Wo Mosi mit Geparden flanierte

Barbara Kruppka hat eine sehr detaillierte Erinnerung daran, wo (und wie) die Stars früher in München verkehrt sind. Hier berichtet sie davon.
| Barbara Kruppka
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Barbara Kruppka (l.) mit einer Freundin beim Fasching. Kleines Bild: Der junge Rudolph Moshammer nimmt auch mal einen Geparden mit.
privat/AZ-Archiv Barbara Kruppka (l.) mit einer Freundin beim Fasching. Kleines Bild: Der junge Rudolph Moshammer nimmt auch mal einen Geparden mit.

"Hoch drobn auf dem Berg", singend wanderte das ganze Dorf in zünftigen Trachten, wippenden Gamsbärten und schwingenden Röcken den schmalen Weg zur Anhöhe hinauf. Dort stand eine kleine Kirche, deren Zwiebeltürme in den blauen Himmel ragten, die Hochzeitsglocken läuteten. Das Brautpaar sah sich selig an, bis der Abspann des Films das Ende desselben verkündete.

Mit glühenden Wangen saß ich als Siebenjährige vor dem Bildschirm, von der faszinierenden Bergwelt verzaubert, wünschte ich mir, dort zu sein.

Jeden Heiligen Abend verbrachte ich, damals noch in Nordhessen lebend, die Zeit des Wartens auf die Bescherung mit "Tante Erika" und dem Bayerischen Fernsehen. Tante Erika allerdings wartete auf das Christkind, wer immer das auch war. Sie und die Kinder sangen bayerische Weihnachtslieder, ich verstand sie zwar nicht, aber es hörte sich himmlisch an.

Als Teenager, zermürbt von der bleiernden Langeweile der hessischen Grenzprovinz, war der Fernseher der einzige Lichtblick. Samstagabend schaute die ganze Familie den Münchner "Kommissar" mit Erik Ode. München, das wurde mein Zauberwort, mein Mantra, meine Zukunft. München mit Karl Valentin, Isar und den coolen Diskotheken.

Kaum volljährig, packte ich meine Siebensachen. Wochenlang hatte ich zuvor einen bekannten Musikverlag in München, in schönster Regelmäßigkeit angerufen, denn ich bildete mir ein, dass ich genau dort arbeiten wollte.

Dem Eigentümer dieser Firma, einen über die Grenzen Deutschlands bekannter Musikverleger, dessen Vater bereits Musikgeschichte im Bereich der Operette geschrieben hatte, ging ich derartig auf die Nerven, dass er schließlich in den Telefonhörer seufzte: "Kommen Sie her, ich habe zwar keine Stelle frei, aber Sie gehen mir so auf die Nerven, damit muss Schluss sein." Da hatte ich nun meine Stelle als Musikpromoterin, was immer das auch war, aber egal, ich liebte Musik – und ich konnte reden.

Was für eine Stadt!

"Man muss in Schwabing wohnen" riet man mir, "da pulsiert das Leben". In einer WG erkämpfte ich mir ein kleines Zimmer unter dem Dach, fünf Stockwerke ohne Lift, mit fließend Wasser und WC im Treppenhaus. Gebadet wurde im Müllerschen Volksbad.

Der Job war klasse. Ich lernte dort die "Silver Convention" kennen, die gerade mit ihrem Hit "Fly Robin fly" aus den USA zurückkamen und in affenscharfen Klamotten mit ellenlangen blau-silbernen Stiefeln und hellblau gefärbten Fuchsjacken unser Büro betraten.

Peter Alexander mit Frau schaute gelegentlich ebenfalls im Verlag vorbei, und man konnte die Dominanz seiner Frau nicht nur ahnen.

Dschingis Khan stürmten gerade die Hitparaden sowie unseren Bürokühlschrank, und Michael Cretu (der Mann von Sandra und späterer Enigma-Produzent) arbeitete noch als freier Producer in unserem Studio. Ab 15 Uhr nachmittags klingelten bereits die internen Telefone: Jeder wollte wissen, in welchem Biergarten man sich später traf. Ab 14 Uhr hörte man das ungeduldige Klacken der Kugeln des firmeneigenen Flippers, der im Vorraum zu aller Entspannung stand.

Oft gingen wir ins "Drugstore" am Wedekindplatz. Man konnte dieses Lokal jedoch nur durch eine sehr schicke Boutique betreten. Erst durch den Laden und dann ins Lokal. In gemütlichen, gepolsterten Sitzecken aus rotem Leder saßen wir an dunklen Holztischen und schauten dem Schwabinger Treiben zu.

Nebenan war das Haus der 1000 Biere meist proppenvoll – so wie die meisten urigen Kneipen in Altschwabing.

Geheimtipp aber war die "Deutsche Eiche" zwischen Viktualienmarkt und Gärtnerplatz, das Stammlokal von Rainer Werner Fassbinder und vielen anderen Künstlern. Das Gärtnerplatzviertel war damals noch eher einfach, ohne Schickimickis oder SUVs, eher wurde es als Glasscherbenviertel bezeichnet.

