Interview

Stoiber gratuliert Hoeneß in der AZ zum 70. Geburtstag: "Mehr kann man nicht erreichen"

Edmund Stoiber gratuliert Uli Hoeneß in der AZ zum 70. Geburtstag und sagt: "Er ist der Motor und Kopf, der wichtigste Ideengeber in der Bayern-Historie." Rückendeckung für Präsident Herbert Hainer.
| Maximilian Koch
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Uli Hoeneß in der Allianz Arena mit Karin und Edmund Stoiber.
Uli Hoeneß in der Allianz Arena mit Karin und Edmund Stoiber. © GES/Augenklick

München - AZ-Interview mit Edmund Stoiber: Der 80-jährige frühere Ministerpräsident Bayerns ist Vorsitzender des Verwaltungsbeirats und Aufsichtsratsmitglied beim FC Bayern.

AZ: Herr Stoiber, Uli Hoeneß wird am 5. Januar 70 Jahre alt. Sie haben ihn sehr lange Zeit in den Gremien des FC Bayern erlebt und früher auch schon als Spieler. An welchen Moment denken Sie persönlich zuerst bei Uli Hoeneß?
EDMUND STOIBER: Ich erinnere mich sehr gut an den 15. August 1970, als ich Ulis erstes Bundesliga-Spiel für den FC Bayern beim 1:1 gegen den VfB Stuttgart gesehen habe. Da ist mir sofort seine Schnelligkeit aufgefallen. Es gab damals nur einen schnelleren Spieler als Uli: Oleg Blochin. Uli ist die 100 Meter in elf Sekunden gelaufen, unglaublich. In vielen weiteren Partien hat man sein Tempo bewundern dürfen, das hat mich schwer beeindruckt. Auch in den Spielen im Europacup der Landesmeister gegen Magdeburg 1974 war Uli mit seinen Flankenläufen entscheidend für Bayern. Oder im Wiederholungsspiel des Finals gegen Atlético Madrid, als er zwei Tore erzielt hat.

Stoiber: Hoeneß ist "der Motor und Kopf" des FC Bayern

Wo ordnen Sie den Fußballer Hoeneß ein?
Er war ein Schlüsselspieler beim FC Bayern, Teil der goldenen Generation, die in den 1970er-Jahren drei Mal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewann. Zudem wurde Uli 1972 Europameister und 1974 Weltmeister in dem Stadion, in dem er immer im Trikot des FC Bayern gekämpft hat: dem Olympiastadion. Ein großer Spieler.

Der eine große Laufbahn als Manager und Präsident folgen ließ. Ist Uli Hoeneß insgesamt die wichtigste Figur in der Historie des FC Bayern?
Das ist eine schwierige Frage, denn dieser Klub hat viele Legenden hervorgebracht. Zu den wichtigsten Figuren zählen neben Uli natürlich auch Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Karl-Heinz Rummenigge, Paul Breitner oder Sepp Maier. Weil Uli Spieler, Manager und Präsident war, hat er zweifellos eine einzigartige, herausragende Position bei Bayern eingenommen. Ich würde sagen: Uli ist der Motor und Kopf, der wichtigste Ideengeber in der Historie des FC Bayern. Besonders das Duo Uli und Kalle Rummenigge fand ich einmalig.

Der Bayern-Erfolg der letzten Jahrzehnte wäre ohne Hoeneß undenkbar

Was hat den Manager Hoeneß ausgezeichnet? Von 1979 bis 2009 war er in dieser Rolle für Bayern tätig.
Generell muss man sagen: Eine solche zweite Karriere nach der Spielerkarriere hinzulegen - das hat kaum ein anderer auf diesem Niveau geschafft. Uli hat den Typ des Managers verkörpert wie kein Zweiter und Maßstäbe gesetzt. Er war über Jahrzehnte der Mittelpunkt des FC Bayern. Wenn Roland Berger Champion und Legende der Wirtschaftsberater ist, ist Uli das Vorbild aller Bundesliga-Manager. Das hat er außergewöhnlich erfolgreich gemacht, auch später als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender. Und das war nicht so leicht bei diesen großen Fußstapfen, immerhin war sein Vorgänger als Präsident kein Geringerer als Franz Beckenbauer, der das in eleganter Manier gemacht hat. Mehr als Uli kann man im Fußball und darüber hinaus ja gar nicht erreichen.

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Wo stünde der FC Bayern heute ohne Uli Hoeneß?
Sicher ist die Entwicklung des Klubs und der Erfolg von heute undenkbar ohne Uli Hoeneß. Aus dem Verein, im Mittelfeld der alten Oberliga Süd, der erst nach zwei Anläufen 1965 in die Bundesliga aufgestiegen ist, das bekannteste Markenzeichen Bayerns zu machen, ist eine große Leistung. Ich habe als Ministerpräsident immer scherzhaft gesagt: "Mein Traumjob ist eigentlich Manager beim FC Bayern. Aber der Posten ist ja bestens besetzt."

