Nach DFB-Elf-Debakel von Sevilla: Die Jogi-Dämmerung hat längst begonnen

Die Demütigung durch die Spanier wirft endgültig die Frage auf, ob der Bundestrainer noch der richtige Mann ist. "Das Vertrauen in Löw ist vollkommen da. Daran ändert auch dieses Spiel nichts."
| Patrick Strasser
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Steht nach der Blamage mehr denn je in der Kritik: Bundestrainer Jogi Löw.
Steht nach der Blamage mehr denn je in der Kritik: Bundestrainer Jogi Löw. © GES/Angel Martinez

Sevilla/München - Ganz frühes Aufstehen kann von Vorteil sein, wenn man eh nicht gut schlafen konnte. Die Rückreise der Nationalelf aus Andalusien war früh angesetzt. Um 7.15 Uhr verließen die Busse das Hotel in Sevilla, um 8.35 Uhr hob der Flieger ab nach München. Der Hintergrund der frühmorgendlichen Abreise: Um in Zeiten der Corona-Pandemie die 48-Stunden-Frist für Geschäftsreisende wahren zu können, damit sich niemand nach der Rückkehr in Deutschland in Quarantäne begeben muss.

Obwohl: Nach der historischen Abreibung, diesem 0:6-Debakel in Spanien, der zweithöchsten Pleite einer deutschen Mannschaft aller Zeiten, könnten sich die Spieler und Trainer auch in freiwillige Selbstisolation begeben. In München trennten sich die Wege der geprügelten Hunde: Die Bayern-Profis sowie Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Direktor Oliver Bierhoff stiegen aus, andere Spieler flogen mit derselben Maschine - um Außenkontakte zu reduzieren - weiter nach Düsseldorf. Im VIP-Terminal des Flughafens setzten sich Löw, Bierhoff und DFB-Präsident Fritz Keller für rund 30 Minuten zusammen.

Dokument eines historischen Debakels: die Anzeigetafel nach der Demontage der deutschen Mannschaft durch Spanien.
Dokument eines historischen Debakels: die Anzeigetafel nach der Demontage der deutschen Mannschaft durch Spanien. © GES/Augenklick

Das Ergebnis: weder Rauswurf noch Rücktritt.Intern sei von einem "einmaligen Blackout" die Rede. Für ARD-Experte Bastian Schweinsteiger war die 0:6-Vorführung ein "entsetzlicher Nackenschlag". Sie ließ Löw und sein Team drei Tage nach dem durchaus hoffnungsvollen 3:1 gegen die Ukraine auf den Boden der schlechten Tatsachen aufschlagen. Ohne Fallschirm.

Es wird ein langer und harter Winter für Löw

"Wir hatten überhaupt keine Chance. Spanien hat auch in der Höhe verdient gewonnen", fand Serge Gnabry noch die deutlichsten Worte für das Debakel. Die Kurz-Analyse des Bayern-Angreifers: "Jetzt weiß man mal, wo man steht."

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Neben sich oder neben der Kappe, wie man will. Und das knapp sieben Monate vor Beginn der EM, in deren Gruppenphase man auf den amtierenden Weltmeister Frankreich und den amtierenden Europameister Portugal trifft. Das kann ja heiter werden. Das nächste Länderspiel findet Ende März statt, wenn die Qualifikation für die WM 2022 in Katar beginnt. Es wird: ein langer, harter Winter für Löw.

Wie lange er noch Bundestrainer ist? Die Jogi-Dämmerung hat längst begonnen. Im ARD-Interview nach dem Spiel sagte DFB-Direktor Bierhoff: "Das Vertrauen in Jogi Löw ist vollkommen da, absolut. Daran ändert auch dieses Spiel nichts."

Der Vertrag des 60-Jährigen läuft bis zum Ende der WM 2022 in Katar, die im November/Dezember ausgespielt wird. Nächster Halt jedoch: EM 2021. "Am Ende des Tages müssen wir uns alle an Ergebnissen messen lassen. Das weiß Jogi auch", sagte Bierhoff vor dem Spanien-Desaster der "FAZ". Und weiter: "Den Weg, den der Bundestrainer eingeschlagen hat, gehe ich bis einschließlich der EM mit."

Wie lange bleibt Löw noch Bundestrainer?

Nur bis zur EM? Jedes Turnier sei eine Zäsur, betonte er. Und jedes 0:6 auch. Ist Löw noch der Richtige? "Ob ich mir Sorgen machen muss, das müssen Sie andere fragen. Das kann ich jetzt hier nicht beantworten", antwortete der Bundestrainer auf eine Frage in der virtuellen Pressekonferenz.

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Während des Spiels hatte er die Demütigung still und leblos über sich ergehen lassen - wie die ganze Mannschaft. Im TV-Interview sprach er Klartext: "Ein rabenschwarzer Tag, wo eigentlich gar nichts funktioniert hat. In jeglicher Beziehung war alles schlecht. Weder Defensive noch Offensive haben funktioniert, da kann man niemanden ausnehmen. Jetzt hat man gesehen, dass wir noch nicht so weit sind, wie wir geglaubt haben. Wir müssen uns selber hinterfragen, die richtigen Schlüsse ziehen."

Frust und Enttäuschung bei Serge Gnabry, Jonathan Tah, Ilkay Gündogan und Florian Neuhaus (v.l.).
Frust und Enttäuschung bei Serge Gnabry, Jonathan Tah, Ilkay Gündogan und Florian Neuhaus (v.l.). © GES/Augenklick

Die da wären? Jérôme Boateng, Thomas Müller und Mats Hummels, die von ihm im Frühjahr 2019 aussortierten Weltmeister von 2014, wieder zurückholen (siehe Seite 19)? Mit einer Rückholaktion spätestens zur EM-Vorbereitung im Mai könnte ein Stimmungsumschwung herbeigeführt werden, der auch Löw vor seinem wohl letzten Turnier (ob Triumph oder Scheitern) Rückenwind geben könnte. Löws Vorgesetzter Bierhoff betonte in Sevilla, das 0:6 erst "verdauen" zu müssen. "Das wird ein bisschen dauern. Die Mannschaft ist ein bisschen auseinandergefallen, das darf nicht passieren. Wir müssen das knallhart analysieren." Was kein Vergnügen wird. Für alle Beteiligten. Eine schöne Bescherung ist das - und das bereits im November.

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