkern: „Sie sind der Wahlverlierer.“ CSU-Vize und Noch-Verkehrsminister Peter Ramsauer schüttelt den Kopf: „Da bekomme ich einen Vorstellungs-Infarkt.“

Die unglücklichste Verbindung für Seehofer ist die große Koalition. Die hat er selber als Verbraucherminister erlebt. Da kommen die wenigsten Ministerposten raus. Ganze zwei waren’s beim letzten Mal. Auch der Einfluss der CSU ist am geringsten. Seine Muskeln kann König Horst da gleich wieder einpacken. Über seine Drohungen, er unterschreibt den Koalitionsvertrag nur, wenn er die Maut bekommt, würden CDU und SPD nur schmunzeln.

Auf die kleine Schwester aus Bayern käme es nicht an. „Da sind wir dann der Appendix, den man auch wegoperieren kann“, sagt ein führender CSU-Politiker. Das Anhängsel, das man nicht braucht. CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt mahnt: „Jetzt warten wir doch erstmal das Ergebnis ab.“

 

 

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