AZ-Interview Giovane Elber: "Lewandowski kann 40 Saisontore schaffen"

, aktualisiert am 25.10.2019 - 10:13 Uhr
Traut Bayern-Torjäger Robert Lewandowski viele Tore zu: Ex-Bayern-Spieler Giovane Elber (l.), hier bei einem Event von Marriott Bonvoy in der Allianz Arena. Foto: Marriott Bonvoy, firo/Augenklick, AZ-Montage

Giovane Elber spricht im AZ-Interview über Bayern-Stürmer Robert Lewandowski, dem er den Gerd-Müller-Rekord zutraut, die Schwächephase von Philippe Coutinho und FCB-Trainer Niko Kovac.

 

München - AZ-Interview mit Giovane Elber: Der 47-Jährige spielte von 1997 bis 2003 beim FC Bayern, 2001 wurde er Champions-League-Sieger. Heute ist er als Markenbotschafter für den Klub tätig.

AZ: Herr Elber, Ihr Landsmann Philippe Coutinho hat nach einem guten Beginn beim FC Bayern in den vergangenen Spielen nicht mehr überzeugt. Woran liegt das?
GIOVANE ELBER: Man muss ihm Zeit geben, dann wird er zeigen, dass er ganz wichtig sein und lange bleiben kann. Klar wäre es schön gewesen, wenn von Beginn an alles gepasst hätte. Die ersten Spiele waren ja auch richtig gut. Das Wichtigste ist, dass er schon Anschluss hier in München gefunden hat.

Wie sehen Sie sein Potenzial?
Es ist Wahnsinn, wie gut der Junge Fußball spielen kann. Das wusste man natürlich schon vorher, aber es ist beeindruckend, ihn für Bayern auf dem Platz zu sehen. Er spielt anders als James Rodríguez, Coutinho hat diese Leichtigkeit und versucht immer, direkt zu spielen, schnell, mit Doppelpässen, und die Mitspieler einzusetzen. Wir werden sehr viel Freude an ihm haben.

Elber: "Kann mir nicht vorstellen, dass Müller weggeht"

Erinnert er Sie mit seinen Finten auch ein bisschen an Mehmet Scholl?
Ja, genau! Das stimmt voll. Ich habe jetzt zum ersten Mal mit ihm gesprochen. Er sagte mir: "Giovane, ich will Deutsch lernen!" Das ist schon wichtig, auch wenn er gut Englisch kann. Er hat mir verraten, dass die Mannschaft ihn sehr gut aufgenommen hat. Coutinho ist ein guter Junge.

Kann er zum entscheidenden Spieler für Bayern in der Champions League werden?
Das kann er. Ich denke, dass sein Zusammenspiel mit Lewandowski noch besser wird, das braucht einfach Zeit. Coutinho ist ein Genie.



Wie schwer ist die Situation für Thomas Müller nach der Coutinho-Verpflichtung?
Klar ist es schade und hart, dass einige Spieler draußen sitzen müssen. Ich kann mir vorstellen, dass Thomas nicht glücklich ist. Aber man muss auf seine Chance warten. Thomas ist professionell, er weiß, was der FC Bayern bedeutet. Und wir wissen, was wir an Müller haben. Der Trainer weiß das auch. Thomas ist in dieser Saison oft eingewechselt worden und hat dann überzeugt, gespielt wie ein Stammspieler. Thomas darf sich keinen Kopf machen.

Gegen Olympiakos hat er mit zwei Torvorlagen geglänzt. Das ist Thomas Müller. Der Junge ist einer von uns! Ich kann mir nicht vorstellen, dass er vom FC Bayern weggeht. Wenn er aufs Spielfeld kommt, weiß er sofort, was er machen muss.

Lewandowski für Elber der beste Stürmer der Welt 

Was sagen Sie zur Form von Robert Lewandowski?
Das ist wirklich Wahnsinn, so etwas habe ich beim FC Bayern nie gesehen. Das gab es seit Gerd Müller nicht.

Ist er aktuell der beste Mittelstürmer der Welt?
Mit Sicherheit. Klar gibt es auch andere gute Stürmer in der Bundesliga oder im Ausland, aber Lewandowski schießt fast in jedem Spiel ein Tor oder gibt eine Vorlage. Er ist in sehr guter Verfassung.

Ist er besser als Sie in Ihrer aktiven Zeit? Viel, viel besser! Ich habe ihn schon in der Vorbereitung in Amerika gesehen. Wie er da aus dem Urlaub gekommen ist, war der Wahnsinn. Davon konnte ich früher nach dem Urlaub nur träumen. Aber heute denken die Spieler anders, die machen selbst im Urlaub viel für sich. Er arbeitet und lebt sehr professionell.

Sind für Lewandowski sogar 40 Tore in der Bundesliga möglich, wie es Gerd Müller 1971/72 geschafft hat?
Ich habe gedacht, dass es keiner schaffen kann, den Rekord zu brechen. Aber mittlerweile denke ich, dass Lewandowski das schaffen kann. Er schießt jedes Spiel ein, zwei Tore. Ganz großen Respekt! 

Elber: "Gnabry ist ein intelligenter Spieler"

Auch Serge Gnabry hat zuletzt sehr stark gespielt.
Seine Entwicklung ist wirklich sehr, sehr gut. Er ist ein intelligenter Spieler, nicht nur wegen seiner Tore. Gnabry ist einer, der auf die Grundlinie geht, den Kopf hoch macht und schaut, wo seine Mitspieler sind. So schnell hätte ich diese Entwicklung nicht erwartet. Die Kurve geht nach oben. 

