AZ-Interview Marcel Reif: "Sané kann die Sahne auf dem Kuchen sein"

Marcel Reif ist TV-Experte und Kommentator. Foto: Nadine Rupp / Ruppografie

TV-Experte Marcel Reif spricht im AZ-Interview über den Wiederbeginn der Bundesliga, den Titelkampf und Leroy Sané: "Er steht für Leichtigkeit und Glamour – danach sehnen sich die Menschen."

 

AZ-Interview mit Marcel Reif. Der 70 Jahre alte TV-Experte und Kommentator ist u.a. im CHECK24 Doppelpass bei Sport1 zu sehen (immer am Sonntag, 11 Uhr).

AZ: Herr Reif, am Samstag legt die Bundesliga wieder los – trotz Corona und ohne Fans im Stadion. Verspüren Sie trotzdem Vorfreude?
MARCEL REIF: Es ist sicher keine ungetrübte Vorfreude, ein Wiederbeginn mit vielen Fragezeichen. Dennoch überwiegen für mich die Argumente, die für den Re-Start sprechen. Ich freue mich auf Fußball, es ist für viele Menschen ein Ritual des normalen Lebens. Und meine Frau ist übrigens auch der Meinung, dass meine Laune samstags besser ist, wenn Fußballspiele stattfinden.

Es gab und gibt Argumente gegen den Re-Start der Liga: gesundheitliche Bedenken sowie Vorwürfe, der Profifußball würde eine Sonderrolle einnehmen.
Die Argumente sind richtig, man muss sie ernstnehmen. Doch wie jede andere Branche hat auch der Profifußball eine Chance verdient. Die DFL hat ein vernünftiges Konzept vorgelegt, das allerdings nicht ohne Risiko ist und Bruchstellen hat. Es ist eindeutig auf hopp oder top ausgelegt, das muss jedem klar sein. Wenn sich nicht alle an die Regeln halten, Fans ebenso wie die Teams, bricht das Konzept zusammen. Dann ist es vorbei mit der Saison. Und diejenigen behalten Recht, die ohnehin gegen eine Fortsetzung der Bundesliga waren.

Zum Sportlichen: Wer kann dem FC Bayern noch den achten Meistertitel in Serie streitig machen?
Diese Frage müssen die Bayern selbst beantworten. Wenn sie bereit sind, diese besondere Situation anzunehmen, spricht alles für Bayern als Meister. Die Mannschaft hat vier Punkte Vorsprung, mit Hansi Flick einen Trainer, mit dem die Spieler gern zusammenarbeiten. Auch die Konstellation mit vielen Englischen Wochen dürfte Bayern liegen. Zudem ist die Atmosphäre im Klub sehr gut. Man hat in der Krise für positive Schlagzeilen gesorgt.

"Ich bin sicher, dass Neuer, Thiago und Alaba bleiben"

Sie sprechen es an: Die Verträge mit Flick, Thomas Müller und Alphonso Davies wurden verlängert, Miroslav Klose zum Co-Trainer ab der kommenden Saison befördert. Könnte es in der Personalplanung überhaupt noch besser laufen?
Dass Details aus den Verhandlungen mit Manuel Neuer an die Öffentlichkeit geraten sind, war der einzige Zwischenfall, bei dem man mit der Stirn gerunzelt hat. Sonst ist alles ruhig und erfolgreich verlaufen. Beim FC Bayern ist ein klarer Plan zu erkennen, wie der Kader aussehen soll. Das ist beeindruckend.

Oliver Kahns Wirken als Vorstand scheint sich positiv bemerkbar zu machen.
Der Klub vermittelt nach außen zumindest den Eindruck, dass er immer Herr des Verfahrens ist und in der Führung Einigkeit herrscht. Es gibt bestimmt auch mal Differenzen bei gewissen Entscheidungen, doch die werden aktuell intern geklärt und nicht öffentlich.

Wie wichtig wäre es, mit den Leistungsträgern Neuer, Thiago und David Alaba zu verlängern?
Ich bin sicher, dass Bayern diese drei Spieler halten wird. Über Neuers Qualitäten muss man nicht diskutieren, da ist alles gesagt. Alaba kann jetzt auch noch Abwehrchef. Er ist der Musterspieler, wenn man mehr als ein System braucht, er kann mehrere Positionen exzellent ausführen. Und Thiago ist seit einem Jahr der beste Neuzugang der Bayern. In diesem Jahr hat er gezeigt, wie wichtig er ist. Ich habe endlich verstanden, warum Pep Guardiola damals gesagt hat: "Thiago oder nix!" Wo sollen Neuer, Thiago und Alaba denn auch hingehen?

"Sané kann die Sahne auf dem Kuchen sein, er bringt Spektakel mit"

Wie meinen Sie das?
Ich glaube nicht, dass andere europäische Topklubs finanziell überhaupt in der Lage sind, gerade verrückte Angebote zu machen. Bayern ist einer der ganz großen Gewinner der Corona-Krise, der Klub hat seine wirtschaftliche Stärke demonstriert. Und seine sportliche ebenso. In der Champions League zählt Bayern zu den Topfavoriten, das war schon vor Corona so. Es ist ein bisschen schade, dass die Krise den Lauf der Mannschaft gestoppt hat.

Mit Leroy Sané wird sich Bayern vermutlich sogar noch weiter verstärken. Wie kann er dem Team weiterhelfen?
Sané bringt Spektakel mit, er kann die Sahne auf dem Kuchen sein. Nach der Corona-Zeit werden sich die Menschen nach Leichtigkeit sehnen, nach Glamour. Genau dafür steht Sané. Er hat seine Stärken in Eins-gegen-Eins-Duellen, im Dribb- ling. Timo Werner etwa ist ein anderer Spielertyp, er lebt von seiner Geschwindigkeit und braucht mehr Platz.

Triple-Trainer Jupp Heynckes hat kürzlich gesagt, dass Sané gerade "am Scheideweg" stehe und sich jetzt zeigen werde, ob er wirklich in die Elite aufsteigen könne.
Es ist genau so, wie Heynckes sagt. In diesem Alter, mit 24 Jahren, hat man als Spieler noch Potenzial, das ist völlig normal. Das sieht man bei Sané, aber auch bei Kai Havertz, Erling Haaland oder Jadon Sancho. Diese Spieler stehen jetzt an der Kreuzung, an der sich zeigen wird, ob sie es ganz nach oben schaffen oder nicht. Flick traut sich offenbar zu, Sané zu führen, ihn zu einem Weltklassespieler zu entwickeln. Es wird spannend sein, das zu beobachten.

Lesen Sie hier: Zehn Millionen Euro fehlen laut Bericht noch für Sané-Transfer

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