Vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern: Warum die AfD in Ostdeutschland so stark ist

Im September stehen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahlen an. Aktuelle Umfragen sehen die AfD in beiden ostdeutschen Bundesländern so stark wie noch nie.
Die AZ hat darüber mit der Journalistin und Autorin Marieke Reimann gesprochen, die bei Rowohlt gerade ihr Buch "Zweite Wende. Warum Ostdeutschland uns alle angeht“ veröffentlicht hat. Denn die 38-Jährige kennt beide Welten: In Rostock geboren, war Reimann bis 2024 Zweite Chefredakteurin des SWR und leitete die Runde der ARD-Chefredakteure – als jüngste und erste ostdeutsche Chefredakteurin bei einem öffentlich-rechtlichen Medium im Westen. Bis 2020 war sie zudem Chefredakteurin des Magazins ze.tt der "Zeit".
AZ: Frau Reimann, am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Die AfD liegt in den Umfragen aktuell bei über 40 Prozent – obwohl der Landesverband als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Wie lässt sich das erklären?
MARIEKE REIMANN: Dafür gibt es viele Gründe, die schwer in eine knappe Zeitungs-Interview-Antwort passen. Entscheidend ist dabei vor allem auch die Frage danach, weshalb die etablierten demokratischen Parteien nicht mehr gewählt werden.
Und wie lautet die Antwort?
Studien, wie die aktuelle Autoritarismus-Studie, zeigen, dass 61 Prozent der AfD-Wählenden in Ost und West ein geschlossen ausländerfeindliches Weltbild vertreten. Die Studie zeigt auch: Wir haben in ganz Deutschland, unabhängig von der Partei-Wahl, etwa ein Drittel, das ausländerfeindliche Einstellungen nicht ablehnt. In Ostdeutschland haben wir es zudem mit einer strukturellen Schieflage in allen Bereichen zu tun.

Inwiefern?
Wir haben bundesweit 252 Vorstandsmitglieder in den Dax-Unternehmen. Nur eine davon kommt aus Ostdeutschland – und kein einziges von den 40 Dax-Unternehmen hat seinen Sitz im Osten. In der Wissenschaft haben nur zwölf von 174 Hochschuldirektorinnen und -direktoren eine ostdeutsche Biografie. 36 Jahre nach der Wende ist das Vermögen westdeutscher Haushalte doppelt so hoch wie das ostdeutscher. Schauen wir nach Mecklenburg-Vorpommern, wo am 20. September ja ebenfalls gewählt wird: Jeder dritte Mecklenburger verdient weniger als 2700 Euro brutto im Monat. Ein paar Kilometer weiter liegt der Otto-Normalverbraucher in Hamburg bei 4500 Euro brutto. Obwohl es diese Unterschiede gibt, werden sie von den etablierten demokratischen Parteien seit Jahren zu wenig aufgegriffen und ihnen gelingt der Zugang zu Ostdeutschen und ihrer Lebenswirklichkeit immer weniger.
Was meinen Sie damit?
Ein Beispiel: Die Parteibüros von CDU, SPD, Grünen und FDP befinden sich zu 90 Prozent im Westen. Da ist die AfD, die 45 Prozent ihrer Büros im Osten hat, anders aufgestellt. Sie hat frühzeitig nicht nur lautstark auf das Thema Asylpolitik gesetzt, obwohl sie einst als eurokritische Partei vor allem Wirtschaftsthemen beäugte, sondern sich auch das vermeintliche Nischen-Thema "ostdeutsche Nachwende-Identität“ zu eigen gemacht. Eine Chance, die CDU, SPD und Co. zur Neuwählergewinnung verkannten. Die AfD ist auch präsent, wenn gerade keine Landtagswahlen anstehen – vor allem im ländlichen Osten, mit Rommé-Abenden, Skat-Turnieren und so weiter. Es geht ostdeutschen AfD-Wählenden letztlich auch um den Stinkefinger in Richtung des westdeutschen Establishments, nach dem Motto: "Ihr habt keinen Bock auf uns? Dann haben wir auch keine Lust auf euch!“

