Sky-Experte im AZ-Interview Lothar Matthäus: "Für den FC Bayern sind drei Titel möglich"

, aktualisiert am 24.02.2020 - 10:36 Uhr
Lothar Matthäus traut dem FC Bayern drei Titel diese Saison zu. Foto: imago/Revierfoto

Lothar Matthäus spricht im AZ-Interview über die Triple-Chancen des FC Bayern, das Spiel gegen den FC Chelsea und Hansi Flick: "Er ist der richtige Trainer. Es gibt keine echte Alternative zu ihm".

 

München - AZ-Interview mit Lothar Matthäus. Der 58-Jährige wurde mit dem FC Bayern sieben Mal Meister, 1996 gewann er den Uefa-Cup. Die Partien gegen Chelsea begleitet er als Experte für Sky.

AZ: Herr Matthäus, der FC Bayern trifft am Dienstagabend (21 Uhr/live und exklusiv bei Sky) im Achtelfinale der Champions League auf den FC Chelsea. Wie stark schätzen Sie die Engländer ein?
LOTHAR MATTHÄUS: Bayern ist der klare Favorit. Das ist nicht mehr das große Chelsea aus der Vergangenheit mit Spielern wie Michael Ballack, John Terry, Frank Lampard und Didier Drogba. Es ist eine sehr junge Mannschaft, die einen Umbruch hinter sich hat. Deshalb gehe ich davon aus, dass Bayern mit zwei "normalen", guten Auftritten die nächste Runde erreichen wird. Qualitativ liegt Bayern deutlich vor Chelsea. In der Premier League sind die Blues nur Vierter mit mehr als 30 Punkten Rückstand auf Liverpool. Zudem ist Mittelfeldstar N‘Golo Kanté verletzt. Die Mannschaft hat insgesamt nicht mehr den Glanz früherer Tage.

"Liverpool ist höher einzuschätzen als FC Bayern"

Ist der FC Liverpool trotz der Niederlage gegen Atlético Madrid noch der erste Anwärter auf den Champions-League-Triumph?
Ich mache das nicht von einem Spiel abhängig. Liverpool hat die Qualität, das Ergebnis im Rückspiel zuhause zu drehen. Das hat die Mannschaft vergangene Saison gegen Barcelona im Halbfinale bewiesen. Liverpool bleibt aufgrund der Leistungen in der Premier League für mich der Topfavorit. Der Kader ist extrem stark und ausgeglichen besetzt. Deshalb ist das Team einen Tick höher einzuschätzen als andere Mannschaften, zu denen auch der FC Bayern zählt.

Warum zögert der FC Bayern, Hansi Flick zum langfristigen Cheftrainer zu ernennen?
Das weiß ich auch nicht. Man sollte Hansis Zukunft nicht nur von den Spielen gegen Chelsea abhängig machen. Natürlich muss er in dieser Saison Titel holen, sonst wird es für jeden Bayern-Trainer kompliziert, aber sie spielen einen tollen, attraktiven, offensiven Fußball. Hansi Flick macht einen super Job, alle Spieler sind zufrieden und die Atmosphäre stimmt. Niko Kovac hatte es von Anfang an schwerer als Hansi, weil nicht der gesamte Klub hinter ihm stand. Da gab es immer zweifelnde Stimmen. Das haben auch die Spieler gemerkt – und ausgenutzt.

Vielleicht sucht der FC Bayern aber auch eine größere Lösung als Flick.
Die sehe ich aktuell nicht, wer soll das sein? Thomas Tuchel hat mit Paris Saint-Germain auch nicht immer überzeugt, zuletzt etwa gegen Borussia Dortmund. Tuchel kommt mit seiner Art nicht mit jedem Spieler zurecht, da hat Hansi Vorteile. Es gibt bei Bayern in meinen Augen keine echte Alternative zu Hansi Flick.

"Seitdem Flick Trainer ist, herrscht bei Bayern Ruhe"

Wie ist Ihr persönlicher Kontakt zu ihm? Sie haben ja früher mit Flick zusammengespielt und gemeinsam als Trainer bei RB Salzburg gearbeitet.
Ich habe ihn damals nach Salzburg geholt, weil ich von seinen Fähigkeiten und seiner Loyalität überzeugt war und nach wie vor bin. Heute sehen wir uns regelmäßig im Stadion. Früher waren wir Nachbarn in Solln, haben sehr viel zusammen unternommen. Der große Respekt ist immer geblieben. Ich habe seine Arbeit bei der Nationalmannschaft bewundert, da ist er als großer Psychologe aufgetreten. Ich schätze seine gelassene Art, er wirkt am Spielfeldrand nie aggressiv, nie gestresst, löst die Dinge unaufgeregt. Das kommt bei den Spielern an.

Erkennen Sie Parallelen zu Jupp Heynckes und generell zur Triple-Saison 2012/13?
Seitdem Flick Trainer ist, herrscht bei Bayern Ruhe. Das ist schon vergleichbar mit der Heynckes-Zeit. Der Verein und das gesamte Umfeld sind enger zusammengerückt. Das überträgt sich auf die Fans und auf das Team. Hansi hat ein gutes Gespür für eine Mannschaft, menschlich und kommunikativ ist er top. Ich halte drei Titel für möglich, aber dafür muss alles passen. Es ist wichtig, dass Lucas Hernández und Kingsley Coman topfit sind, um der Mannschaft mehr Qualität zu geben. Im Kader gibt es jetzt wieder Optionen, es können auch starke Spieler von der Bank kommen. Das hat auch die Triple-Bayern 2013 ausgezeichnet.

Im Sommer sollen dann Leroy Sané und Kai Havertz nach München wechseln. Wie wichtig wären diese Transfers?
Bayern muss sich um beide Spieler bemühen. Der Klub will mal wieder die Champions League gewinnen und 2022 findet das Finale in München statt. Havertz und Sané sind zwei Spieler, die zu den größten Talenten Deutschlands gehören. Sie sind für die Zukunft der Nationalmannschaft wichtig – und damit auch für die Zukunft des FC Bayern interessant. Da kann ich mich an Uli Hoeneß erinnern, der vor einigen Jahren gesagt hat, dass die jungen Nationalspieler am besten bei Bayern spielen sollten. Und Havertz und Sané sind zwei Jungstars, die das Niveau der Mannschaft enorm erhöhen würden.

Didi Hamann hat darauf hingewiesen, dass Sané unter Pep Guardiola Probleme hatte.
Entscheidend ist das, was er auf dem Platz bringt. Auch wenn Sané mit Guardiola nicht gut zurechtgekommen ist, hat er trotzdem gute Leistungen gezeigt. Und außerdem kann Hansi Flick mit allen Spielern umgehen – mit Problemfällen, mit Weltstars, mit jungen Spielern und Spielern, die vielleicht etwas sensibler sind. Er findet immer die richtige Ansprache. Deshalb frage ich mich, warum man überhaupt über Hansi diskutieren sollte. Er ist der richtige Bayern-Trainer. Es geht ja nicht nur um das reine Ergebnis, sondern auch darum, den Klub und die Mannschaft souverän zu führen. Das schafft Hansi – genauso wie Jupp Heynckes. Die Führungsspieler wie Thomas Müller, Manuel Neuer, Joshua Kimmich und Thiago sind zufrieden, Philippe Coutinho meckert zumindest nicht öffentlich. Das spricht alles für den Trainer.

Lesen Sie hier: Vor dem Spiel gegen Chelsea - Was für den FC Bayern spricht

 

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