Vor dem CSU-Parteitag: Der letzte Akt für Seehofer

Zu einem Putsch wird es nicht kommen. Aber in der verunsicherten Partei ist der Chef und Ministerpräsident total isoliert. „Dann gehen wir in die Opposition“, resigniert ein Funktionär
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Trotz schöner Herbstsonne leicht muffiger Stimmung: Horst Seehofer bei der Klausur am Tegernsee. Die FDP klagte über fehlende Unterlagen.
dpa Trotz schöner Herbstsonne leicht muffiger Stimmung: Horst Seehofer bei der Klausur am Tegernsee. Die FDP klagte über fehlende Unterlagen.

Zu einem Putsch wird es nicht kommen. Aber in der verunsicherten Partei ist der Chef und Ministerpräsident total isoliert. „Dann gehen wir in die Opposition“, resigniert ein Funktionär

Horst Seehofer ist Realist. Er weiß, dass seine Tage als CSU-Chef gezählt sind. Dass Karl-Theodor zu Guttenberg sein Nachfolger wird. Dass nicht nur das schwarze Parteivolk nach dem coolen Baron aus Oberfranken lechzt. Dass eigentlich längst alles klar ist – bis auf den richtigen Zeitpunkt. Den will Seehofer ganz alleine bestimmen. Nicht als Getriebener, sondern als Handelnder. Keiner soll ihm da dazwischen funken. Ob ihm das noch gelingt?

Seehofer flattern die Nerven. In den vergangenen Tagen ließ er Journalisten anrufen, bot Interviews im Stundentakt an, ließ nachfragen, wie denn die Stimmung so sei. Das hatte vor ihm nur Edmund Stoiber ein einziges Mal getan – ein paar Tage später wurde er gestürzt. Der 61-Jährige kämpft um sein politisches Überleben. Ganz alleine. Ohne schlagkräftige Verteidigungstruppen. Als Ministerpräsident und CSU-Chef. Er ist ein Einzelgänger geblieben. Auch zwei Jahre nach seinem Wechsel auf den Bayern-Thron hat er sich keine Verbündeten gesucht. Seehofer misstraut jedem und vertraut nur auf sich selbst. Damit er diesen Parteitag ohne größere Blessuren übersteht, der heute in München beginnt. Es wird wohl sein letzter sein.

Dabei hatten viele an der CSU-Basis schon davon geträumt, heute Abend noch mit ihrem alten Chef ins Bett zu gehen – und morgen mit dem jungen Parteivorsitzenden Karl-Theodor zu Guttenberg aufzuwachen. So wie es damals der SPD geschah, 1995 in Mannheim. Als nach einem Mal Schlafen nicht mehr Rudolf Scharping, sondern Oskar Lafontaine Boss der Genossen war. „Zieht euch warm an, wir kommen wieder“, rief er der Kohl-Bundesregierung zu. So hatte er damals die Delegierten mit einer fulminanten Rede fasziniert.

Aber das war ein Wahlparteitag. Der findet bei der CSU erst nächstes Jahr statt. Nach diesem Wahlparteitag ist Karl-Theodor zu Guttenberg „volljährig“. Am 5. Dezember 2011 feiert der Freiherr seinen 40. Geburtstag. Dann kann er auch bayerischer Ministerpräsident werden. Warm anziehen muss sich jetzt Seehofer.

Heute redet der Superstar. Zur Abschaffung der Wehrpflicht. Guttenberg braucht nur mit dem Finger zu schnippen, dann folgen ihm die Delegierten auch bei den heikelsten Themen. Seehofer dagegen muss sogar mit der Vertrauensfrage drohen und noch froh sein, wenn ihn seine Partei nicht ihm Regen stehen lässt, wenn es heute um die. Frauen-Quote extra light geht.

Die Parteitagsregie würde KTG mit seiner Rede am liebsten verstecken. Aufgeführt ist er jedenfalls nicht. Ein Duell mit Seehofer wird auf Biegen und Brechen vermieden. Der Parteichef hat am Samstag seinen Solo-Auftritt. Nicht, dass der Liebling der Deutschen von einer Beifalls-Welle in den schwarzen Himmel getragen wird, während der große Parteichef sich mit einem herzlichen Applaus begnügen müsste. Das könnte Seehofers Ego nicht ertragen.

So schickt er seinen Rivalen ins Rennen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er soll sich lieber gleich mit der Kanzlerin messen, wenn die am späten Nachmittag vor der CSU redet. Schließlich spekuliert der schwarze Polit-Komet eh auf ihr Amt. Dabei gibt es in der CSU inzwischen ein ganz anderes Szenarium. Das sieht düster aus.

