Münchner Gschichten Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck: "Die Schießerei nahm kein Ende"

6. September 1972: Auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck steht das Wrack eines BGS-Hubschraubers – das traurige Ende der missglückten Befreiungsaktion. Foto: dpa

Ein AZ-Leser erinnert sich an den Einsatz 1972 auf dem Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck – er war als Polizist dabei.

 

Emil (Nachname der Redaktion bekannt), geb. 1942, Polizeibeamter, war mit dabei am Militärflughafen Fürstenfeldbruck am 5. und 6. September 1972 – hier sind seine persönlichen Erinnerungen.

Ich war erst seit Mai 1972 in Ausbildung bei der Polizei. Wir wurden von der Schule abgezogen und zum Dienst bei den Olympischen Spielen eingeteilt. Am 5. September 1972 hatte ich Nachtdienst bei der Münchner Polizei und meine eigentliche Aufgabe wäre gewesen, den Materialwagen zu fahren, auf dem Werkzeug, Schaufel, Besen etc, sowie ein ausfahrbarer Strahler zur Beleuchtung untergebracht waren. Wie gesagt, eigentlich, denn an diesem Tag kam alles anders.

Wie meistens fuhr ich sehr rechtzeitig von zu Hause los und war zu früh auf meiner Dienststelle. Dies war der Grund, warum ich – der ja erst seit Mai bei der Polizei in Ausbildung war (vorher war ich als Bäckermeister tätig) – auf dem Militärflugplatz in Fürstenfeldbruck gelandet war, wo der Terroranschlag ein blutiges Ende nahm.

Der (ausgebildete) Kollege, der eigentlich mit nach Fürstenfeldbruck fahren sollte, war noch nicht an seinem Arbeitsplatz, darum hieß es, ich solle mitfahren. Nun gut, wir wussten noch nicht, was auf uns zukam, und da wir noch nicht zu Abend gegessen hatten, schlug mein Kollege vor, dass wir uns noch beim Wienerwald ein Hendl mitnehmen und dann vor Ort Brotzeit machen könnten. Wenn wir gewusst hätten.

Wir machten uns also auf den Weg nach Fürstenfeldbruck. Mit dem Opel Blitz dauerte die Fahrt ziemlich lange. Dort angekommen, baute ich den Strahler auf der Laderampe auf, der den Flugplatz bzw. einen Teil davon nur spärlich beleuchtete.

Wir gingen in das Gebäude hinein, erkundeten die Umgebung, unterhielten uns mit den anderen über die Sachlage, einen Einsatzleiter gab es nicht wirklich, keiner hatte einen Plan. Meine Polizeikollegen hatten beschlossen, dass die ja bereits bekannte Aktion im Flugzeug (Polizisten verkleiden sich als Flugpersonal und überwältigen dann die Terroristen), zu gefährlich war. Auf diese Weise sollten die Terroristen, wie von ihnen gefordert, außer Landes gebracht werden. Da außerdem der Flieger nur zur Hälfte betankt wurde, damit die Verbrecher abstürzen sollten, verteilten wir uns auf dem Flughafengelände.

Mein Polizeikamerad Fritz Th., der schon seit zehn Jahren bei der Polizei war, verschanzte sich mit seiner Truppe im Tower. Wir warteten also auf die Ankunft der Hubschrauber. Ich befand mich im mittleren Bürotrakt zusammen mit einem Feldwebel der Bundeswehr und Innenminister Bruno Merk (der übrigens nicht wie bei Wikipedia steht, dem Polizei-Einsatzleiter den Befehl erteilte, das Feuer zu eröffnen). Wer das Feuer eröffnete, nachdem einer der Terroristen etwas zu seinen Leuten geschrien hatte, weiß ich nicht, jedenfalls war es nicht Merk, denn der war ja bei mir.

Die darauffolgende Schießerei war heftig, ich kauerte hinter einem Mauervorsprung, darauf gefasst, dass einer der Terroristen unseren Raum stürmen könnte und ich von der Schusswaffe Gebrauch machen müsste. Durch mein Alter und dadurch, dass ich der einzige Bewaffnete in dem Raum war, stützten sich meine Begleiter voll auf mich und fragten, was weiterhin zu tun sei. Sie wussten nicht, dass ich noch am Anfang meiner Ausbildung stand. Ich wurde um Rat gefragt, ob sie den herbeigerufenen Bundesgrenzschutz auf das Gelände lassen sollten. Ich sagte ihnen: Bloß nicht! Sie würden alle gnadenlos erschossen werden von den Terroristen!

