AZ-Interview Ottmar Hitzfeld: "Uli Hoeneß war die prägende Figur des FC Bayern"

Ex-Coach und Ehrenpräsident: Ottmar Hitzfeld (l.) und Uli Hoeneß Foto: firo/Augenklick

Der FC Bayern wird an diesem Donnerstag 120 Jahre alt. In der AZ spricht Trainerlegende Ottmar Hitzfeld über die Zukunft des Klubs und die wichtigsten Akteure der Historie: "Uli Hoeneß war die prägende Figur."

 

München - Ottmar Hitzfeld wurde als Trainer des FC Bayern fünfmal Meister, 2001 gewann er die Champions League und den Weltpokal.

AZ: Herr Hitzfeld, an diesem Donnerstag wird der FC Bayern 120 Jahre alt. Wer waren die entscheidenden Akteure für den Aufstieg der Münchner zum Weltklub?
OTTMAR HITZFELD: Der große internationale Erfolg des FC Bayern hat in den 1970er-Jahren begonnen. Das waren goldene Jahre mit drei Siegen im Landesmeister-Cup, mit den Trainern Udo Lattek und Dettmar Cramer, mit einer sensationellen Mannschaft um Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Gerd Müller. Diese Achse war ein Glücksfall für den FC Bayern, sie hat den Mythos des Klubs gestartet. Heute könnte man diese Weltklassespieler gar nicht mehr bezahlen.

Wie haben Sie den FC Bayern persönlich in dieser Zeit wahrgenommen?
Ich habe ja damals selbst in der Bundesliga gespielt, gegen Beckenbauer, Hoeneß und Co., mit Hoeneß war ich zusammen 1972 bei den Olympischen Spielen. Mein Augenmerk lag immer auf dem FC Bayern, der ja schon damals der größte Verein in Deutschland war.

Hitzfeld: "Uli war ein Genie in der Vermarktung"

Waren Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge die wichtigsten Führungskräfte in der Bayern-Historie?
Auch Präsidenten wie Kurt Landauer zu Kriegszeiten oder Wilhelm Neudecker und ein Manager wie Robert Schwan haben den FC Bayern frühzeitig geprägt, ebenso natürlich Franz Beckenbauer. Uli Hoeneß wurde früh ins kalte Wasser geworfen. Mit 27 schon Manager zu werden, ist schlichtweg sensationell. Er hat in diesem Alter schon die Weichen zu einem großen Verein gestellt.

Uli war ein Genie in der Vermarktung des FC Bayern, er hat das Marketing, Sponsoring und Merchandising in der Bundesliga erst eingeführt. Zu der Zeit war das noch nicht üblich. Uli hat diese Geldquellen für Bayern geöffnet. Das Olympiastadion war natürlich auch ein Vorteil für den Klub, genauso ist es heute die Allianz Arena. Uli hat dem Verein wirtschaftlich und auch sportlich unheimlich viel gegeben. Er war ja auch ein toller Spieler bis zu seiner Knieverletzung. Uli war die prägende Figur des FC Bayern.

Welche Spieler waren in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend?
Oliver Kahn war immer ein Leader, einer, der die Bayern-Mentalität verinnerlicht hat. Ein absoluter Siegertyp, für ihn gab es nur das Gewinnen – am liebsten zu null. Er war so verbissen, dass er sauer wurde, wenn bei einer 4:0-Führung das 4:1 gefallen ist. So war Olli. Auch Lothar Matthäus und Stefan Effenberg waren überragende Anführer. In den vergangenen Jahren sind Arjen Robben, Franck Ribéry, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, Robert Lewandowski und Manuel Neuer in diesen Kreis aufgestiegen.

Nachwuchs-Entwicklung: Hitzfeld rät FC Bayern zu Leihgeschäften

Wie wichtig ist es für den Klub, dass ein Ur-Bayer wie Thomas Müller erhalten bleibt?
Es wird immer schwieriger, Topspieler aus dem eigenen Nachwuchs zu entwickeln. Die Geduld hat man oft nicht mehr. Ein gutes Modell ist es, Spieler auszuleihen und sie später zurückzuholen – wie etwa bei Philipp Lahm oder David Alaba. Der Sprung vom Nachwuchs zu den Profis wird immer größer, vor allem beim FC Bayern. Thomas Müller ist für Bayern und die Identifikation unglaublich wertvoll. Man wird darauf achten, dass der bayerische Ursprung erhalten bleibt. Aber es wird immer komplizierter. Müller ist wieder in einer Topverfassung, er spielt eine super Saison. Er ist natürlich einer, der einen unglaublichen Instinkt hat und die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Er ist ein unglaubliches Vorbild für viele Spieler – nicht nur beim FC Bayern.

Wie kann Bayern mit den finanzstärkeren Klubs auch in Zukunft mithalten?
Bayern hat unglaublich viel Erfahrung und Know-how durch die Erfolge in den vergangenen Jahrzehnten. Im Vorstand gibt es nach wie vor Experten, im Hintergrund hat man noch Uli Hoeneß, der um Rat gefragt werden kann. Karl-Heinz Rummenigge ist lange dabei, mit Kahn rückt ein kompetenter Mann nach, Hasan Salihamidzic hat selbst auf Topniveau gespielt. Herbert Hainer weiß, wie man ein großes Unternehmen erfolgreich leitet. Da ist viel Fachkompetenz vorhanden. Es wird natürlich nicht einfacher, an der europäischen Spitze mitzuhalten, aber die Erfahrung spricht für Bayern, auch das gute Netzwerk, das Scouting-System. Bayern ist bekannt dafür, dass man wichtige Entscheidungen frühzeitig trifft. Der Umbruch in der Führungsetage war nicht einfach, da hat man gute Lösungen gefunden. Ebenso im Kader. Für Arjen Robben und Franck Ribéry, die Geschichte geschrieben haben, hat Bayern gute Nachfolger gefunden.

Ottmar Hitzfeld ist von Oliver Kahn überzeugt

Warum passt Kahn so gut zu Bayern?
Er kennt den Verein und hat sich weiterentwickelt. Kahn ist ein erfolgreicher Unternehmer geworden. Zudem hat er die Fachkompetenz als Sportler. Wie kein anderer hat er die Bayern-Mentalität verinnerlicht. Zudem hat er als Fernsehkommentator immer gute Ideen präsentiert.

Können Sie sich Lahm und Schweinsteiger später auch im Führungsteam vorstellen?
Irgendwann schon. Aber sie müssen erstmal Abstand gewinnen und Erfahrung sammeln. Zurzeit hat man den Umbruch ja schon geschafft, die nächsten Jahre sind geregelt. Schweinsteiger hat sich als Spieler zur echten Persönlichkeit entwickelt, er ist ein Garant gewesen für die Weltmeisterschaft 2014. Da ist er über sich hinausgewachsen, hat mit Blut und Dreck im Gesicht gekämpft im Finale, wie ein Patriot, wie Fritz Walter 1954. Das war symbolhaft.

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