Interview

"A House of Call" im Prinzregententheater: Kollektive Kreativität

Heiner Goebbels über sein Werk "A House of Call", das am heutigen Dienstag im Prinzregententheater gespielt wird.
| Robert Braunmüller
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Der Komponist Heiner Goebbels.
Der Komponist Heiner Goebbels. © Bernd Thiessen/dpa

München - Seine Musik ist schwer einzuordnen. Auch wenn "A House of Call" die Saison der musica viva eröffnet, ist das Werk keine typische musica-viva-Musik. Sie changiert zwischen Philosophie, Rock, Widerstand, Avantgarde und Publikumserfolg. Uraufgeführt wurde "A House of Call" kürzlich beim Musikfest in Berlin vom Ensemble Modern Orchestra, das am heutigen Dienstag damit im Prinzregententheater gastiert.

Komponist Heiner Goebbels: "Es gibt gar kein Notizbuch, es ist nur in meinem Kopf"

AZ: Herr Goebbels, Ihr Stück "A House of Call" trägt den Untertitel "My imaginary notebook". Wieso ist das Notizbuch imaginär und was haben Sie notiert?
HEINER GOEBBELS: Es gibt gar kein Notizbuch, es ist nur in meinem Kopf. Aber ich erkläre meine Titel eigentlich ungern. Zunächst einmal sind sie dazu da, um neugierig zu machen.

Der Titel "A House of Call", so höre ich, stammt aus einem Werk von James Joyce.
Ja, auch wenn ich ihn bei John Cage gefunden habe. Er bezeichnet im frühindustriellen England einen Ort, an dem Arbeitssuchende, Fachleute auf potenzielle Auftraggeber treffen. Die rufen dann "Ich brauche zehn Schreiner" oder "fünf Geiger" - was durchaus auch auf das Ensemble Modern Orchestra passen könnte. Im Kern besteht das zwar aus dem Solistenensemble Ensemble Modern, aber es erweitert sich durch hervorragende Freischaffende auf Orchestergröße. In einem weiteren Sinn könnte man bei "A House of Call" aber auch an einen Konzertsaal als öffentliches Haus denken, in dem Stimmen um Unterstützung rufen, auf die das Orchester dann antwortet.

Nach der Berliner Uraufführung wurde Ihr Stück als "Liederabend mit abwesenden Solisten" beschrieben. Trifft es das?
Die Solistinnen und Solisten werden als Samples zugespielt, das ist aber nur die technische Seite. Mir geht es darum, Stimmen erklingen zu lassen, die normalerweise in einem Konzertsaal nicht vorkommen, die mir aber wichtig sind und von denen ich glaube, dass sie Gehör finden sollten.

"Es sind auch Stimmen, die dringliche Mitteilungen machen"

Was sind das für Stimmen?
Es sind Stimmen, die sich mir in den letzten 30, 40 Jahren als akustische Erfahrung eingegraben haben. Und viele davon tragen nach wie vor ein Geheimnis in sich. Es sind auch Stimmen, die dringliche Mitteilungen machen - mit Sprache oder Gesang, oder Stimmen so sich Gesang und Sprache hörbar reiben. Nicht unbedingt immer im klassischen Sinne "schöne Stimmen". Man hört im Rauschen oder Kratzen auch die Entstehung der meist historischen Aufnahmen.

Das Meiste stammt aus dem Berliner Phonogrammarchiv.
Einige davon. Es sind auch Stimmen dabei, die ich 1985 von einer Reise nach Kolumbien mitgebracht habe. Die Stimme meiner Mutter. Oder die von Heiner Müller, mit dem mich viel verbunden hat. Anderes habe ich in Berlin gefunden, bei der Recherche nach Stimmen aus Armenien und Namibia. Eine griechische Stimme stammt aus meiner Materialsuche zu einem Stück über Heinrich Schliemann.

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Wie verhält sich das Orchester zu diesen Stimmen?
Es präsentiert sie, antwortet ihnen, unterstützt oder begleitet sie; manchmal gibt es Widerspruch, manchmal hält es inne.

Es gibt auch Stimmen aus den ehemaligen deutschen Kolonien. Reagieren Sie damit auf die aktuelle Debatte?
Sie beschäftigen mich, seit ich sie vor über zehn Jahren entdeckt habe. Und ich begrüße, dass diese Fragen endlich stärker diskutiert werden, aber mein Stück ist keine Reaktion darauf. Meine Musik ist nicht propagandistisch oder plakativ, und wer mich dabei erwischt, möge es mir sagen. Ich möchte auf politische Fragen künstlerisch antworten.

"Ich glaube nicht, dass ich allein alle Ideen habe"

Auf dem Plakat stehen Sie groß als Komponist und noch einmal klein als Verantwortlicher für die Lichtregie. Warum ist das für Sie wichtig?
Ich überprüfe Konzerte immer auf ihre Visualität. Wenn man das Publikum zu einer künstlerischen Erfahrung über 90 Minuten einlädt, gehört es auch dazu, über die verschiedenen Temperaturen des Lichts nachzudenken, oder auch mal einzelne Musikerinnen und Musiker und ihre Instrumente besonders sichtbar zu machen.

Sie arbeiten seit 1986 mit dem Ensemble Modern zusammen.
Uns verbindet, dass wir nach neuen Fragestellungen suchen. So konnten Stücke wie "Schwarz auf Weiß", wie "Eislermaterial" oder "Landschaft mit entfernten Verwandten" entstehen. Für "A House of Call" gab es auch verschiedene Try-Outs mit dem Ensemble Modern Orchestra; eine Möglichkeit, die ich mit einem Symphonieorchester nie gehabt hätte, um Irrtümer beim Komponieren auszuschließen. Ich glaube nicht, dass ich allein alle Ideen habe. "A House of Call" ist auch Ausdruck dieser kollektiven Kreativität.


Prinzregententheater, Dienstag, 28. September, 20 Uhr, Restkarten an der Abendkasse

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