Interview nach WM: Ottmar Hitzfeld über Lahm, Pavard, Rebic und FC Bayern

Der ehemalige Bayern-Trainer spricht in der AZ über ein mögliches Engagement von Philipp Lahm bei der Nationalelf, über Nachfolger Niko Kovac und mögliche Bayern-Neuzugänge, die der WM geglänzt haben. 
| Julian Buhl
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Hitzfeld über Frankreichs Pavard: "Kimmich ist spielerisch stärker."
dpa/AZ Hitzfeld über Frankreichs Pavard: "Kimmich ist spielerisch stärker."

Der ehemalige Bayern-Trainer spricht in der AZ über ein mögliches Engagement von Philipp Lahm bei der Nationalelf, über Nachfolger Niko Kovac und mögliche Bayern-Neuzugänge, die der WM geglänzt haben. 

München - Der 69-jährige Ottmar Hitzfeld trainierte unter anderem den FC Bayern und gewann 2001 die Champions League. Zuletzt war er Coach der Schweizer Nationalmannschaft.

AZ: Herr Hitzfeld, Frankreich hat Deutschland nun als Fußballweltmeister abgelöst. Ein verdienter Nachfolger?
OTTMAR HITZFELD: Frankreich ist ein würdiger Weltmeister, weil sie als Kollektiv aufgetreten sind und sich keine Blöße gegeben haben. Didier Deschamps hat seiner Mannschaft seinen ganz eigenen Stil beigebracht: Dass man erstmal defensiv gut stehen muss. Und nicht nur auf Ballbesitz setzt, um aus einer stabilen Abwehr schnell umschalten zu können. Er hat damit die richtige Balance gefunden.

Hat die WM also gezeigt, dass Ballbesitzfußball überholt ist?
Man muss schon die Lehre daraus ziehen, dass den alle Gegner durchschaut und sich darauf eingestellt haben. Jeder kann heute gut organisiert verteidigen, es gibt wenig Räume. Aus dem Spiel heraus kann man dann eben nicht immer Tore erzielen. Viele Treffer sind nach Kontern gefallen und auch die Standards haben einen großen Stellenwert eingenommen.

Hat die deutsche Mannschaft mit ihrer Taktik diese Entwicklung verpasst?
Nein. Joachim Löw hat an seinem Erfolgsrezept festgehalten, mit Ballbesitzfußball ist Deutschland Weltmeister geworden, Spanien auch. Das ist für eine Mannschaft prägend. Und es hat ja keiner von uns erwartet, dass Deutschland so früh scheitert.

DFB-Elf hat blutarm und ohne Leidenschaft gespielt

Wo sehen Sie die Gründe für das historische Vorrundenaus?
Dafür bin ich zu weit weg. Man müsste die ganze Vorbereitung, den ganzen Trainingsaufbau, die Stimmung im Team, die Motivation, den Willen und Vieles mehr beurteilen können.

Wie waren Ihre Eindrücke von dem, was Sie auf dem Spielfeld gesehen haben?
Wie alle anderen war auch ich von der schwachen Leistung der deutschen Elf enttäuscht. Sie hat blutarm und ohne Leidenschaft gespielt. Die Spieler wollten, aber konnten nicht.

Haben Sie sich über die Aufstellungen manchmal gewundert? Leroy Sané war zum Beispiel gar nicht erst dabei.
Nein. Deutschland hat eine große Auswahl an Super-Spielern. Es hängt vom Konzept des Trainers ab, wem er vertraut, das sind oft taktische Dinge. Aber Sané habe ich schon vermisst, weil er einer ist, der im Eins-gegen-eins Überzahl schaffen kann.

Löw wird trotzdem als Bundestrainer weitermachen.
Für mich ist es selbstverständlich, dass er so nicht aufhören will. Er hat fantastische Jahre hinter sich, großen Erfolg gehabt. Die Spielweise der deutschen Mannschaft war in den letzten zehn Jahren mitprägend für den modernen Fußball. Jetzt soll er den Umbruch gestalten. Diese Chance hat er verdient.

Kann Philipp Lahm dem DFB weiterhelfen?

