AZ-Serie "Münchner Gschichten": Die 50er Jahre - "Damals war man toleranter"

Heute und morgen schreibt AZ-Leserin Renate Otto aus ihrer Jugend in den 50er Jahren in München. Da gibt es seltsame Begegnungen mit der Polizei – und ein unvergessenes Gerangel im Theater.
| Von AZ-Leserin Renate Otto
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Ein Bild aus dem Fasching 1956, entstanden in Unterpfaffenhofen: Renate Otto (Mitte) als Mitglied eines Trios, das erkennbar in ansteckend guter Stimmung ist. Links Renate Otto als jugendlicher Bergfex.
privat Ein Bild aus dem Fasching 1956, entstanden in Unterpfaffenhofen: Renate Otto (Mitte) als Mitglied eines Trios, das erkennbar in ansteckend guter Stimmung ist. Links Renate Otto als jugendlicher Bergfex.

München - Mit Vergnügen lese sie die AZ-Serie "Münchner Gschichten", schreibt AZ-Leserin Renate Otto. Ihr sei aufgefallen, dass es sich meist um Erinnerungen aus den 60er und 70er Jahren handle – und ob vielleicht auch ihre Geschichten aus den frühen 50er Jahren interessant seien für die Serie. Oh ja, sie sind es.

Heute und morgen lesen Sie also nun die Aufzeichnungen von Frau Otto – oder wie sie selbst schreibt: "So kleine Episoden, die auch nur möglich waren genau in jener Zeit.

Der Roller

Motorrad, Kleinwagenbesitzer! Das erinnert mich dran, dass ich damals auch so gerne Roller fahren lernen wollte. Erika, meine Freundin, war stolze Besitzerin so eines heißen Ofens, und eines Tages beschlossen wir, dass ich auf einem großen Gelände, mitten in München, doch ein bisschen üben könnte.

Gesagt, getan: Wir fuhren in die Stadt zum königlichen Platz, und sogleich begann die Übungsstunde. Erika erklärte mir die Gänge und das Gas. Die erste Probefahrt begann. Erster Gang und ab ging es, zweiter Gang schon etwas schneller und gerade wollte ich in den dritten Gang schalten, denn die Fahrerei begann mir Spaß zu machen, da tauchte plötzlich die Polizei auf.

Zuerst merkte ich gar nichts, aber auf einmal lief einer neben mir her und schrie: "Sofort anhalten! Was machen Sie da?!" "Ich lerne Rollerfahren", gab ich zurück. "Das geht nicht auf einem öffentlichen Platz und jetzt halten sie sofort an!"

"Wie heißen Ihre Eltern?", fragte der Polizist. "Wie ich!"

Ja, das wollte ich schon die ganze Zeit, aber zum Kuckuck wie? Ich hatte keine Ahnung mit welchem Hebel ich zum Stillstand kommen könnte. So musste halt der gute Mann neben mir herlaufen während unseres oben geführten Dialoges und ich glaube, er kam ganz schön ins Schwitzen. "Helfen Sie mir!" schrie ich. "Wo muss ich bremsen?!"

Endlich ein gezielter Griff, und ruckartig blieb ich stehen. "Absteigen! Wem gehört das Fahrzeug?" Ich schaute mich um – weit und breit keine Erika. Ich sagte: "Nur einem Freund." – "Wie alt sind Sie? Wie heißen Sie? Wie heißen Ihre Eltern?" Darauf sagte ich: "Die heißen wie ich." – "Werden Sie nicht frech!"

So ging das hin und her. Nachdem ein längerer Fragebogen ausgefüllt war, durfte ich gehen. Mann, hatte ich Angst! Als ich wieder alleine war, kam Erika auch aus ihrem Versteck und sagte: "Nichts wie weg von hier." Nebenbei: Es blieb bei diesem einzigen Versuch, das Rollerfahren zu lernen. Da war es doch besser auf meinem alten Fahrrad. Wie durch ein Wunder bekam keine von uns Beiden einen Strafzettel.

Obwohl: Dieses alte Fahrrad spielte mir auch manchen Streich. Wie oft mir bei Bergfahrten oder Wettfahrten die Kette heraussprang oder die Bremsen versagten. Das Licht funktionierte meistens bei Tag hervorragend, abends gab es den Geist auf, und dadurch kam ich des Öfteren zu Sturze. Aber ich liebte dieses alte Stahlross.

Meine ganz große Liebe aber wurde mein neues Rad: Schön blau, drei Gänge, moderner Lenker, alles funktionierte bestens. Aber dieses neue Rad besaß ich noch nicht sehr lange, da passierte mir ein ganz blöder Zusammenstoß mit einem Polizeifunkwagen an einer Kreuzung in der Innenstadt. Der Polizeifahrer war genauso geschockt wie ich und der seltene Fall trat ein: Keiner war irgendwie schuld.

