Kampfbegriff Bürgerlichkeit: (Mittel)Maß und mutlose Mitte

Wer gehört eigentlich alles (nicht) dazu? Wie absurd der politische Kampfbegriff "Bürgerlichkeit" ist und schon immer war.
| Robert Braunmüller
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Gutbürgerliche Küche: Der (ehemalige) Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) lässt sich irgendwo im schönen Thüringen Klöße mit Rinderroulade servieren.
Gutbürgerliche Küche: Der (ehemalige) Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) lässt sich irgendwo im schönen Thüringen Klöße mit Rinderroulade servieren. © Foto: Martin Schutt dpa/lth

Die bürgerliche Küche - bisweilen auch in der Steigerungsform gutbürgerlich - kündigt sich bis heute vorzugsweise als Aufsteller vor Wirtshäusern in Form eines dicken Kochs an. "Durchgehend warm" werden üppige Fleischgerichte, dazu Knödel oder Bratkartoffeln verheißen, als Getränk naturgemäß Bier.

Und hätten es linke Weltveränderer dem Bürger nicht verboten, würde dieser zum Nachtisch wohl noch eine Zigarre rauchen, ehe er dann oberhalb der Richtgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern im Wohlstands-Mercedes wieder nach Hause braust.

Das Bürgerliche ist eine Art maximaler Konsens

Das Bewährte, Gesetzte und Normale erfährt derzeit durch das Wort von der "bürgerlichen Koalition" und dem "bürgerlichen Lager" eine Renaissance. Offenbar möchte, abgesehen von ein paar selbstbewussten Linken und einer Handvoll versprengter Radikalalternativer, jeder in der Mitte der Gesellschaft stehen. Selbst Wählern und Funktionären der AfD, Querdenker und Dorfnazis in Mecklenburg-Vorpommern dürften es in der Regel strikt von sich weisen, unbürgerlich zu rechts zu sein. Nein, auch sie sind nach eigenem Verständnis Teil dessen, was sie für Normalität halten.

Das Bürgerliche ist also eine Art maximaler Konsens frei nach Konrad Adenauers Wort "Dicke Bohnen mag doch jeder". Es schließt die stillschweigende Voraussetzung ein, dass Knoblauch, scharfe Gewürze mit Migrationshintergrund und exotische Zutaten nicht jedermanns Sache sind: Wer sowas einer gediegenen Kohlroulade vorzieht, hebt entweder in Richtung globaler Elite ab oder ist schlicht und einfach nicht von hier, was die Teilhabe an der Bürgerlichkeit schon deshalb ausschließt, weil er vielleicht ein bisschen anders riecht.

Ein echter Linksruck ist von der SPD nicht zu erwarten

Obwohl sie doch eigentlich vorgibt, ständig für die kompakte Majorität zu sprechen, fühlt sich die Bürgerlichkeit sonderbarerweise stets bedroht. Früher von Osten aus Moskau her, heute durchs Gendern, selbstbewusste Migranten, die Cancel Culture und vegane oder vegetarische Gerichte. Und die radikalen, in geräumigen, überteuerten Altbauwohnungen residierenden Ökos wollen den Bürgern ihre zersiedelnden Einfamilienhäuser, den sonntäglichen Schweinsbraten und die spritsaufenden SUVs wegnehmen. Obwohl diese Edel-Ökos sich selbst sicher auch als Bürgerliche sehen, wenn auch hip oder "woke" also am Puls der Zeit.

Schon das preußische Landrecht von 1794 konnte den Bürger nur in Abgrenzung vom Adel und Bauern definieren. Im 19. Jahrhundert kritisierten Studenten erst Spießbürger, ehe sie selbst Biedermänner wurden. Für etwa 50 Jahre bildete die Arbeiterbewegung eine letztlich verdächtig bürgerlich aussehende Gegenkultur: mit eigenen Theaterabonnements, Gesangvereinen und Kleingärten. Die ging 1933 unter.

Und abgesehen von ein paar Traditionsfahnen auf SPD-Kundgebungen ist davon nichts geblieben. Sozialdemokratische Wähler sind primär Studienräte, andere Verbeamtete und Angestellte, deren Eltern womöglich Arbeiter waren. Und daher ist es ziemlich albern, von der SPD einen leninistischen Putsch samt der Verstaatlichung aller Produktionsmittel zu erwarten - kurz einen echten Linksruck.

Eine Handvoll lärmender Jung-Liberaler übersteigert die Marktgläubigkeit 

Zur bürgerlichen Mitte gehört natürlich auch die FDP - wenn auch als Vertreter bürgerlicher Einkommens- und Vermögenseliten. Während die Union mehr für den Arbeitgeberverbandskapitalismus alter Schule steht, verkörpern die Liberalen dessen Turbo-Variante. Da trinkt man dann eher Weißwein als Bier zum leichten Salat und fährt dank seiner Wirtschaftskompetenz als Selbstständiger ein Cabriolet.

Man kritisiert ein Zuviel an Staat, ruft aber sofort nach den sonst kritisierten Füllhörnern der Subvention, wenn eigene wirtschaftliche Interessen bedroht sind oder die allzu freie Marktwirtschaft einen Banken-Crash erzeugt hat. Eine Handvoll lärmender Jung-Liberaler übersteigert die Marktgläubigkeit und den Hass auf den Steuern raubenden Staat so weit, dass sie eben kaum mehr als bürgerlich gelten können.

