Debatte um Öffnungen in München: "Kippt die Sperrstunde!"

Um 22 Uhr ist nach wie vor Schluss in den Wirts- und Schanigärten der Stadt. Doch der Unmut wächst - von den Wirten über Stadträte bis hin zu Söders eigenem Stellvertreter.
| Felix Müller Ruth Frömmer
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"München ist nicht Ischgl": Sax-Wirt Friedl Bulach hält seine Gäste für vernünftig - und möchte abends länger öffnen.
"München ist nicht Ischgl": Sax-Wirt Friedl Bulach hält seine Gäste für vernünftig - und möchte abends länger öffnen. © Ruth Frömmer

München - Die Regelung ist einfach. Aber ist sie auch einfach nicht mehr zeitgemäß? Um 22 Uhr müssen alle Münchner Wirte derzeit Schluss machen.

Unabhängig vom Wochentag, von der Lage, davon, welche Konzession sie haben. Doch Inzidenzzahlen fallen weiter, die Hoffnung auf einen sommerlichen Juni lebt, die Fußball-EM steht vor der Tür. Ist Söders Sperrstunde noch angemessen?

"Die Staatsregierung versteht, dass München nicht Ischgl ist"

Nein. Überhaupt nicht. Findet der Vize-Ministerpräsident, der dazu noch in der Staatsregierung fürs Thema zuständig ist. "Das oft beschworene Münchner Lebensgefühl endet nicht um 22 Uhr", sagte Hubert Aiwanger (Freie Wähler) am Montag der AZ.

"Es ist jetzt an der Zeit, die ganze Sperrstunde aufzuheben und auch die Innengastronomie zu öffnen." In Innenräumen zu bewirten - das fordert auch OB Dieter Reiter (SPD, siehe Kasten), der sich am Montag zur Sperrstunde nicht äußerte.

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Doch kann die Stadt die Sperrstunde selbst nach hinten verschieben? Das für die Kontrolle zuständige Kreisverwaltungsreferat bestreitet das, verweist auf Aiwangers Ministerium und die Staatsregierung.

Die dürften in diesen Tagen viele Nachrichten aus der Gastronomie bekommen. Mit einer Schlagrichtung: "Hebt die Sperrstunde auf!"

Forderungen kommen auch von der Dehoga

Thomas Geppert, der bayerische Landesgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, sagte gestern der AZ: "Wir fordern umgehend, dass die Sperrstundenbeschränkung aufgehoben wird."

Gefährlich seien die ungeschützten Kontakte außerhalb der Gastronomie: "Deshalb wäre es aus meiner Sicht fahrlässig, wenn man die Sperrstunde begrenzt und nicht freigibt."

Die Innenstadtwirte plädieren für eine Öffnung bis 24 Uhr

Ähnlich sieht es Gregor Lemke, der Sprecher der Innenstadtwirte. "Wir sind nicht das Problem, sondern die Lösung", sagt er. "In den Gaststätten können sich Menschen kontrolliert treffen."

Eine Öffnung bis 24 Uhr, ist er überzeugt, würde die Lage entspannen. "Man hat ja gesehen, wozu es führt, wenn sich große Gruppen einfach irgendwo im Freien treffen", sagt Lemke. "Da hat die Polizei viel zu tun."

So ist die Situation im Glockenbachviertel

Auch die Wirte kleinerer Wirtschaften drängen dieser Tage auf neue Öffnungen. Zum Beispiel im Glockenbachviertel. Matt Devereux, der Betreiber des Kooks in der Geyerstraße, sagt: "Ich fände es super, wenn wir wieder bis 23 Uhr aufmachen dürften."

"Hier ist es gar nicht laut": Matt Devereux vom Kooks.
"Hier ist es gar nicht laut": Matt Devereux vom Kooks. © Ruth Frömmer

Draußen stünden hier doch sowieso viele Menschengruppen rum: "Ich wohne selbst im Glockenbachviertel, und abends sind die Leute jetzt auf der Straße und an der Isar - und sehr laut."

Bei ihm vor der Kneipe, findet er, sei es gar nicht laut. "Da sitzen die Leute an den Tischen und unterhalten sich einfach."

An Public Viewing glaubt der Wirt nicht mehr

Ein paar Straßen weiter hat Friedl Bulach vor seinem Sax einen kleinen Biergarten. In normalen Zeiten ist sein Lokal für Fußball-Übertragungen drinnen bekannt. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten?

An Public Viewing zur Europameisterschaft glaubt er nicht mehr so recht, zu knapp kommen die Regeln. Bulach: "Public Viewing anzubieten erfordert für uns einen Vorlauf von mindestens zwei Wochen."

Auch Bulach drängt auf ein Verschieben der Sperrstunde. "Die großen Anstürme abends in der kurzen Zeitspanne zu bewältigen, ist eine große Herausforderung", sagte er. "Es wäre besser, wenn wir ein, zwei Stunden mehr Zeit hätten."

Unterstützung aus dem Rathaus

Unterstützung bekommen die Wirte aus dem Rathaus. CSU-Stadtratsfraktionschef Manuel Pretzl sagte am Montag, er plädiere dafür, in der Außengastronomie die jeweiligen Regeln aus der Zeit vor der Pandemie so schnell wie möglich wieder in Kraft zu setzen.

"Draußen gibt es kein Infektionsrisiko", sagt Pretzl. Unterdessen fordert die Dehoga schon die Öffnung von Clubs und Diskotheken.

Ob die Staatsregierung so weit gehen wird? Vize-Ministerpräsident Aiwanger auf jeden Fall sagt entschlossen: "Ich möchte den 1,5 Millionen Münchnerinnen und Münchnern wieder ein großes Stück Lebensgefühl in ihrer schönen Stadt zurückgeben."

Wird Söder noch diese Woche Lockerungen bekanntgeben?

Unter Wirten und Politikern ist in diesen Tagen immer wieder von der konkreten Hoffnung zu hören, dass Ministerpräsident Markus Söder noch in dieser Woche erhebliche Lockerungen für die Gastronomie bekanntgeben wird.

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Vielleicht bekommt Friedl Bulach, der Wirt vom Sax, dann ja tatsächlich doch noch einige Tage Vorlauf, seine Leinwand aufzubauen, Personal und Reservierungen für die Fußball-EM zu organisieren.

Die CSU im Stadtrat will nach AZ-Informationen am Dienstag beantragen, die Sperrstunde zur EM auf 23 Uhr zu setzen. Und Söder? Auch da klingt Bulach dann doch verhalten optimistisch, wenn er sagt: "Langsam kommt auch bei der Staatsregierung an, dass München nicht Ischgl ist."

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