Dass die WM-Analyse erst im August folgen wird, ist aber schon ungewöhnlich, oder?
Ganz Deutschland hat gehofft, dass Jogi Löw sich gleich mit Bierhoff und dem DFB zusammensetzt und analysiert. Das ist ja eigentlich nicht so schwierig. Im Vereinsleben könnte man auch nicht sagen: „Ja, in zwei Monaten werden wir die Analyse dann bekannt geben.“ Da muss man eigentlich schnell handeln. Das sollte auch beim DFB der Fall sein, weil auch die Fans da einen berechtigten Anspruch darauf haben.

Was muss sich jetzt ändern?
Jogi Löw wird wohl einen kleinen Umbruch machen müssen. Das sind schwierige Entscheidungen, weil er sich von ein paar Spielern und sogar Weltmeistern trennen muss, denen er immer vertraut hat – eine schwierige psychologische Aufgabe. Aber wenn ich ankündige, dass sich etwas ändern muss, muss das auch für die Kaderbildung gelten. Das wird auch erwartet, man muss ein Zeichen setzen.


Philipp Lahm einer, der dem DFB wieder auf die Beine helfen kann? Ja, findet Ottmar Hitzfeld. 

Wäre Philipp Lahm jemand, der dem DFB auf anderer Ebene bei einer Neuausrichtung helfen könnte?
Philipp Lahm ist Weltmeister, hat große Fachkompetenz und ist einer, der den Finger auch mal in die Wunde legt. Er hat ja selbst schon gesagt, dass er sich anbieten würde, in irgendeiner Form beim DFB mitzumachen. Ich würde das begrüßen, wenn man mit ihm einen solch charakterstarken Typen in seinen Reihen hätte.

Der Gegner des DFB im nächsten Länderspiel am 6. September heißt: Frankreich.
Gegen den amtierenden Weltmeister zu spielen, ist doch eine dankbare Aufgabe. Man kann eigentlich nur gewinnen. Wenn man Frankreich schlagen sollte, wäre das gleich wieder ein riesiger Imagegewinn.

Hitzfeld über Kovac: "Von ihm total überzeugt"

Als Weltmeister kehrt nun Corentin Tolisso zurück zum FC Bayern.
So ein Erfolg macht Energie frei, das wird Tolisso beflügeln. Er hat sich jetzt bei Bayern eingelebt und wird nächste Saison wieder angreifen. (Hier lesen Sie mehr zu diesem Thema)

Viele Spieler kommen enttäuscht von der WM zurück zu Bayern.
Das stimmt. Aber jetzt hat Niko Kovac immerhin den Vorteil, vor dem Saisonstart länger mit den Spielern arbeiten zu können.

Wie sind Ihre ersten Eindrücke von Bayerns neuem Coach?
Ich bin von Niko total überzeugt, dass er der richtige Mann für Bayern München ist. Er ist eine starke Persönlichkeit, war schon früher immer ein Führungsspieler, der Verantwortung übernommen, seine Meinung gesagt hat. Genauso ist er als Trainer: unglaublich akribisch, kommunikativ. Man weiß bei ihm sofort, woran man ist. Er spricht Fehler direkt an, ist jemand, der die Mannschaft mitreißen kann und wird mit Bayern viel Erfolg haben.

Transfers: Wären Pavard und Rebic was für den FC Bayern?

Es könnte noch Veränderungen im Bayern-Kader geben. Überrascht es Sie, wie offen zum Beispiel über einen möglichen Transfer von Jérôme Boateng geredet wird?
Bayern wird sicher auch intern mit dem Spieler gesprochen haben. Aber wenn man einen Spieler unbedingt behalten will, sagt man das eigentlich nicht.

Benjamin Pavard und Ante Rebic haben sich bei der WM in den Fokus gespielt, auch in den der Münchner. Würden beide dem FC Bayern weiterhelfen?
Das hängt von der Planung ab. Ein Transfer von Pavard könnte jetzt schwierig werden, sein Preis ist durch die WM gewaltig gestiegen. Kimmich finde ich als Rechtsverteidiger spielerisch auch stärker. Und Rebic ist für jeden Bundesligisten ein interessanter Mann, weil er unglaublich schnell und laufstark ist, er hat Wucht, ist torgefährlich. Niko Kovac kennt ihn sehr gut. Er hat sich ja noch nicht klar geäußert. Und ich möchte dem FC Bayern keine Spieler empfehlen.

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