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Bürgerlichkeit mag in aristokratischen Zeiten staatsfern gewesen sein, heute ist sie am liebsten beim Staat angestellt oder gar verbeamtet. Die Bürgerlichkeit fällt zwar nicht mehr Heinrich Manns "Untertan" Diederich Heßling vor Kaiser Wilhelm in den Staub. Aber sie mag es überhaupt nicht, wenn linke Meckerer rechte Umtriebe bei der Polizei und der Bundeswehr kritisieren und spricht auch nach dem 1000. Bericht von einem "Einzelfall".

Bei der Gründergeneration der Grünen mag im Gefolge der Studentenrevolte von 1968 womöglich noch ein revolutionärer Funke im Herzen geglüht haben, wenn der nicht schon flower-power-verwässert war. Aber die Joschka Fischers sind längst in Rente, und neben ihnen gab es immer auch eine wertkonservative Fraktion in der Ökopartei - also Super-Bürgerliche mit Sonnenblumen im Vorgarten. Die zweite, dritte und vierte Generation dieser Partei darf man jener Mitte zurechnen, die das Maß liebt und den maßvollen Umgang auch auf die Umwelt und ihre Ressourcen ausdehnen möchte.

Odo Marquard: "Bürger favorisieren das Geregelte gegenüber dem Erhabenen"

"Die liberale Bürgerwelt bevorzugt das Mittlere gegenüber den Extremen", schrieb der Philosoph Odo Marquard in einem seiner Versuche, die Bürgerlichkeit zu retten. Bürger favorisierten "kleine Verbesserungen gegenüber der großen Infragestellung, das Alltägliche gegenüber dem Moratorium des Alltags, das Geregelte gegenüber dem Erhabenen, die Ironie gegenüber dem Radikalismus, die Geschäftsordnung gegenüber dem Charisma, das Normale gegenüber dem Enormen".

Da trifft sich Marquard mit dem größten literarischen Verteidiger des Bürgerlichen: mit Thomas Mann. Der überwand, nach einigem Ringen und mancher Bedenkzeit seine Abneigung gegen die Linke. "Ich kenne die weltanschauliche Abneigung wohl, die deutsche Bürgerlichkeit gegen den Sozialismus, gegen das, was man marxistische Gedankengänge nennt, von Instinkt wegen hegt", schrieb er 1930. Aber die Linke unterhalte "weit freundlichere Beziehungen zum Geist" als die "bürgerlich-kulturelle Gegenseite", die ihre "Berührung mit dem lebendigen Geist" und der Sympathie mit seinen Lebensforderungen verloren und verlernt" habe.

Bilden grüne Realos und die FDP eine "Koalition"?

Das schließt die Mehrheit der Grün-Wähler und manche Linke ein und erklärt zugleich, weshalb die AfD genau nicht als bürgerliche Partei gelten kann. Nach den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen träumte zwar eine MDR-Journalistin von einer "bürgerlichen Koalition" zwischen Rechten und Union. Aber man wird eine Rechtsaußen-Partei, der bei der Bundestagswahl 89 Prozent der Wähler ihre Stimme verweigerten - zumindest außerhalb von Sachsen und Thüringen - kaum zur Mitte rechnen können.

Dass die AfD - offenbar mangels grundlegender Rechenkenntnisse - trotzdem glaubt, sie würde für eine schweigende Mehrheit oder gar "das Volk" sprechen, ist ein weitverbreiteter Irrtum unter Rechtskonservativen. Auch die CDU ist von dieser Geste nicht frei: Ihr Kandidat glaubte auch nach herben Verlusten noch, dass ihm als Kandidat des Kanzlerwahlvereins CDU gleichsam ein natürliches Anrecht auf das Amt zustünde.

Weil wir mehr oder weniger also alle bürgerlich geworden sind, kommt es nicht überraschend, wenn nun grüne Realos und die FDP eine Koalition bilden möchten, die dann mit der SPD oder CDU eine Regierung bildet. Auch wenn das "Fridays for Future" - also den Bürgerkindern - womöglich nicht radikal genug wäre: der Rest der Welt könnte das bürgerliche Maß und den alle Extreme dämpfenden Interessenausgleich innerhalb dieser Dreierkoalition als wohltuend empfinden.

Ein paar frische Produkte bringen den bürgerlichen Esser nicht um

Natürlich gibt es erste Warner: Sollten die Grünen sich mit SPD und FDP zu einer "Ampel" zusammentun, verlören sie den Anspruch, bürgerliche Partei zu sein, warnte am Montag Markus Söder nach dem Motto: "Was bürgerlich ist, bestimme ich! Und die SPD ist es jedenfalls nicht!". Das ist aber mehr der Versuch, die Rote-Socken-Kampagne nach dem Wahlkampf weiterzuführen. Und wer linke und grüne Experimente unter einem Wirtschaftsminister Christian Lindner fürchtet, muss ein ziemlicher politischer Angsthase sein.

Grüne, Liberale und Soziale sind ein Garant dafür, dass in der nächsten Legislaturperiode nicht wieder nur aufgewärmte Kohlrouladen und industrielle Kartoffelknödel serviert werden. Ein paar frische Produkte, was Vegetarisches und ein Salat mit roten Tomaten, bringen den bürgerlichen Esser nicht um - im Gegenteil: Es verlängert das Leben. Und Gesundheit braucht der Bürger angesichts der anstehenden Herausforderungen, damit die bürgerliche Mitte weiter so starken Extremismen von links, rechts und oben abwehren kann.

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