Die Wahlen in Baden-Württemberg gehen für Schwarz-Gelb verloren. Fliegt die FDP dort aus dem Parlament, fliegt Guido Westerwelle ein paar Tage später als Parteichef. Die Kanzlerin wackelt. Nach Karl-Theodor zu Guttenberg als Messias wird die große Schwesterpartei CDU aber nicht rufen. Merkel hat sich im Gegensatz zu Seehofer eine stabile Firewall aufgebaut – mit Vertrauten wie Innenminister de Maizière, Arbeitsministerin von der Leyen, Kanzleramtschef Pofalla und sogar ihrem Ex-Feind Schäuble, dem Finanzminister. 2013 schicken die Wähler Merkel in die Wüste, unkt man in der CSU. „Wer will denn weiter diese Kasperlregierung?“, fragt ein führender Christsozialer. Auf die harte Bank der Opposition in Berlin aber braucht sich der Hoffnungsträger nicht zu setzen.

Viele in der CSU wollen ihn zurück in die Heimat kommandieren. „Wenn es in Bayern um unsere Existenz geht, muss er als Ministerpräsident antreten“, fordert schon ein Vorständler der Landtagsfraktion. Auch im Freistaat wird 2013 gewählt. Da sieht die CSU jetzt schon schwarz – wenn nicht Guttenberg sie in die Schlacht führt.

Vor zwei Jahren hat Seehofer versprochen, die CSU nach dem Absturz wieder aus dem Tief zu holen. Jetzt steckt sie noch tiefer drin – mit nur noch 38 Prozent bei den Umfragen. Die CSU-Abgeordneten müssen um ihre eigenen Stimmkreise zittern. Das erhöht ihre Panikanfälligkeit. Als erster wird Schulminister Ludwig Spaenle rausfliegen. Der Münchner hatte seinen Stimmkreis Schwabing/Maxvorstadt nur äußerst knapp gewonnen. Über die Liste kommt keiner mehr rein. Zuletzt schafften das nur noch zwei Frauen: Justizministerin Beate Merk und Landtagspräsidentin Barbara Stamm.

Das wird auch ein Problem für Seehofer, der natürlich verkündet: „Ich trete an.“ Als Zugpferd setzt auf ihn keiner mehr. Seine persönlichen Umfragewerte sind im Keller. Trotz der zurückeroberten Lufthoheit an den Stammtischen mit Ausländer-Parolen. Einen Stimmkreis hat er auch nicht. Den besetzt in Ingolstadt Sozialministerin Christine Haderthauer. Freiwillig wird sie ihn nie räumen.

Mit Guttenberg entstehen in der CSU jetzt plötzlich ganz neue Kraftfelder: Umweltminister Markus Söder und Haderthauer, sonst in tiefer Feindschaft verbunden, haben ein gemeinsames Interesse, ihn von Bayern fern zu halten. Sie wollen selber auf den Thron. Und zwar bald. Finanzminister Georg Fahrenschon setzt dagegen auf ein langes politisches Leben für Seehofer. Damit der ihn irgendwann als seinen Nachfolger ins Amt hieven kann.

Der Rest des Kabinetts, wie Innenminister Joachim Herrmann, will den „Status Quo“ erhalten – zumindest die nächsten drei Jahre bis zur Landtagswahl. Nicht wegen Seehofer, sondern aus Eigeninteresse – damit alle ihren Minister- und Staatssekretärs-Job so lange wie möglich behalten. „Dann müssen wir halt auch in Bayern in die Opposition“, seufzt ein CSU-Grande.

Guttenberg ficht das alles nicht an. Seine Truppen stehen. Mit Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich, der auch aus Oberfranken kommt, hat er sich in Berlin ein Machtzentrum geschaffen. Das schoss aus vollen Rohren gegen Seehofer, als der die Rente mit 67 in Frage stellte. Der Verteidigungsminister war da gerade in ganz privater Mission unterwegs: Mit Schwedens König Karl Gustav, der in seinem Land die Elchjagd eröffnete. Wie auf der Pirsch im Wald, wird KTG auch in der Politik ganz ruhig abwarten, was kommt: Die Zeit spielt für ihn - bis ihm die CSU ganz standesgemäß die höchsten Ämter nach und nach auf einem goldenen Tablett servieren wird. Ob er sie nun will oder nicht.

Und Seehofer? Der versucht den Rivalen, den er öffentlich als „seine Erfindung“ lobt, auf seine Art aus dem Hintergrund madig zu machen: Wenn der mal zu allem was sagen müsse, dann werde seine Beliebtheit schnell sinken.

Angela Böhm

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