Wer wählt denn in Ostdeutschland die AfD?
Wir dürfen in der Betrachtung Ostdeutschlands nicht alles in einen Topf werfen. Es gibt nicht „den Ostdeutschen“. Das sind fünf Bundesländer mit regionalen Unterschieden. In Mecklenburg-Vorpommern stagniert die AfD seit Monaten – und der SPD unter Manuela Schwesig gelingt eine Aufholjagd, die ihresgleichen sucht, und die sich stark von der Bundes-SPD distanziert, was genau ihr Erfolgsrezept beschreibt. Früher hieß es: AfD-Wählende, das sind die, die „diktatursozialisiert“ sind – eine fast pathologische Zuschreibung nach dem Motto: Die können nicht anders, die müssen demokratiefeindlich wählen. Tatsächlich sind es aber vor allem Männer, häufig nach der Wende geboren, die der AfD ihre Stimme geben.

Wir haben drei demografische Probleme, die sich bedingen und aufeinanderprallen: Abwanderung, Geburtenrückgang, Überalterung
Woran liegt das?
Wir haben im Osten eine demografische Verschiebung, die weltweit einmalig ist. Junge Frauen aus ländlicheren Regionen wandern in städtische Ballungsgebiete ab, um dort eine Ausbildung zu machen, sesshaft zu werden und eine Familie zu gründen. Viele Männer hingegen bleiben im ländlichen Raum zurück, vor allem auch, weil sie nach wie vor eher in maschinelleren Berufen als Frauen arbeiten, die eher im Dienstleistungssektor tätig sind. Wir haben also drei demografische Probleme, die sich bedingen und aufeinanderprallen: Abwanderung, Geburtenrückgang, Überalterung. Diese Problematiken treffen dann zusätzlich auf von rechten Influencern in der sogenannten "Manosphere“ propagierte, sehr konservative Männlichkeitsbilder, die von rechtsrandigen Parteien aufgegriffen und zum Ideal erklärt werden – und von Männern, die sich "zurückgelassen“ fühlen, angenommen werden.
Warum sind Ostdeutsche Ihrer Meinung nach in Wirtschaft, Wissenschaft, aber auch in den Medien unterrepräsentiert?
Na ja, das ist ja nicht meine Meinung, sondern auch eine Tatsache, die sich belegen lässt: Weil sich Eliten häufig aus ihren eigenen Netzwerken heraus generieren. Das benachteiligt nicht nur Ostdeutsche, sondern auch Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen mit Behinderung oder Arbeiterkinder, die eben nicht aus einem intellektuellen Akademikerhaushalt kommen, in dem es gang und gäbe ist, jemanden zu kennen, der etwa eine Führungsposition in einem Wirtschaftsunternehmen innehat. Zudem ist der Zugang zu solchen Netzwerken erschwert, wenn man gar nicht weiß, dass es Stipendien oder Förderangebote gibt, für die man sich bewerben kann. Da sind wir wieder bei einem systemischen Problem: Es spricht doch Bände, dass nur sieben Prozent der 25.000 deutschen Stiftungen ihren Sitz im Osten haben. Hinzu kommt das Finanzielle: Wer kann es sich leisten, für 400 bis 500 Euro ein Praktikum zum Beispiel in einem Medienhaus zu machen, also 40 Stunden die Woche zu arbeiten, nebenbei noch eine Wohnung zu finanzieren und seinen Lebensunterhalt zu bestreiten? Menschen, die von zu Hause unterstützt werden können, ergo schon aus wohlhabenderen Verhältnissen kommen.
Angela Merkel ist für viele ostdeutsche Frauen nach wie vor eine Orientierungsfigur

