AZ-Serie "Münchner Gschichten": Lebhafte Jahre - als die letzten Hüllen fielen

Hier beschreibt AZ-Leser Wolfgang Stoephasius seine ersten, durchaus lebhaften Jahre in München. Es geht um beschwingte Nächte, lange Autofahrten und auch ums Oktoberfest.
| Von AZ-Leser Wolfgang Stoephasius
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Damals: Wolfgang Stoephasius, schon mit markantem Schnauzer, beim Bier in München.
privat 4 Damals: Wolfgang Stoephasius, schon mit markantem Schnauzer, beim Bier in München.
Heute: Wolfgang Stoephasius und seine Frau Renate mögen die Biergärten, etwa den am Viktualienmarkt.
privat 4 Heute: Wolfgang Stoephasius und seine Frau Renate mögen die Biergärten, etwa den am Viktualienmarkt.

München - München war mir schon bekannt, als ich im 29. Lebensjahr 1970 von Rosenheim endgültig nach München zog. Mit meinen Spezln hatten wir Ende der 50er und in den 60ern immer wieder die nächtliche Großstadt besucht und als Teenager das wilde Leben in dieser sündigen Stadt bewundert.

Wir haben mit offenem Mund die nackten Mädels bestaunt, als im Lola Montez oder in der Bongo Bar beim Striptease die letzten Hüllen fielen, sind durch das Imex-Haus, dem Puff in der Hohenzollernstraße geschlichen und waren zu schüchtern, um auf die Avancen der Damen aus dem horizontalen Gewerbe einzugehen.

Der Kunstmaler im Leichenschauhaus

Im Juni 1970 bezog ich also zunächst ein möbliertes Zimmer in der Blutenburgstraße bei einem Kunstmaler, der wohl so um die 90 Jahre alt gewesen sein mag.

Manchmal saß ich bei ihm in der Küche, und er erzählte mir Geschichten aus seiner Zeit als bildender Künstler. Eine davon ist mir noch heute präsent.

Es wird wohl so um die Jahrhundertwende gewesen sein, als er gemeinsam mit anderen Kunststudenten im Leichenschauhaus den Korpus eines kräftigen jungen Mannes entwendet hatte und diesen ans Kreuz nagelte.

So wurde ihnen klar, dass Kreuzigungsstatuen, welche Jesus mit Nägeln durch die Hände zeigten, nicht der Realität entsprachen, die Nägel mussten durch die Handgelenke getrieben werden.

Es gab also auch in der sogenannten guten alten Zeit bereits ausgebuffte Striezis in unserer Stadt.

Der richtige Ort für richtigen Anschluss

Gleich ums Eck war (und gibt es noch immer) den Weinausschank "Feldmann". Damals schenkte Bruno Feldmann persönlich den Wein aus, kannte umgehend jeden Gast beim Vornamen und notierte sorgfältig in einer Kladde den Weinkonsum.

Es war genau der richtige Ort, um den richtigen Anschluss zu finden. Stammgäste waren Löwenspieler, Filmsternchen wie Ingrid Steeger, Kriminaler, Richter, Staatsanwälte, gestandene Handwerker, Nichtstuer, also Söhne reicher Eltern, der Querschnitt der Münchner Gesellschaft eben.

Damals: Wolfgang Stoephasius, schon mit markantem Schnauzer, beim Bier in München.
Damals: Wolfgang Stoephasius, schon mit markantem Schnauzer, beim Bier in München. © privat

An den Faschingsdienstagen war es so voll, dass in dem Lokal, das in erster Linie eine Stehkneipe ist, keiner auch noch mit dem größten Rausch, den Hauch einer Chance gehabt hätte umzufallen.

Im Schlepptau über Hunderte Kilometer

Ich hatte einen uralten VW-Käfer mit Schiebedach. Mit meinen Rosenheimer Spezln fuhr ich von einem europäischen Formel-1-Rennen zum nächsten. Als wir im Sommer vom Hockenheimring zurückfuhren, hatten wir bei Stuttgart einen hundertprozentigen Motorschaden.

Ein freundlicher Autofahrer, heute undenkbar, nahm uns am Abschleppseil bis zur Autobahnauffahrt in Ramersdorf mit, und dort fanden wir gleich einen anderen hilfsbereiten Menschen, der uns bis nach Rosenheim schleppte.

