Interview

Europameister Babbel: "Löw wirkte ratlos und schlecht vorbereitet"

Der 1996-Europameister und England-Experte Markus Babbel spricht in der AZ über das Aus gegen die Three Lions im EM-Achtelfinale und die Versäumnisse des Bundestrainers, aber auch des DFB.
| Krischan Kaufmann
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Scheidet mit der DFB-Elf im EM-Achtelfinale aus: Bundestrainer Joachim Löw.
Scheidet mit der DFB-Elf im EM-Achtelfinale aus: Bundestrainer Joachim Löw. © imago images/ULMER Pressebildagentur

AZ-Interview mit Markus Babbel: Der 48-Jährige wurde 1996 mit der deutschen Nationalmannschaft Europameister, er spielte viele Jahre beim FC Bayern, bis er 2000 nach England zum FC Liverpool wechselte.

Markus Babbel über das deutsche EM-Ausscheiden: "Unnötig"

AZ: Herr Babbel, das deutsche Ausscheiden gegen England war in Ihren Augen: bitter, ärgerlich oder zwangsläufig?
MARKUS BABBEL: Es war vor allem unnötig. In meinen Augen hatten wir eine gute Truppe am Start, die leider nicht in der Lage war, ihr maximales Potenzial auszuschöpfen. Am Dienstag standen auf deutscher Seite neun Champions-Legaue-Finalteilnehmer der letzten beiden Jahre auf dem Platz. Wenn du dann gegen ein durchschnittliches England ausscheidest, tut das sehr weh.

Markus Babbel.
Markus Babbel. © sky

Durchschnittlich: Das werden die Engländer selbst ein wenig anders sehen.
Bitte nicht falsch verstehen: England hat eine ganz spannende Truppe. Aber sie haben ja gegen uns wirklich kein Feuerwerk abgebrannt. Im Gegenteil: In den ersten zehn Minuten sah es aus, als ob sie ziemlich die Hosen voll hätten. Das haben wir aber nicht ausgenutzt - und dann haben sie uns nach und nach den Schneid abgekauft. Je mehr die Engländer gemerkt haben 'Hoppla, wir sind zwar nicht gut drauf, aber die Deutschen können ja auch nicht so richtig', desto mehr Zutrauen haben sie in ihre eigenen Qualitäten bekommen. Auf einmal kam noch das Publikum dazu, und die Deutschen hatten nur noch wenig Lösungen, dagegenzuhalten.

Das Manko mit den fehlenden Lösungen hat sich bis auf das Portugal-Spiel wie ein roter Faden durch die deutschen EM-Auftritte gezogen. . .
Natürlich ist es unglücklich, dass Spieler wie Leroy Sané, Serge Gnabry oder auch Timo Werner nicht in EM-Form waren. Ich hatte mir erhofft, dass bei Werner durch den Champions-League-Titel und bei Sané und Gnabry durch die Meisterschaft noch Kräfte frei werden. Wenn du drei solche Raketen hast und die zünden aber nicht, hat jede Nation ein Problem.

Hat nicht gezündet: Deutschlands Stürmer Timo Werner.
Hat nicht gezündet: Deutschlands Stürmer Timo Werner. © picture alliance/dpa/Pool AP

"Joachim Löw hatte keinen Plan B"

Das bringt uns zum Trainer-Thema. Wäre es nicht gerade die Aufgabe von Joachim Löw gewesen, das Trio und auch die anderen DFB-Spieler so einzustellen, dass sie ihr maximales Potenzial abrufen können?
Das hat er ganz klar nicht geschafft! Ich weiß aber nicht, wie die Vorbereitung abgelaufen ist, also ob in dieser Zeit alle Gegebenheiten so waren, damit das Maximum ausgeschöpft werden konnte. Natürlich wird's am Ende am Trainer festgemacht, aber das ist mir jetzt ein bisschen zu einfach. Im Achtelfinale gegen England auszuscheiden, ist kein Desaster, aber unser Anspruch muss natürlich ein anderer sein.

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Überrascht - oder vielleicht auch nicht - hat der Bundestrainer mit seinen Wechseln. Kamen die zu spät?
Definitiv - und das muss sich Jogi Löw auch ankreiden lassen. Er wirkte in diesem Spiel sehr ratlos und schlecht vorbereitet. Er hatte keinen Plan B - und das nicht nur im England-Spiel. Auch gegen Ungarn hatte man schon das Gefühl, er tut ja fast alles dafür, dass wir ausscheiden. Aber - und das ist mir wichtig - man muss da unterscheiden: Löw hat bis 2016 einen phänomenalen Job gemacht. Er wird als der Bundestrainer in die Geschichte eingehen, der unfassbar viel positiven Einfluss auf den deutschen Fußball hatte. Aber dann ist so ein schleichender Prozess reingekommen, zum einen eine unglaubliche Arroganz und Überheblichkeit. Das hat auch der ganze DFB ausgestrahlt, wodurch nach und nach auch so eine Entfremdung zwischen Nationalmannschaft und Fans entstanden ist. Und ja, auch die Leistungen sind immer schlechter geworden, mit der negativen Krönung, dem Vorrunden-Aus bei der WM 2018.

Auch danach wurde es nicht viel besser.
Im Gegenteil. Danach ist dann beim DFB eine Art Panik entstanden, man hat ganz wilde Sachen gemacht, Jérôme Boateng, Thomas Müller und Mats Hummels rausgeschmissen. Plötzlich zählte nur noch das Geburtsdatum. Es hieß dann immer: Der Umbruch braucht eben seine Zeit. Aber ich sage Bullshit: Am Ende darf nur die Leistung zählen.

Kann Hansi Flick die Fans für den DFB zurückgewinnen?

Wie man von seiner Zeit beim FC Bayern weiß, gilt der neue Bundestrainer als absoluter Verfechter des Leistungsprinzips. Was wird in den ersten Monaten beim DFB die größte Baustelle von Hansi Flick?
Gerade die Fans für den DFB zurückzugewinnen, das wird die schwierigste Aufgabe von Flick werden. Aber er hat schon bewiesen, dass er innerhalb kürzester Zeit eine Mannschaft formen kann, die Spaß macht, die die Fans mitreißt, mit der sich die Fans identifizieren können. Nochmal: Du kannst gegen England ausscheiden, aber es geht auch um die Art, wie man auftritt. Die Fans sind sehr sensibel und merken schnell, wenn sich bei der Nationalmannschaft etwas in die falsche Richtung entwickelt.

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Erwarten Sie nach dem Ausscheiden eine Rücktrittswelle in der Nationalmannschaft? Thomas Müller, Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Toni Kroos gelten als Kandidaten.
Warum? Die Spieler sind alle gerade mal Anfang 30. Und nächstes Jahr haben wir mit der WM in Katar bereits das nächste Großereignis. Okay, Hummels hat nun gesagt, dass er erstmal in seinen Körper hineinhören möchte. Aber bei Müller habe ich nun wirklich nicht das Gefühl, dass er schon zum Alten Eisen gehört. Kroos schielt wahrscheinlich eh ein wenig auf den Rekord vom Lothar Matthäus, und Gündogan will sicher noch beweisen, dass er auch in der Nationalmannschaft funktioniert.

Zum Schluss dann noch die Titelfrage: Wünscht sich der ehemalige Premier-League-Legionär Markus Babbel einen englischen EM-Sieg?
Wenn ich mir ein Team außer Deutschland aussuchen darf, werden es immer die Engländer sein. Es wird jetzt schwer für sie, weil sie nun das erste Mal nicht in Wembley spielen werden. Aber ja, ich hoffe, dass sie es durchziehen.

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