Anton Fliegerbauer, der Polizist, der bei der Schießerei ums Leben kam, und ein weiterer Kollege beschlossen, sich in einen Kellerschacht zu begeben, um von dort auf die Terroristen schießen zu können. Der Kollege sprang als erster aus dem Bürotrakt raus und in den Kellerschacht hinein – Fliegerbauer folgte ihm, schaffte es aber leider nicht mehr. Ein Querschläger aus der Richtung der Terroristen traf ihn am Auge.

Die Schießerei nahm kein Ende und ich funktionierte nur noch, ständig die Türe und die Fenster unseres Raumes im Blick und jederzeit schussbereit. Was dann folgte, ist ja hinlänglich bekannt. Die Terroristen sprengten einen der Hubschrauber in die Luft, alle Geiseln kamen ums Leben.

Franz Josef Strauß kam hinzu und fing an, herumzubrüllen

Als die Schießerei vorbei war, schauten wir uns draußen um, ob alle Terroristen tot waren. Wir kamen an dem unversehrten Hubschrauber vorbei, der Anblick, der sich uns bot, war furchtbar. Die Geiseln saßen gefesselt und erschossen mit gesenktem Kopf im Hubschrauber. Ich erinnere mich noch genau daran und habe immer noch die Bilder im Kopf. Auf dem Boden des Hubschraubers lag ein vermeintlich toter Terrorist. Da erkannte ein Kollege, dass dieser blinzelte und reagierte zum Glück blitzschnell. Er zog ihn vom Helikopter runter und warf ihn auf den Boden, wo er von den anderen Polizisten sofort ausgezogen und auf weitere Waffen untersucht wurde. Dann führten sie ihn gleich ins Towergebäude ab.

Ich entdeckte einen weiteren toten Terroristen, dessen vordere Körperhälfte – wohl von der Explosion der Handgranate – weggeschossen worden war. Es sah bizarr aus, wie er so "abgeflacht" dalag. Diesen Anblick habe ich bis heute nicht vergessen.

Genscher und Strauß kamen hinzu, und Franz Josef Strauß fing an, herumzubrüllen. Na, jetzt brauchte er auch nicht mehr herumzuschreien. Am Morgen konnten wir wieder nach Hause fahren, das Wienerwaldhendl nahm ich mit nach Hause, nach Essen war mir nicht mehr. Ich fuhr die rund 70 Kilometer nach Niederbayern nach Hause zu meiner Frau und meinem dreijährigen Sohn und wollte mich nur noch hinlegen.

Meine Frau empfing mich mit den Worten: "Stell dir vor, was heute Nacht in Fürstenfeldbruck passiert ist..." Ich sagte nur: "Ich weiß!" und legte mich schlafen, wie immer nach dem Nachtdienst. Erst nachmittags nach dem Aufwachen erzählte ich ihr die ganze Geschichte und dass ich mittendrin war. Den Schrecken kann man sich wohl vorstellen.

Es dauerte über ein Jahr, bis ich beim Geräusch eines Hubschraubers nicht mehr zusammenzuckte.


Die Geiselnahme im Olympiadorf

Elf israelische Sportler, ein Polizist und fünf Terroristen – getötet nach der Geiselnahme im Olympiadorf und der missglückten Befreiungsaktion am Fliegerhorst Füstenfeldbruck während der Olympischen Spiele 1972 in München. Im Morgengrauen des 5. September hatten die Terroristen der palästinensischen Untergrundorganisation "Schwarzer September" die israelischen Sportler und ihre Betreuer in deren Wohnung in der Connollystraße 31 im Olympiadorf als Geiseln genommen.

Es folgten 20 Stunden, in denen die Geiseln in der Hand ihrer Entführer waren und schwer misshandelt wurden, zwei Israelis starben bereits hier. Die Geiselnehmer verlangten die Freilassung von 232 Palästinensern aus israelischen Gefängnissen sowie die Freilassung der RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof sowie des japanischen Terroristen Kozo Okamoto. Der Befreiungsversuch auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck endete dann am 6.9.1972 in einem Fiasko.


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