Ist er ein adäquater Nachfolger für Arjen Robben?
Langsam, langsam (lacht). Man weiß, was man an Arjen Robben hatte, beide Spieler kann man nicht vergleichen. Kingsley Coman und Gnabry sind zwei junge Spieler, die Lust haben. Das ist gut. Wenn es mal schlecht läuft, wird es für sie wichtig sein, dass sie einen kühlen Kopf bewahren. Und in den guten Phasen dürfen sie nicht durchdrehen.

Die Spielweise des FC Bayern wird schon länger kritisch gesehen. Erkennen Sie eine spielerische Entwicklung unter Niko Kovac?
Niko macht einen guten Job. Man hat gesehen, was Bayern gegen Augsburg für Chancen hatte. Niko kann ja nicht auf den Platz gehen und die Tore schießen. Vielleicht ist es besser, dass jetzt so ein Spiel passiert ist und nicht in der entscheidenden Phase der Saison. Ich unterschreibe sofort das, was Karl-Heinz Rummenigge gesagt hat: Wir müssen besser spielen, sonst kommen wir in der entscheidenden Phase nicht weiter. Aber an Niko Kovac habe ich keine Zweifel. Er ist ein guter Trainer, ein junger Trainer, der Zeit braucht.

Elber glaubt an Kovac

Nimmt Kovac denn alle Spieler mit – wie es früher Ihr Trainer Ottmar Hitzfeld geschafft hat?
Was ich mitbekommen habe, hören die Spieler Kovac schon zu. Ich bin viel mit der Mannschaft und dem Präsidium unterwegs und hatte nicht den Eindruck, dass der eine oder andere Spieler enttäuscht von Kovac ist. Ich glaube an den Trainer.

Was ist für Bayern möglich in dieser Champions-League-Saison?
Da muss man abwarten. Die Saison ist noch jung, man kann die Stärken der europäischen Klubs noch nicht genau einschätzen. Sogar der FC Liverpool hat schon verloren. Bayern muss konzentriert arbeiten. In der letzten Saison haben wir im Achtelfinale in Liverpool gut gespielt, aber im Rückspiel nicht gut ausgesehen. Das darf nicht nochmal passieren.

Erwarten Sie einen Dreikampf um die Meisterschaft zwischen Bayern, Dortmund und Leipzig?
Die Spannung in der Liga finde ich richtig geil. Leipzig spielt ganz oben mit, ich hoffe auch auf Leverkusen und Schalke. So lange mehrere Vereine um den Titel spielen, umso interessanter ist die Bundesliga weltweit. Es gab schon Phasen in den vergangenen Jahren, in denen es langweilig war. In Brasilien haben die Fans lieber englischen Fußball geschaut, weil Bayern immer auf Platz eins war und Meister geworden ist. Ich würde mir schon wünschen, dass es für die Fans bis zum Ende spannend bleibt – und Bayern Meister wird. 

"Kahn war der Einzige, der sich nicht nur um Fußball gekümmert hat"

Trauen Sie auch Ihrem Ex-Klub, dem aktuellen Tabellenführer Gladbach, zu, um die Meisterschaft mitzuspielen?
Das glaube ich nicht. Gladbach und auch Wolfsburg sind in meinen Augen beide noch nicht so weit. Die Chance für diese Mannschaften war jetzt in der Phase da, in der wir Punkte haben liegenlassen. Das ist nicht normal für den FC Bayern. Aber keiner hat davon profitiert. Ich glaube, dass Dortmund und Leipzig noch nach oben kommen können.

Anfang 2020 verstärkt Ihr früherer Mitspieler Oliver Kahn den Vorstand des FC Bayern. Kann er die emotionale Lücke füllen, die Uli Hoeneß mit seinem Abschied als Präsident hinterlässt?
ch glaube schon. Bei uns in der Kabine war Oli der Einzige, der sich nicht nur um Fußball gekümmert hat. Er hatte einen weiteren Blick – auch auf Finanzen und Ähnliches. Deshalb kann er das gut hinbekommen. Er soll langsam lernen, wie alles funktioniert im Klub. Das ist gut. Oli war schon als Spieler sehr fokussiert.

Wie hat sich das gezeigt?
Er war ja kein Naturtalent, das hat Oli uns auch selbst immer gesagt: "Ich muss arbeiten, arbeiten, um gut zu halten. Wenn ich eine Woche schlecht trainiere, brauche ich am Wochenende gar nicht spielen" – so war er. Und so hat er alles gewonnen, was man gewinnen kann.

"Pizarro muss sich hinten anstellen" 

Wer war eigentlich Ihr bester Freund im Fußballgeschäft?
Fredi Bobic. Er ist mein Bruder, fast noch mehr als die zwei Brüder, die ich von meiner Mama habe. Mit Fredi habe ich fast jeden Tag Kontakt. Wenn Frankfurt gespielt hat, rufe ich sofort an. Frankfurt spielt echt einen tollen Fußball.

Und Claudio Pizarro?
Mit Claudio war ich auf der Wiesn. Ich habe ihn eingeladen, bei den Bayern-Legenden mitzuspielen. Aber er spielt noch für Bremen, da muss man abwarten. Vielleicht nächste Saison. Aber es ist klar, dass er sich hinten anstellen muss. Ich bin Präsident der Legenden-Mannschaft und im Sturm natürlich gesetzt von Beginn an. Dann gibt es noch Roy Makaay, Luca Toni – Claudio wäre also nur der vierte Stürmer (lacht).

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