AZ-Interview Ottmar Hitzfeld: "Bayern wird sich richtig pushen"

Ob's wieder so deutlich wird? Das letzte Spiel gegen Dortmund gewann der FC Bayern um Javi Martínez (links) im März mit 6:0. Foto: Matthias Balk, Ingo Wagner/dpa

Ottmar Hitzfeld spricht in der AZ über das Duell der Giganten und lobt den BVB: "Dortmund hat die Substanz, um Meister zu werden."

 

Ottmar Hitzfeld (69) trainierte von 1991 bis 1997 den BVB und zweimal den FC Bayern (1998 bis 2004, 2007/2008). Mit beiden Klubs gewann er die Champions League. In der AZ spricht er über das Duell der Giganten (Samstag, 18.30 Uhr live bei Sky und im AZ-Liveticker).

AZ: Herr Hitzfeld, Dortmund gegen Bayern ist stets ein heißes Duell, diesmal kribbelt‘s besonders. Bei Ihnen auch?
OTTMAR HITZFELD: Für mich waren das immer die packendsten Spiele. Die Atmosphäre in Dortmund ist speziell, 80.000 Zuschauer, die total mitfiebern und sich mit ihrer Mannschaft identifizieren. Bayern war in den vergangenen Jahren vor Dortmund, jetzt ist es eine neue Situation, weil der BVB vier Punkte Vorsprung hat. Das ist eine Rarität und verleiht diesem Spiel einen besonderen Reiz.

Sind Sie live im Stadion dabei?
Ich schaue das Spiel zuhause an, da sieht man alles besser und hat seine Ruhe. (lacht)

Hitzfeld ist zu 60 Prozent für den FCB und zu 40 Prozent für den BVB

In der Vergangenheit haben Sie leicht zu den Bayern tendiert, was Ihre Sympathien angeht. Auch diesmal?
Ja, dabei bleibt es. Zu 60 Prozent bin ich für den FC Bayern, zu 40 Prozent für den BVB.


Ottmar Hitzfeld. Foto: dpa


Niko Kovac und Uli Hoeneß haben die Favoritenrolle nach dem 2:0-Sieg gegen Athen an Dortmund abgegeben. Steckt Kalkül dahinter?
Ich halte es eher für realistisch. Uli weiß genau, dass der Druck hoch ist und auf den Schultern der Spieler lastet. Da muss man bescheiden bleiben. Normalerweise ist immer Bayern Favorit, diesmal ist es ein offenes Duell. Bayern hat mehr Erfahrung für solche Spiele, Dortmund ist jünger. Ein bisschen Druck herrscht ja auch auf dem Tabellenführer, die Erwartungshaltung ist in Dortmund riesig vor dem Spiel. Das kann ausschlaggebend sein – für Bayern.

Wer muss die Bayern in Dortmund anführen?
Die etablierten Spieler müssen jetzt vorangehen, Thomas Müller, auch Mats Hummels oder Jérôme Boateng, wenn sie denn spielen. Ebenso Kapitän Manuel Neuer oder Franck Ribéry. Da gibt es einige. Und ich bin mir sicher, dass sich Bayern richtig pushen wird für das Spiel. Es ist aber schon so, dass jeder Spieler so seine Probleme hat zur Zeit. Die Bayern sind nicht frei, sie können nicht frei aufspielen – aus welchen Gründen auch immer. Es liegt sicher daran, dass die Erfolgserlebnisse fehlen.

"Bayern hat es verpasst, für Konkurrenz im Team zu sorgen"

Kann der BVB eine Wachablösung herbeiführen?
Davon möchte ich noch nicht sprechen, dafür ist es zu früh. Aber Dortmund hat die Substanz, um Meister zu werden. Die Transfers, die der BVB getätigt hat, passen. Mit Abdou Diallo, Axel Witsel, der eine große Persönlichkeit ist und schon Wortführer in der Kabine, sowie Thomas Delaney hat sich Dortmund defensiv erheblich verstärkt. Alle drei sind sofort Leistungsträger geworden. Und offensiv hat der BVB viel Qualität mit einem Marco Reus, der gerade in der besten Verfassung seiner Karriere ist, und Paco Alcacer, der eingeschlagen hat. Es hängt sehr viel vom Ausgang der Begegnung am Samstag ab. Wenn Dortmund gewinnen könnte, wäre das mehr wert als drei Punkte.

Beim BVB sorgt auch Jadon Sancho für Aufsehen. Ist er ein Kandidat für Bayern?
Es ist noch ein bisschen zu früh, um Spekulationen loszutreten. Sancho hat sicher große Qualität, auch Christian Pulisic ist technisch sehr versiert und schnell. Dortmund hat auch noch Jacob Bruun Larsen und Maximilian Philipp.