Hier hatten sich einige einschlägige Lokale angesiedelt. Nur über Türsteher kam man hinein und erfuhr eine neue Welt. Eine Welt der Farben, Schönheit, der Geheimnisse und ein bisschen Frivolität. Es gab Lokale, da kamen die "Damen" mit Federboas und langen schwarzen Wimpern, versprühten ihren Charme und ihren teuren Duft, wer immer das auch war. Gern ließ sich auch so mancher Promi dort "verzaubern", und mangels Smartphones war man dort inkognito.

Fasching in der Eiche

Im Fasching war die "Deutsche Eiche" geschlossen, von außen versteht sich, denn nur Eingeweihte wussten, dass man in den Innenhof und dann durch das offen stehende Küchenfenster des Lokals steigen musste, um Eintritt zu erlangen. Aber Vorsicht, unterhalb des Fensters stand seitlich gleich der Herd.

Auch Elisabeth Volkmann, Barbara Valentin, später auch Freddy Mercury waren oft hier zu Gast, ganz privat.

Was man in München alles erleben konnte, erfuhr ich gleich in der ersten Woche. So lernte ich im Frankziskaner-Biergarten Herrn von Trense kennen. Er lud dort zu einem, heute würde man sagen, "Prominenten-Stammtisch" ein. An diesem Stammtisch saßen Sigi Sommer, Max Colpe ("Sag mir, wo die Blumen sind") und andere bekannte Persönlichkeiten dieser Stadt.

Am Altstadtring lag versteckt das "Namenlos", wo die Prominenz tanzte. Nichts wies von außen auf das Lokal hin, und nicht selten sah man unsere damaligen FC-Bayern-Stars dort vergnügt feiern. Man musste sich schon was einfallen lassen, um reinzukommen...

Rau, aber herzlich

Besonders gemütlich war es im Winter in der Sankt Emmeramsmühle an der Isar. Ein uriges und sehr beliebtes Lokal. Innen holzvertäfelt, die Tische sowie Stühle original erhalten, konnte man dort die besten bayerischen Schmankerln essen. Hier saß von Bauträgern, Fernsehstars und normalen Sterblichen alles, was einen Sitzplatz ergattern konnte. Der Ton war rau, aber herzlich, und die Hausmaus lief ohne Scheu auf dem Sims der Holzverkleidung entlang und schaute sich das Treiben gelassen an.

Ein richtiger Lumpensammler war das "Pimpernel" in der Müllerstraße. Dort trafen sich all jene, die noch nicht nach Hause wollten. Schauspieler, Damen aus dem Gewerbe, attraktive Transvestiten mit oftmals verrutschtem Make-up und Perücken, aber auch Söhne und Töchter aus gutem Hause feierten dort noch bis in die frühen Morgenstunden, die dann meistens in der "Schmalznudel" am Viktualienmarkt zum Frühstück endeten.

In "Kay’s Bistro", aber auch im "Roy" traf sich gerne die Prominenz. Besonders spannend war es dort, wenn weltbekannte Künstler ihren Auftritt in München hatten: Insider wussten, dass diese nach ihren Auftritten, oftmals in eben jene beiden Lokale geführt wurden. So lernte ich die wunderbare Opernsängerin, Mirella Freni, die Popsängerin Eartha Kitt, Rex Gildo und viele mehr kennen. Auch die Weather Girls traf man hin und wieder, man konnte mit ihnen so wunderbar um die Häuser ziehen.

Sorglos mit den Stones

Im "Sugar Shack" sah man an solchen verzauberten Abenden auch schon mal Bryan Ferry oder die Rolling Stones – es war eine heiße und sorglose Zeit, wo nicht das Geld, sondern einzig und allein die Freude eine Rolle spielte.

Des Öfteren sah man den noch jungen Rudolph Moshammer – in Begleitung seiner beiden Geparden – über die Maximilianstraße flanieren, oder er stolzierte neben seiner zierlichen Frau Mama (mit lila aufgetürmten Haaren), die neben ihm her trippelte.

Der Höhepunkt aber war für mich der Fasching! Im Löwenbräu am Stiglmaierplatz wurden die schönsten und kreativsten Kostüme prämiert, der Saal dampfte regelrecht vor Menschen. Moshammer schoss den Vogel ab mit einer derartigen Selbstinszenierung, dass mancher Mund offen stehenblieb. Er trug ein historisches Kostüm und stellte sich als König Ludwig mitsamt seinem illustren Hofstaat dar.

Die Damen in rauschenden Reifröcken und weiß gepuderten Perücken, die Herrn in engen Höschen und Samt- und Seidenwams gekleidet, die Perücken ebenfalls kunstvoll gerichtet und gepudert. Selbst Diener brachte Rudolph Moshammer mit, die silberne Kerzenleuchter trugen oder Pfauenwedel. Ein einmaliges Bild, fast wie gemalt.

Was immer es auch war, unsere Zeit damals in München war unbeschwert und bleibt unvergessen.


Und was haben Sie erlebt? Schreiben Sie an die AZ!

Die AZ wird Sie in diesen Sommertagen unterhalten mit Geschichten aus den Zeiten, in denen München doch noch münchnerischer war als heute. Als Stenze durch die Stadt strawanzten – und Striezis und Schandis aneinandergeraten sind.
Haben Sie selbst auch solche Münchner Gschichten erlebt?
Schreiben Sie sie auf – und schicken sie diese, gern mit Fotos (falls vorhanden) – an leserforum@az-muenchen.de

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