Mit Angela Merkel (CDU) hatte die Bundesrepublik 16 Jahre lang eine Kanzlerin aus Ostdeutschland. Hat das gar nichts gebracht?
Angela Merkel ist für viele ostdeutsche Frauen nach wie vor eine Orientierungsfigur. Auch ich fand es aus der Perspektive einer jungen Frau, umgeben von sexistischer Werbung, sehr beruhigend, dass jemand so Kluges mit Kurzhaarfrisur und flachen Schuhen zur mächtigsten Frau der Welt geworden ist. Gleichzeitig hätte ich mir aus meiner Ostperspektive gewünscht, dass sie die strukturellen Ungleichheiten noch stärker benannt und zu ihrer Aufgabe gemacht hätte. Das hätte den Ostdeutschen sicher gutgetan. Aber Angela Merkel musste kalkulieren, woher sie ihre Wählerstimmen bekommt, und die Prozentpunkte in der Mitte suchen. Sie wusste genau: Wenn sie das Ostdeutsche zu stark herausstellt, wird sie nicht als Kanzlerin ganz Deutschlands wahrgenommen. Erst in den letzten Jahren ihrer Amtszeit hat sie erzählt, wie sie sich als ostdeutsche Frau in westdeutschen Machtzirkeln gefühlt hat.
Reimann: "Ich werde gefragt, ob ich Ostdeutsch spreche. Was soll das denn sein?"
Mit welchen Ostklischees werden Sie persönlich konfrontiert?
Ich werde zum Beispiel immer wieder gefragt, warum ich kein Ostdeutsch spreche. Was soll das denn sein? In Rostock redet man ganz anders als in Dresden, Leipzig oder Gera. Das zeigt diese Nichtwahrnehmung oder Negierung regionaler Unterschiede zwischen den einzelnen ostdeutschen Bundesländern. Das sehen wir auch jetzt: In zwei Bundesländern wird gewählt – aber die Rede ist von "Ostdeutschland-Wahlen“. Als in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gewählt wurde, waren das aber keine "Westdeutschland-Wahlen“. Ein anderes Beispiel: Als Reinhard Lakomy starb, war ich die Einzige in der Redaktion, die ihn kannte. Dabei war er der ostdeutsche Rolf Zuckowski, und alle sind mit seiner Platte "Der Traumzauberbaum“ aufgewachsen. Ostdeutsche Kultur wird eben nicht gleichberechtigt gelernt.

Die Kaulitz-Zwillinge nennen sich nicht bewusst ostdeutsche Role Models. Aber sie sind es automatisch für einige meiner Generation
Die Kaulitz-Zwillinge und ihre Band "Tokio Hotel“ wurden allerdings bundesweit gefeiert.
Ich bin kein großer Kaulitz-Zwillinge- oder "Tokio Hotel“-Fan. Aber was ich an den Kaulitz-Brüdern total authentisch finde, ist, dass diese millionenschweren Prominenten öffentlich darüber sprechen, dass sie im Hort waren, bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen sind, im Doppelstockbett geschlafen und Armutserfahrung gemacht haben. Und dass sie heute noch überlegen, wo sie essen gehen, wenn ihre Mama sie einladen möchte, damit es für sie nicht zu teuer wird. Das sind Dinge, die ich von anderen Stars in meinem Alter so nicht kenne. Die Kaulitz-Zwillinge nennen sich nicht bewusst ostdeutsche Role Models. Aber sie sind es automatisch für einige meiner Generation, weil sie einfach über ihr Leben erzählen, wie es war.

