Die 60er und 70er: Als das Lehel noch bezahlbar war

Eine AZ-Leserin erinnert sich an ihre Jugend in dem Viertel, das heute für Luxus steht. Damals war davon freilich noch nichts zu spüren.
| Von AZ-Leserin Gisela Welzenbach
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Rechts: Fasching im Lehel 1970: AZ-Leserin Gisela Welzenbach mit zwei Freundinnen in der Lerchenfeldstraße. Links: Gisela Welzenbach überreicht sie dem Karikaturisten und Architekten Ernst Maria Lang († 2014) einen Faschingsorden.
privat/AZ Rechts: Fasching im Lehel 1970: AZ-Leserin Gisela Welzenbach mit zwei Freundinnen in der Lerchenfeldstraße. Links: Gisela Welzenbach überreicht sie dem Karikaturisten und Architekten Ernst Maria Lang († 2014) einen Faschingsorden.

Ich bin in den 60er/70er Jahren im Lehel in der Lerchenfeldstraße aufgewachsen. Es fuhr damals noch die gute alte Straßenbahn der Linie 20. Und es gab viele Originale, die mittlerweile alle von uns gegangen sind, leider auch einschließlich meines Vaters, der viel zur Lebendigkeit und Lebensfreude im Lehel beigetragen hat.

Die Lerchenfeldstraße ist eine Einbahnstraße und war in den 60er Jahren im Vergleich zu heute noch recht wenig befahren. Natürlich musste man trotzdem aufpassen und schauen, wenn man die Straße überqueren wollte. Da sah man noch VW-Käfer, wie wir einen hatten. Er war grün und hatte eine Reklame von Conny Freundorfer drauf. Der ehemalige Tischtennis-Star hatte in München ein Sportgeschäft. Mein Vater war damals im Tischtennis-Team von Conny Freundorfer – sie gewannen 1957/58 die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft in Bad Homburg.

Viele alte Häuser im Lehel wurden abgerissen und neue gebaut. Es war einst ein armes Vorstadtviertel, was man sich heute so gar nicht mehr vorstellen kann. In den 60ern war es noch von wenig begüterten Leuten und dem Mittelstand wie Beamten bewohnt. Die Mieten waren noch bezahlbar. Freilich gab es auch solche, die finanziell besser bis sehr gut gestellt waren. Es war halt eine bunte Mischung. Mein Schulweg in den 60er Jahren zur St.-Anna-Schule führte entlang der Lerchenfeldstraße direkt neben dem Englischen Garten, vorbei am Luitpold-Gymnasium (zu der Zeit noch ein reines Bubengymnasium) und über die damals schon stark befahrene Prinzregentenstraße. An dem Teil der Lerchenfeldstraße, der direkt am Englischen Garten vorbeiführt, wurden eine Häuserreihe aus früherer Zeit abgerissen und kürzlich neue Häuser gebaut. Dieser Straßenabschnitt nennt sich nun "Park-Avenue"! Hört sich schon nicht schlecht an, und die Häuser sehen auch gut aus. Möcht ned wissen (neugierig wär ich aber schon), was da eine Wohnung kostet. Was der Englische Garten alles so ausmacht, gell? Es bleibt aber natürlich trotzdem die gute alte Lerchenfeldstraße.

Der Schulweg vorbei an einem kleinen gemütlichen Kino

Damals gab es das Prähistorische Museum entlang der Lerchenfeldstraße noch nicht. Es war ein leerer freier Platz beziehungsweise eine Wiese. Mitte der 70er Jahre entstand das Gebäude aus Stahlbeton. Sieht nicht besonders schön aus. Wirkt fast wie ein Fremdkörper, aber man hat sich daran gewöhnt. Hier zählen die "inneren Werte". Es ist wirklich spannend und sehr interessant, was man zu sehen bekommt. Also sehr empfehlenswert.

Mein Schulweg führte auch an einem kleinen Kino vorbei, wo man immer mal kurz stehenblieb, und schaute, was denn an Filmen gebracht wurde. Da gab es natürlich die damaligen Heimat- und Liebesfilme, die Pauker-Filme mit Hansi Kraus, die Sissi-Filme und auch schon die Aufklärungsfilme von Oswald Kolle. Was haben wir uns da die Nasen plattgedrückt. Aber die Bilder waren halt doch noch recht sittsam. Die Filme liefen natürlich später am Abend und waren für uns verboten. Punktum! Dieses gemütliche kleine Kino gibt es leider schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

An der Straßenbahnhaltestelle "Nationalmuseum" stand damals ein öffentliches Klohäusl. Man nannte es den "Schwulen-Treff", eben weil es so war. Mittlerweile wurde das Häusl hergerichtet und ist jetzt der Eisbach-Kiosk. Daneben findet schon beinahe das ganze Jahr über das tolle Spektakel mit den Eisbach-Surfern statt.

