Parteien und Reaktionen Merkel und Union geschwächt: Angela, die Angeschlagene

Zufriedene Sieger sehen anders aus: Kanzlerin Angela Merkel mit (v. l.) Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, dem parlamentarischen Staatssekretär Jens Spahn und GeneralsekretärPeter Tauber auf der Bühne in der CDU-Parteizentrale. Foto: dpa

Das Denkzettel-Debakel: Die Deutschen versetzen der Union bei der Bundestagswahl einen Kinnhaken – genau wie der SPD, die jetzt in die Opposition geht. Die AfD wird drittstärkste Kraft, die FDP kehrt zurück.

 

Berlin - In Berlin ist am Wahltag die Welt zuhause. Menschen aus 137 Staaten laufen einmal durch die ganze Hauptstadt, am Kanzleramt und Bundestag vorbei bis zum Wahrzeichen des Landes. Am Brandenburger Tor, wo einst die Mauer Deutschland teilte, kommen die Sportler ins Ziel. Der Marathon wird weltweit übertragen – und danach die Ergebnisse der Bundestagswahl.

Merkel: "Wir hatten uns ein besseres Ergebnis erhofft“

Sie sorgen am Abend für Erschütterung. Deutschland rückt nach rechts. Die Republik wird sich verändern. Angela Merkel ist angeschlagen.

Erstmals seit mehr als 50 Jahren kommt mit der AfD wieder eine Rechtsaußenpartei in den Bundestag. Für die Union mit Europas dienstältester Regierungschefin an der Spitze sieht es nach dem schlechtesten Ergebnis in der Kanzlerschaft von Merkel aus – nur 33 Prozent. Der Koalitionspartner SPD stürzt ab, Kanzlerkandidat Martin Schulz kündigt den Gang in die Opposition an. Die Parteienlandschaft splittert. Die FDP kommt eindrucksvoll zurück ins Parlament, Linke und Grüne bleiben stabil.

Aber wie stabil bleibt Deutschland, die große Volkswirtschaft, auf die Brüssel, Washington, Moskau, Paris so achten? Und wie unangefochten kann Merkel Kurs auf eine vierte Amtszeit nehmen? Als die Kanzlerin eine Dreiviertelstunde nach der ersten Prognose ins Foyer das Konrad-Adenauer-Hauses kommt, branden rhythmische "Angie"-Rufe auf. "Natürlich hatten wir uns ein wenig ein besseres Ergebnis erhofft", lautet Merkels Beschreibung für das herbe Minus. Aber es ist gar kein Vergleich mit dem ausgelassenen Jubel vor vier Jahren, als die Union mit 41,5 Prozent triumphierte.

Mit der CSU muss sich die Kanzlerin neu zusammenfinden

Inhaltlich ist vieles offen, wenn es um eine Regierungsbildung geht. Nun werde man Gespräche "mit anderen Partnern" ins Visier nehmen, formuliert es Merkel maximal offen. Rote Linien zog sie vorab keine. Nach den Hochrechnungen blieben allein eine mutmaßlich komplizierte Jamaika-Konstruktion mit Grünen und FDP und die – von der SPD sogleich ausgeschlossene – schwarz-rote Koalition.

Jamaika brächte auch personelle Unwägbarkeiten mit sich. Was etwa würde aus Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), wenn FDP oder Grüne das Ressort für sich beanspruchen würden? Und dann ist da ja auch noch die CSU, mit der sich Merkel auf neuer Basis zusammenfinden muss. Im Wahlkampf hielt die mühsam gefundene Eintracht, nachdem CSU-Chef Horst Seehofer in Sachen Asyl zuvor bittere Kämpfe ausgefochten hatte.

Nun aber brodelt es bei den Bayern. Viele in der CSU machen Merkel für die Einbußen der Union verantwortlich. Eine Million vorherige Unionswähler haben ihr Kreuzerl bei der AfD gemacht. Eine tiefe Fleischwunde. Franz Josef Strauß wird sich angesichts des AfD-Erfolgs im Grab umdrehen. Die vom CSU-Übervater vor mehr als 30 Jahren für die Union gezogene Grenze ist gefallen. "Es darf rechts von der Union keine demokratisch legitimierte Gruppierung von politischer Relevanz geben", hatte der konservative Haudegen damals gesagt – als Kampfansage an die rechtsradikalen Republikaner.

 

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