Stoiber: "Uli gehört zur Nachkriegsgeschichte Bayerns"

Wie hartnäckig war er denn als Bayern-Boss?
Da gibt es ein gutes Beispiel: den Bau der Allianz Arena. Uli hat mir als Ministerpräsident in den späten 90er Jahren immer in den Ohren gelegen. Er hat gesagt: Wir brauchen ein reines Fußballstadion, wie es in den großen Fußballnationen Standard ist, ohne Laufbahn drumherum. Ich habe das zunächst nicht ganz so aufgenommen und war skeptisch. Das Olympiastadion war ja in jeder Hinsicht ein großer Wurf. Es konnte nicht nur wirtschaftlich, sondern auch optisch und atmosphärisch mit den großen Stadien weltweit mithalten. Aber er ließ nicht locker: "Im Olympiastadion sitzt du in der Mitte der Haupttribüne und hast einen sehr guten Blick. Doch was ist mit den Fans auf den Stehplätzen, in den Kurven?" Es war Ulis Wunsch und Anspruch, ein Stadion zu bauen, in dem jeder Fan das Geschehen auf dem Spielfeld optimal verfolgen kann. So hat er mich überzeugt. Später haben Bürgermeister Christian Ude und ich dann sogar zusammen Veranstaltungen abgehalten, um für den Bürgerentscheid zu werben. Es gab eine Zweidrittel-Mehrheit für den Bau, aber ohne Uli und seinen Einsatz wäre das sicher nicht so klar gewesen.

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Welchen Platz nimmt Hoeneß in der Geschichte des Freistaats Bayern ein?
Der Aufstieg Bayerns als Bundesland zum Spitzenreiter in Deutschland lief ziemlich synchron zum Aufstieg des FC Bayern an die Spitze der Bundesliga. Uli gehört zur Nachkriegsgeschichte Bayerns, weil er maßgeblich an der erfolgreichen Entwicklung des Klubs beteiligt gewesen ist und den Verein in der Welt bekanntgemacht hat. Uli ist ein engagierter Mensch, ein politischer Mensch, ein sozialer Mensch. Meine Frau und ich sind seit Jahren mit Uli und seiner Frau Susi eng befreundet. Der eine Punkt, den er - wie er selbst sagte - Zeit seines Lebens bereut, ist die unvollständige steuerliche Selbstanzeige und damit verbunden der schwierige Gang ins Gefängnis wegen Steuerhinterziehung.

Weggefährten und Männerfreunde: Uli Hoeneß (links) und Edmund Stoiber. (Archivbild)
Weggefährten und Männerfreunde: Uli Hoeneß (links) und Edmund Stoiber. (Archivbild) © picture alliance/dpa

Wie hat er in dieser Zeit rund um die Verurteilung im Frühjahr 2014 auf Sie gewirkt?
Ich habe damals gedacht und ihm auch wegen seiner Selbstanzeige geraten, dass er das Urteil nicht akzeptieren und in Revision vor den Bundesgerichtshof gehen soll. Doch Uli hat mit seiner Familie eine Nacht überlegt und dann entschieden, das Urteil anzunehmen. Sonst wäre die öffentliche Diskussion jahrelang weitergegangen. Das zeigt, dass er ein Familienmensch ist und seine Liebsten schützen wollte. Deshalb war es persönlich die richtige Entscheidung.

Stoiber: Hoeneß-Nachfolger Hainer hat seinen eigenen Stil

Haben Sie ihn mal besucht in der Haftanstalt in Landsberg?
Ja, ich war drei- oder viermal bei ihm. Gerade in der Anfangszeit wollte ich als Freund da sein, mit ihm reden. Da habe ich schnell gemerkt, dass er die Strafe und diese neue Situation auch innerlich angenommen hat. Den schwersten Fehler seines Lebens hat er mit dem Gefängnis und all den Folgen bezahlt - und anschließend ein großes Comeback beim FC Bayern erlebt. 2016 ist er noch einmal Präsident geworden, ehe 2019 Herbert Hainer übernommen hat.

Hat Hainer die Hoeneß-Lücke aus Ihrer Sicht überzeugend geschlossen?
Ja, mit seinem eigenen Stil. Menschlich und fachlich war es eine exzellente Idee von Uli, Hainer als Nachfolger vorzuschlagen. Er hat die gesellschaftliche Sensibilität, einen solchen weltbekannten Verein zu führen, und war ein großartiger CEO eines Weltunternehmens. Die Zusammenarbeit im Aufsichtsrat ist hervorragend.