"Kartoffeln, Kartoffeln – zehn Pfund für zwei Mark!"

In den 60er Jahren kam in unsere Straße hin und wieder der "Kartoffelmann". So wurde er von den Anwohnern genannt. Er zog ganz gemütlich mit seinem Karren durch unsere damals noch wenig befahrene Einbahnstraße und machte die Anwohner mit seinem Ruf "Kartoffeln, gute Kartoffeln, zehn Pfund, zwei Mark" auf sich aufmerksam. Er rief den ersten Teil ganz laut und bei der Nennung des Preises ging seine Stimmlage dann etwas leiser und recht schnell tiefer. Ich habe diesen Ruf noch heute in den Ohren.

In der Emil-Riedel-Straße gab es eine Polizeiinspektion und gegenüber der Polizeiinspektion war damals ein Milchladen. Dort holte ich immer mit einer blechernen Milchkanne einen Liter Milch. Es war ein Deckel drauf und so habe ich einmal – weil mit einem Deckel kann ja nichts schief gehen – diese gefüllte Milchkanne schön mit Schwung rumgeschleudert.

Na ja, das war dann doch keine so gute Idee – der Deckel war leider nicht so fest drauf und ich habe eine Menge verschüttet. So musste ich daheim beichten, weil ich ja noch mal Geld brauchte und zurückmusste für eine neue Füllung. Ein Schleudertrauma.

In der Straße gab es auch noch eine Holz- und Kohlehandlung. Denn in den 60er und teilweise auch noch in den 70er Jahren hatten viele Haushalte noch keinen Warmwasser-Boiler in Bad und Küche, geschweige denn einen Warmwasseranschluss mit fließend warmem Wasser.

Das war dann schon fast Luxus, wenn den jemand hatte. Also wir waren noch die Holz- und Kohle-Verheizer in unserem Bad. Jeden Samstag war Badetag für die ganze Familie, damit es sich rentiert hat, für fünf Personen den Kohleofen im Bad anzufeuern. Wie das alles so reibungslos geklappt hat, uns nacheinander sauber zu kriegen, kann ich mir heute gar nicht mehr vorstellen.

In unserem friedlichen Lehel ereignete sich auch ein richtiger Kriminalfall, anno 1965 oder 1966, genau weiß ich es nicht mehr. Als ich mal wieder Milch holen sollte, stellte ich fest, dass das Geschäft geschlossen war, obwohl es geöffnet sein sollte. Ich blickte durch das Fenster, konnte aber leider nichts entdecken. Ein paar Leute wollten auch einkaufen und wir rätselten, was da wohl los sei. Unverrichteter Dinge gingen wir wieder nach Hause. Später erfuhren wir dann, dass die Inhaberin mit einem Ziegelstein aufgefunden worden war.

Ein Mord – und das auch noch gegenüber der Polizeiinspektion – war für uns alle in der Gegend unfassbar. Der Mord wurde Gott sei Dank aufgeklärt. Dieses Milchgeschäft war dann auf immer geschlossen und auch die Polizeiinspektion gibt es da schon lange nicht mehr. Das hatte aber nichts mit dem Mord zu tun.

In unserer Straße war auch ein Tante-Emma-Laden. So ein richtig gemütliches kleines Lebensmittelgeschäft. Damals gab es noch keine großen Lebensmittelketten mit großen Supermärkten. Dieser Lebensmittelladen hatte jedenfalls alles, was man brauchte. Und natürlich gab es in der näheren Umgebung auch einen Metzger und einen Bäcker.

Am Ende der Widenmayerstraße, gleich am Isarhochufer nahe der Max-Joseph-Brücke, die zum Herzogpark und Bogenhausener Kircherl führt, hatte der Turnverein Jahn seinen Standort. Im Laufe des Jahres 1970 zog er dann nach Bogenhausen, in die Weltenburger Straße. In diesen Turnverein trat ich mit etwa acht Jahren ein und war Mitglied, bis er eben umziehen musste.