Ihr Buch heißt "Zweite Wende“. Wie könnte die aussehen?
Es braucht leichtere Zugänge zu politischer Partizipation und ein breiteres, stärkeres Verständnis von demokratiefördernden Maßnahmen. Vor allem im ländlichen Osten werden dem zivilgesellschaftlichen Engagement Förderungen gekürzt, obwohl es eigentlich eine Aufstockung bräuchte. Hinzu kommt das Thema Segregation (die räumliche Trennung verschiedener Bevölkerungsgruppen in einer Stadt oder Region, d. Red.): Ich war entsetzt, als ich festgestellt habe, dass bei den letzten größeren Untersuchungen zum sozialen Ungleichgewicht ausschließlich ostdeutsche Städte auf den vorderen Plätzen vertreten sind: Schwerin auf Platz 1, gefolgt von Greifswald, und meine Heimatstadt Rostock liegt auf Platz 6. In westdeutschen Städten findet eine stärkere soziale Durchmischung statt. Deshalb sollte man genauer hinschauen, wenn man darüber nachdenkt, wo man sozialen Wohnungsbau schafft – oder wo man Geflüchtete besser integrieren kann, statt sie dort unterzubringen, wo ohnehin schon große Armut herrscht.
Reimann: "Die Politik muss die strukturellen Ungleichheiten, die Vermögens- und Einkommensunterschiede klar benennen"
Was wäre noch hilfreich?
Es braucht mehr Repräsentationsmöglichkeiten und deshalb viel mehr explizit ostdeutsche Förderprogramme, um den Zugang zu den genannten Netzwerken zu erleichtern. Außerdem muss die Politik die strukturellen Ungleichheiten, die Vermögens- und Einkommensunterschiede et cetera klar benennen. Da darf nicht einfach darüber hinweggegangen und dann geschaut werden, wie man die AfD wieder eingefangen bekommt. Das gelingt sicher nicht, indem man wie die AfD spricht oder gar deren Positionen klaut.
Unsere Geschichte lehrt uns, was passiert, wenn man Politiker mit nationalistischem, ausländerfeindlichem, homophobem Gedankengut und einem rückständigen Frauenbild einfach mal machen lässt
Aktuell ist viel vom Unvereinbarkeitsbeschluss der Union in Bezug auf die Linke die Rede. Lässt sich der aufrechterhalten, wenn man eine Regierungsbeteiligung der AfD verhindern will?
Nein. In Thüringen und Sachsen ist dieses Prinzip ja schon aufgeweicht. Dort ist die CDU auf die Mitwirkung der Linken angewiesen, um regierungsfähige Mehrheiten zu ermöglichen. Insofern: Wenn sich die demokratischen Parteien CDU und Linke einig sind, dass man eine demokratiefeindliche Partei verhindern will, die in Sachsen-Anhalt zudem vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, muss man diesen Unvereinbarkeitsbeschluss natürlich überdenken. Ich sehe nicht, wie sonst stabile demokratische Mehrheiten zustande kommen sollen.

Es gibt Stimmen, die jetzt fordern, die AfD im Osten doch einfach mal machen zu lassen. Die würden sich dann schon selbst entzaubern, lautet das Argument. Was sagen Sie dazu?
Unsere Geschichte lehrt uns, was passiert, wenn man Politiker mit nationalistischem, ausländerfeindlichem, homophobem Gedankengut und einem rückständigen Frauenbild einfach mal machen lässt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich zur Genüge gezeigt, wie stark rechtsextremes Gedankengut in der AfD verankert ist. Der ehemalige Parteivorsitzende Jörg Meuthen ist deshalb ausgetreten. Hinzu kommt, dass im Bundestag Neonazis für die AfD arbeiten und dass die AfD den Schulterschluss mit rechtsextremen und neonationalistischen Influencern übt, die für sie Kampagnen im Internet machen. Gerade im Osten, wo die Wirtschaft stark von ausländischen Fachkräften abhängig ist, hätte man dann auch ein großes wirtschaftliches Problem – weil diese Menschen entweder nicht mehr gewollt wären, nicht mehr dort arbeiten dürften oder selbst die Koffer packen und sagen: "Ich will hier nicht mehr sein, wo ich permanent rassistischen Ressentiments ausgesetzt bin.“