Im Nu sammelte sich eine Menschenmenge, der Notarzt kam und die Polizei war sehr um mich besorgt. Meine Sorge jedoch galt meinem neuen Rad, es war ganz verbogen! Mit vereinten Kräften wurde es wieder fahrtüchtig gemacht, mich fragte man hundert Mal, ob ich mich wohl fühle. Ich fühlte mich wohl, nur etwas Kopfweh blieb mir. Seit jener Zeit habe ich eigentlich keine Angst mehr, wenn ich Uniformierte sehe. Ich glaube, damals war man noch ein bisschen toleranter, und natürlich war auch der Verkehr noch dünner.

In jener Zeit absolvierte ich eine Musikausbildung am Konservatorium und versuchte schon immer, nebenbei zu arbeiten: als Werkstudentin in einem Büro, als Garderobiere in einem Nachtlokal, als Babysitter oder als Mädchen für alles in einem Haushalt. Ich nahm Jobs an von kürzerer oder längerer Dauer. In einem Antiquitätenladen war ich immerhin ein Dreivierteljahr beschäftigt, im Lesezirkel nur zwei oder drei Monate.

Das Theater

Mein kürzester Job war ein Versuch, auf den Brettern, die die Welt bedeuten, Fuß zu fassen. Ein Freund erzählte mir, er verdiene sich als Statist auf der Bühne etwas Taschengeld und meinte, er könne mich ohne Weiteres vermitteln. In meinen kühnsten Träumen sah ich mich schon auf der Bühne stehen und ganz schwindelig wurde es mir bei dem Gedanken, dass ich eventuell ganz in der Nähe großer Künstler stehen durfte.

Eines Tages sagte er: "Es ist soweit. Heute Abend gibt es Aida, da braucht man viel Volk." Er nahm mich also mit, führte mich in die Damenabteilung und wünschte mir alles Gute. Jetzt, da es soweit war, hatte ich Angst. "Was sollte ich da tun, was muss ich machen?", fragte ich, aber er meinte nur: "Wichtig ist, dass du ein Kostüm bekommst. Alles andere findet sich."

Schnell war alles vorüber – ich sah aus wie ein gerupftes Huhn

Ich betrat den Raum. Viele Mädchen und Frauen saßen oder standen herum, keine schenkte mir Beachtung. Die Tür ging auf und es wurden viele Kostüme gebracht. Plötzlich stürzten sich alle auf einmal zu den Kostümen und im Nu waren alle Ständer leer. Ehe ich reagieren konnte, war der Film schon gelaufen. Ja, und ich? Was sollte ich tun? Ich dachte, jeder bekäme ein Kostüm ausgehändigt und wusste nicht, dass man sich eines erkämpfen musste.

Von allen Seiten wurde ich schadenfroh angegrinst und die Kostümfrau meinte: "Vielleicht klappt es das nächste Mal, auf Wiedersehen." Der zweite Versuch nahte einige Tage später. Mein Freund meinte: "Heute brauchen wir wieder viel Fußvolk, also geh mit." Jetzt schon vorbereitet auf den Kampf wartete ich auf den bewussten Moment.

Die Türe ging auf, die Kostüme rollten herein und ich stürzte mich nach Vorschrift in das Kampfgetümmel. Kaum hatte ich einen Stoff gefasst, wurde er mir energisch entrissen und nach ein paar Minuten war wieder alles vorüber. Ich sah aus wie ein gerupftes Huhn, hatte kein Kostüm und verstand: Dieser Job ist auch nichts für mich.

Ernüchtert fuhr ich nach Hause und wollte vom Theater nichts mehr wissen. (Übrigens war in jenen Jahren das Nationaltheater noch nicht wieder aufgebaut und so fanden die dortigen Opernaufführungen im Prinzregententheater statt. Das "Prinze" wies erhebliche bauliche Schäden auf.)


Und was haben Sie erlebt? Schreiben Sie an die AZ!

Die AZ wird Sie in diesen Sommertagen unterhalten mit Geschichten aus den Zeiten, in denen München doch noch münchnerischer war als heute. Als Stenze durch die Stadt strawanzten – und Striezis und Schandis aneinandergeraten sind.
Haben Sie selbst auch solche Münchner Gschichten erlebt? Schreiben Sie sie auf – und schicken sie, gern mit Fotos (falls vorhanden) – an leserforum@az-muenchen.de

Oder per Post an:
Abendzeitung
Kennwort: Gschichten
Garmischer Straße 35
81373 München

Die AZ wird ausgewählte Gschichten veröffentlichen.

Lesen Sie hier Teil 1 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 2 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 3 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 4 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 5 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 6 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 7 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 8 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 9 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 10 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 11 der AZ-Serie

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Lesen Sie hier Teil 16 der AZ-Serie

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