Sind Sie Lucien-Favre-Fan?
Ich kenne ihn schon sehr lange, wir haben früher in der Schweiz gegeneinander gespielt. Er ist ein akribischer, kompetenter Fußballlehrer, der eine Mannschaft entwickeln kann. Er profitiert sicher von den guten Transfers. Und er hat das nötige Glück erzwungen in dem ganz wichtigen Spiel gegen Augsburg. Das hat der BVB 4:3 gewonnen, hätte aber auch verlieren können. So ein Spiel zu drehen – das ist mehr wert als jede große Ansprache.

Transfers können den Konkurrenzkampf anheizen

Beim FC Bayern ist die Verjüngung im Sommer noch ausgeblieben. Ist der Umbruch nach dieser Saison nun fällig?
Bayern muss zwei, drei gute Transfers im Sommer 2019 tätigen, um die Konkurrenz im Team zu schüren. Transfers sind nicht nur dafür gut, um sich zu verstärken, sondern um den Konkurrenzkampf anzuheizen und etablierten Spielern Druck zu machen. Ich glaube, dass man das im Sommer verpasst hat.

War es aus Ihrer Sicht richtig, an Robben und Ribéry festzuhalten? Beide sind aktuell nicht gerade in Topform.
Ribéry und Robben hatten vergangene Saison erheblichen Anteil an der Meisterschaft. Von daher war es richtig.

Sie sind mit Kovac befreundet. Haben Sie erwartet, dass es für ihn so schwer wird bei den Bayern?
Kovac hat einen guten Start hingelegt, da war ich erleichtert. Dann hatte Bayern großes Verletzungspech. Corentin Tolisso war fürs Mittelfeld enorm wichtig, weil er eine hohe Spielintelligenz hat und Zweikampfstärke. Ohne Thiago ist es auch nicht einfach. Kingsley Coman ist ein Konkurrent zu Ribéry und Robben, einer, der den Umbruch gestalten kann auf lange Sicht. Gerade in Eins-zu-eins-Duellen fehlen zur Zeit die Impulse, das ist unglaublich wichtig, um Überzahl zu schaffen und Chancen zu kreieren. Nur mit Passspiel ist es schwer.

Was würden Sie Kovac raten?
Ich muss ihm nichts raten, weil er schon genügend eigene Erfahrungen gesammelt hat. Das Wichtigste ist, dass man an sich selbst glaubt, dass man überzeugt ist von dem, was man macht, dass man sich nicht von außen beeinflussen lässt und seinen eigenen Weg geht.

Präsident Hoeneß hat gesagt, dass er Kovac weiter verteidigen wird und dass es auch keine Katastrophe sei, wenn Bayern mal nicht Meister würde. Überrascht Sie dies?
Nein, das sind intelligente Worte von Uli, um die Situation zu beruhigen. Uli weiß ja auch, dass man in Dortmund verlieren kann und dann weiter Kritik geübt wird. Darum muss man vorbeugen. Man kann nicht die nächsten 20 Jahre in Folge Meister werden, das gibt es in keiner Liga der Welt. In der aktuellen Lage ist es vor allem wichtig, Ruhe zu bewahren. Das will Uli mit seinen Aussagen erreichen.

Ottmar Hitzfeld: "Man schöpft Kraft aus dem Glauben"

Wird Bayern bis zum Saisonende an Kovac festhalten – auch dann, wenn der Erfolg ausbleiben sollte?
Das weiß ich nicht. Im Fußball kann man das nie sagen. Es geht immer um die Ist-Situation. Wichtig ist, dass man eine Einheit ist. Bei Bayern heißt diese Einheit Hoeneß, Rummenigge, Salihamidzic und Kovac. Nur gemeinsam können sie Erfolg haben.

Was Sie und Kovac eint, ist der Glaube. Wie kann der in einer Krise helfen?
Der Glaube ist für alle Lebenssituationen wichtig. Man schöpft Kraft aus dem Glauben, um einen guten Job zu machen. Aber man muss nicht beten, damit man gewinnt (lacht). Man sollte einfach dankbar sein, dass man in einer Situation ist, um am großen Fußballrad drehen zu können.

Zuletzt sind bei Bayern immer wieder Interna an die Öffentlichkeit getragen worden. Wie sehr schadet das dem Trainer?
Man kann nicht verhindern, dass Interna nach außen gelangen. Bei 23 Spielern und nochmal so vielen Betreuern, da gibt es genug Quellen, die man anzapfen kann von außen.

Ist es Ihnen mal passiert, dass Sie den Rückhalt in der Kabine verloren haben?
Nein – und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Kovac den Rückhalt und den Respekt der Spieler verloren hat. Kovac ist der Leader. Er bestimmt die Aufstellung, die Taktik. Er wird nach wie vor voranmarschieren. Wenn es nicht läuft, gibt es immer viele Themen, die diskutiert werden. Ich bin sicher, dass das bei Bayern eine Momentaufnahme ist. Bayern wird aus der Krise gestärkt herauskommen und weiter um die Meisterschaft spielen. Ob man Samstag gewinnt oder verliert: Bayern wird in der langen Saison die Chance bekommen, den Titel zu verteidigen.

 

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