Bei einem Spezl, der ein ausgefuchster Autodantler war, stellten wir die Karre ab. Er baute einen Motor aus einem Schrottwagen ein, und eine Woche später fuhr ich mit dem Zug nach Rosenheim und konnte das fahrbereite Auto abholen, 50 Mark hat es gekostet.

Richtiger Einstieg, falscher Käfer

Der Käfer zeigte immer mehr Macken.

Im Sommer blies die Heizung auf voller Stärke, im Winter blieb sie eiskalt. Irgendwann konnte ich erst die eine und dann auch die andere Türe nicht mehr öffnen. Also ließ ich das Schiebedach einen Spalt offen und stieg von oben in das Fahrzeug.

Als ich in der Schillerstraße parkte und nach einer langen Nacht in einer der Animierkneipen Paul Würges mit seinem unverkennbaren Bill-Haley-Sound angehört hatte, wollte ich in gewohnter Weise wieder in mein Auto steigen, als mich eine kräftige Hand an der Hose packte und herunterzog. Ich war in den falschen Käfer gestiegen, meiner stand drei Autos dahinter.

Mirage, Donisl, Café Frischhut

Selbstverständlich war ich Dauergast beim Oktoberfest. Und – aufgepasst: Münchner Grantler in meinem Alter, die es nicht mehr wahrhaben wollen! – wir sind bereits damals auf den Bänken gestanden und haben Maßen ex gesoffen.

Ein typischer Freitagabend hat in etwa so ausgesehen: Ein paar Schoppen beim Feldmann, Abtanzen in der Disco Mirage am Kosttor, gegen drei Uhr morgens in den Weißbierkeller unter dem Mathäser, dem Schnulzenduo mit dem Lieblingssong "Bora, Bora" zugehört, eine Halbe im Donisl getrunken und dann Schmalznudel und Milchkaffee im Café Frischhut.

Der Mann mit dem Revolver

Eine Geschichte will ich noch zum Besten geben. Ich saß im Zigeunerkeller in der Leopoldstraße am Tisch mit einigen Mädels und einem Jugo (damals der Standardbegriff für die Männer aus dem längst vergangenen Jugoslawien). Der Typ wollte den Damen imponieren und zeigte uns seinen Revolver.

Ich schlich mich zu einer Telefonzelle, wählte die 110, und sagte dem Beamten, ich würde die Funkstreifler am Eingang erwarten und sie sollten die Mützen abnehmen, damit sie nicht gleich von weitem zu erkennen wären.

Prompt trafen zwei mächtige Mannsbilder mit der Mütze auf dem Kopf ein, nahmen den Typen zum Eingang mit und durchsuchten ihn. Den Revolver fanden sie bei ihm natürlich nicht.

Selbstverständlich hatte der Typ realisiert, dass der Tipp an die Polizei von mir gekommen war.

"Da schau her" meinte er, "die Trottel haben nicht mal die Munition gefunden" – und nestelte einige Patronen aus der Brusttasche. Dass ich keine mächtige Portion Prügel bezog, ist mir heute noch ein Rätsel.

Und das machen wir heute

Heutzutage lasse ich es mit meiner Frau ruhiger angehen. Wir trinken unseren Wein in der Weinstube des Ratskellers und unterhalten uns am Viktualienmarkt im Biergarten mit Münchnern und Menschen aus der ganzen Welt.

Langweilig wird es uns trotzdem nicht.

Heute: Wolfgang Stoephasius und seine Frau Renate mögen die Biergärten, etwa den am Viktualienmarkt.
Heute: Wolfgang Stoephasius und seine Frau Renate mögen die Biergärten, etwa den am Viktualienmarkt. © privat

Und was haben Sie erlebt? Schreiben Sie an die AZ!

Die AZ wird Sie in diesen Sommertagen unterhalten mit Geschichten aus den Zeiten, in denen München doch noch münchnerischer war als heute. Als Stenze durch die Stadt strawanzten – und Striezis und Schandis aneinandergeraten sind.
Haben Sie selbst auch solche Münchner Gschichten erlebt? Schreiben Sie sie auf – und schicken sie, gern mit Fotos (falls vorhanden) – an leserforum@az-muenchen.de

Oder per Post an:
Abendzeitung
Kennwort: Gschichten
Garmischer Straße 35
81373 München

Die AZ wird ausgewählte Gschichten veröffentlichen.

Lesen Sie hier Teil 1 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 2 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 3 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 4 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 5 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 6 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 7 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 8 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 9 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 10 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 11 der AZ-Serie

Lesen Sie hier Teil 12 der AZ-Serie

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