Auf der Jahreshauptversammlung gab es zuletzt allerdings Kritik an Hainer, sogar sein Rücktritt wurde von einigen Fans gefordert. Hat man das Katar-Thema vonseiten des FC Bayern unterschätzt?
Das ist ein kompliziertes Thema. Grundsätzlich ist es so, dass deutsche Unternehmen und Klubs viele Geschäftspartner in der Welt haben, die nicht immer westeuropäischen rechtlichen Standards entsprechen. Schon bevor der FC Bayern erste Kontakte mit Katar aufgenommen hat, wurde darüber intensiv im Aufsichtsrat gesprochen. 2011 fand das erste Trainingslager in Doha statt, 2018 wurde der Vertrag mit Qatar Airways geschlossen. Der FC Bayern hat seitdem immer wieder vor Ort Gespräche geführt und Hinweise gegeben, die schwierige Situation der Gastarbeiter zu beachten und zu verbessern. Karl-Heinz Rummenigge hat stets gesagt: Es ist besser, mit den Partnern vor Ort zu reden, als gar nichts zu machen. Denn dadurch verbessert sich auch nichts. Und da hat er recht. Man muss das Ganze ohnehin in einen größeren Zusammenhang stellen.

So sieht Stoiber die Menschenrechtslage in Katar

Und zwar?
Wir sind ein Industrieland, ein Exportland. Weit über 40 Prozent unseres Bruttosozialprodukts - und damit unseres Wohlstands - erreichen wir, weil deutsche Unternehmen so wettbewerbsfähig sind in der Welt. China und Russland sind trotz aller Probleme wichtige Partner, genauso der arabische Raum - mit all den Schwierigkeiten bei der Beachtung der Menschenrechte dort. Es gibt immer wieder Menschen, die wegen der Menschenrechtslage fordern: Kein Handel mit diesen Ländern! Dann muss man aber auch die Folgen bedenken. Wenn man so hohe Maßstäbe anlegt, dürfte Deutschland auch nächstes Jahr nicht an der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar oder den Olympischen Spielen in Peking teilnehmen. Wenn man solche Weltereignisse ausschließlich in nach unseren westlichen Standards demokratischen Ländern akzeptieren würde, würde das die Welt nicht friedlicher machen.

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Wie sehen Sie denn generell die Debatte um die Menschenrechtslage in Katar?
Bei uns läuft diese Diskussion in der Breite anders als in anderen Ländern wie beispielsweise in Großbritannien. Wenn da der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman bei Newcastle United einsteigt, gibt es keinen ähnlichen Aufschrei, sondern eher Jubel. Das wäre bei uns völlig anders. Ich sehe es generell nicht nur als ein Problem von Bayern München, sondern als eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Die Maßstäbe, die Kritiker deswegen an Bayern stellen, müsste man dann auch an andere deutsche Unternehmen anlegen. Ich habe aber noch keine Debatte bei VW, der Deutschen Bank oder Siemens erlebt, an denen die Kataris zum Teil ja sogar beträchtliche Anteile halten.

Stoiber: Darum braucht der FC Bayern das Geld aus Katar

Dieser Argumentation setzen Fans entgegen, dass Bayern kein reines Unternehmen ist, sondern immer noch ein Fußballklub mit gewissen Werten.
Das verstehe ich, das ist auch richtig. Aber man muss es dennoch in einem größeren Zusammenhang sehen, um letztlich abwägen zu können. Wir haben jetzt auch wieder Geisterspiele, das stellt uns vor neue finanzielle Herausforderungen. Im Vergleich zur letzten Vor-Corona-Saison 2018/19 haben wir 2020/21 über 100 Millionen Euro an Umsatz eingebüßt. Wenn wir national an der Spitze bleiben wollen und den Anspruch haben, international weiter ganz vorn mitzuspielen, brauchen wir hohe Sponsoren- und Werbeeinnahmen. Andernfalls könnten wir nicht mit den von Investoren mit viel Geld geförderten Vereinen in der englischen oder französischen Liga mithalten und in der Champions League ganz oben mitspielen. Das hat der Vorstandsvorsitzende Oliver Kahn in seiner Rede auf der Jahreshauptversammlung ausdrücklich angesprochen und insbesondere auf das Schicksal der Traditionsvereine HSV, Schalke oder 1860 hingewiesen.

Hainer und Kahn haben den Dialog mit den kritischen Fans aufgenommen. Wie sehen Sie die Führungsetage aufgestellt für die Zukunft?
Es war uns klar, dass wir diese Besonderheit fortsetzen wollten - dass ein großer Spieler der Vergangenheit den Klub führt. Und das ist Kahn. Zudem ist Hainer ein erstklassiger Präsident, der auch die gesellschaftlichen Entwicklungen, das große Ganze im Blick hat. Und Kahn ist eben der Titan, der Vize-Weltmeister und frühere Welttorhüter. Er hat Mythen geschaffen wie damals in Hamburg 2001 bei der Meisterschaft in letzter Sekunde: weiter, immer weiter. Diese Einstellung hat er auch als Vorstandsvorsitzender.

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