In meiner Straße lebten damals noch zwei Freundinnen von mir. Sie wohnten im Haus neben mir, ein Altbau, wahrscheinlich noch aus Vorkriegszeiten, der heute noch steht, natürlich jetzt saniert. In unserem Bereich gab es noch eine richtige Hinterhofatmosphäre, wo wir als Kinder spielten und sich der Hausmeister oder auch mal Nachbarn ärgerten, wenn wir zu laut waren. Schön war er nicht, der Hof, aber man war von der Straße weg. Und als Kind kann man überall spielen und was draus machen, egal wie der Ort ausschaut.

In unserem Haus kann ich mich an einen bärbeißigen Hausmeister erinnern, vor dem wir einen gehörigen Respekt hatten. Als ich älter wurde, stellte ich fest, dass er gar nicht so unfreundlich war, wie ich ihn als Kind gesehen habe.

Die Hammerschmiede, in der ein Dackel sein Geschäft verrichtete

Gegenüber unserer Wohnung war eine alte volkstümliche Wirtschaft, wo man einen Schweinsbraten für wenig Geld zu essen bekam. Ein Gast, der wenig sprach aber umso mehr Bier trank (er hieß Jakob, wurde aber immer "Jake" – buchstäblich so ausgesprochen – genannt), haute immer wieder voller Freude auf den Kamin, weil er sich so wohl fühlte. Man ist zwar jedes Mal zusammengezuckt, aber da man ihn ja kannte, war das weiter nicht tragisch. Leider wurde das Haus samt dem Lokal Mitte der 70er Jahre abgerissen und ein neues Wohnhaus (was heute auch nicht mehr das "Frischeste" ist) hingebaut.

Zum Glück gab es ein Ausweichlokal, die "Hammerschmiede", welches dann auch zum Stammlokal wurde. Wir haben da tolle Feiern veranstaltet, weil mein Vater, meine Schwester und ein Kollege von ihm Musik spielten.

Unser Jake hatte das Lied "Dschingis Khan" so gern und so setzte er sich einen Sektkübel oder auch mal einen leeren Eimer auf den Kopf, nahm das Schepperl in die Hand und schepperte im Takt mit, was das Zeug hielt.

Die Hammerschmiede war ein sehr volkstümliches Lokal, fast so wie in dem Lied "Die kleine Kneipe" von Peter Alexander. Da war die "Kartler-Zunft", die Schafkopf gespielt hat, und es gab eine Musikbox. Die Wirtsleut’ hatten auch einen Dackel, der doch glatt einmal unterm Tisch sein – ich drück mich jetzt vornehm aus - "großes Geschäft" verrichtet hat. Mei, hat des gestunken. Aber alle haben es überlebt.

Eine Tür geht zu, aber eine andere geht auf

Und bei einer Jubiläumsfeier meiner Tante (Anfang der 80er Jahre), die ihre 25-jährige Firmenzugehörigkeit in der Hammerschmiede feierte, gab es ein Buffet, wo es auch einen warmen Leberkäse gab. Die Stimmung war so gut, dass dieser vor Begeisterung auf den Boden fiel und von der Wirtin völlig unbekümmert wieder aufs Tablett gelegt wurde. Es hat niemanden gestört.

Diese Wirtschaft gibt es leider nun schon lange nicht mehr. Sie wurde nach dem Tod der Wirtsleute geschlossen, danach wurde ein russisches Lokal (dieses gibt es auch schon lange nicht mehr) daraus. Meine Eltern waren davon nicht sehr angetan und so ging auch diese Ära – zumindest was uns betraf – zu Ende.

Aber wie es so schön heißt: "Eine Tür geht zu, aber eine andere geht auf." In diesem Fall ist es ein Lokal an der Ecke Oettingen-/Emil-Riedel-Straße, dass vor Jahrzehnten "Paradiesgarten" hieß, also auch eine echte bayerische Wirtschaft war, später wurde es in "Kanzleirat" umbenannt. Jetzt heißt dasselbe Lokal seit mehr als einem Jahrzehnt "Leib und Seele". Es ist sehr gemütlich, man isst sehr gut und die Leute (so wie wir auch) fühlen sich da sehr wohl.

Ich habe so viele schöne Erinnerungen ans Lehel. Es war meine Heimat, auch wenn ich jetzt – zum Glück nicht weit weg – von meinem alten Stadtviertel wohne. Ein Stück meines Herzens ist im Lehel geblieben.


Und was haben Sie erlebt? Schreiben Sie an die AZ!

Die AZ wird Sie in diesen Sommertagen unterhalten mit Geschichten aus den Zeiten, in denen München doch noch münchnerischer war als heute. Als Stenze durch die Stadt strawanzten – und Striezis und Schandis aneinandergeraten sind.
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