Abschied vom ewigen Außenminister

Mit dem liberalen Übervater geht eine Ausnahmegestalt der alten Bundesrepublik. Ein Nachruf
| Martin Ferber
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Hans-Dietrich Genscher 2009 auf dem Balkon der Deutschen Botschaft in Prag.
Hans-Dietrich Genscher 2009 auf dem Balkon der Deutschen Botschaft in Prag.

Er hatte kaum zu sprechen begonnen, da ging seine frohe Botschaft schon im frenetischen Jubel der Menschen unter. Hans-Dietrich Genscher, der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, stand am Abend des 30. September 1989 auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag, in der sich hunderte Flüchtlinge aus der DDR schon seit Wochen unter chaotischen Umständen aufhielten, und wollte ihnen berichten, dass ihre Ausreise in die Bundesrepublik nach zähen Verhandlungen mit dem DDR-Außenministerium beschlossene Sache sei.

Doch der Minister, in der Dunkelheit auf dem Balkon kaum zu erkennen und gerade erst von einem Herzinfarkt genesen, kommt nicht zu Wort. „Liebe Landsleute“, beginnt er. „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ Weiter kommt er nicht. Die Euphorie der Flüchtlinge bricht sich freie Bahn.

„Auch heute, im Rückblick der Jahre, ergreift mich bei dieser Erinnerung noch immer tiefe Bewegung“, schrieb Genscher viele Jahre später in seinen „Erinnerungen“.

Schon auf dem Rückflug nach Bonn war dem Außenminister klar: Dieser Abend, als das bereits wankende SED-Regime unter dem Druck des Flüchtlingsstromes eine Schleuse in den Westen öffnen musste, bedeutete den Anfang vom Ende der DDR. Und tatsächlich: Keine sechs Wochen später fiel die Berliner Mauer krachend in sich zusammen.

Die Skepsis war groß, vor allem in London und Washington

Hans-Dietrich Genscher ist in der Nacht zum Freitag im Alter von 89 Jahren im Kreise seiner Familie in seinem Haus in Wachtberg-Pech bei Bonn gestorben. Er erlag nach längerer Krankheit einem Herz-Kreislauf-Versagen nach einer Wirbelsäulenoperation.

Für ihn, der in seinem langen und politisch erfolgreichen Leben wahrlich viel erlebt hat, gehörten diese Stunden 1989 in Prag, wie er sagte, „zu den bewegendsten meines Lebens“.

Der Liberale durften in diesem historischen Moment ernten, was er viele Jahre zuvor bereits gesät hatte – die Frucht war reif geworden. Als erster westlicher Spitzenpolitiker hatte der erfahrene Diplomat, ausgestattet mit einer feinen Spürnase, bereits Mitte der 80-er Jahre den Wind der Veränderung gefühlt, der erst ganz leicht zu wehen begonnen hatte.

Mochte der damalige US-amerikanische Präsident Ronald Reagan die Sowjetunion noch als „Reich des Bösen“ abtun, mochte Bundeskanzler Helmut Kohl den sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow noch mit NS-Propagandaminister Goebbels vergleichen: Genscher erkannte früher als viele anderen die Chancen für Deutschland und die Welt, die sich aus der Reformpolitik des neuen Kremlchefs seit dessen Amtsantritt im März 1985 ergaben. Auf dem Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos forderte er bereits am 1. Februar 1987 den Westen auf, Gorbatschow „ernst zu nehmen“.

Die Skepsis war groß, vor allem in Washington und London. Als „Genscherismus“ wurde sein unermüdliches Werben um Zusammenarbeit abgetan, die Falken, die Gorbatschow nicht trauten, wollten von Entspannung und Abrüstung zunächst nichts wissen.

Doch Genscher traute seiner feinen Nase und hielt an seiner Position fest. Und wurde so dank seiner guten Beziehungen zu US-Außenminister James Baker wie seinem sowjetischen Amtskollegen Eduard Schewardnadse zu einem Architekten der deutschen wie der europäischen Einigung, als der Ostblock schneller als von allen Auguren vorhergesagt in den Jahren 1989/90 in sich zusammenfiel.

Genscher war ohne Zweifel eine Ausnahmegestalt auf der politischen Bühne der alten Bundesrepublik. Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigten ihn am Freitag als großen Staatsmann und Patrioten, der sich um Deutschland verdient gemacht hat. „Mit seiner Verlässlichkeit und seinem diplomatischem Geschick hat Hans-Dietrich Genscher unserem Land in der Welt ein Gesicht gegeben und das Vertrauen bei unseren Partnern gestärkt“, sagte Gauck. Kein Politiker war länger Minister als Genscher – 23 Jahre, von 1969 bis zu seinem überraschenden Rücktritt am 18. Mai 1992, davon 18 Jahre am Stück als Außenminister.

Er wirkte unter – oder besser: selbstbewusst neben – den drei Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt von der SPD und Helmut Kohl von der CDU und war stets ein gewiefter Taktiker und mit allen Wassern gewaschener Strippenzieher.

1982 beendete er die sozialliberale Koalition mit Schmidt, wechselte die Seiten und verhalf CDU-Oppositionsführer Helmut Kohl bei einem konstruktiven Misstrauensvotum zur Macht.

Seine FDP hätte dieser Wechsel beinahe zerrissen, doch Genscher, einmal von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt, hielt Kurs, auch wenn der listige Fuchs damit alle (Vor-)Urteile bestätigte, die über ihn im Umlauf waren.

„Er folgt dem Wetter, stellt es dar und passt sich an“

So höhnte CSU-Chef Franz Josef Strauß, Genscher habe „die Fähigkeit zum doppelten Spiel“, und Verteidigungsminister Hans Apel (SPD) warf ihm vor: „Er folgt dem Wetter, stellt es dar und passt sich an.“ Doch für seine FDP bedeutete der Wechsel weitere 16 Jahre Regierungsbeteiligung – bis zur Abwahl der CDU/CSU/FDP-Koalition im September 1998.

Nichts, aber auch überhaupt nichts hatte einst darauf hingedeutet, dass Genscher einmal jahrzehntelang auf der Weltbühne agieren sollte. Er wurde am 21. März 1927 in Reideburg bei Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt geboren. Als Kind war er oft krank, nach seiner Zeit als Flakhelfer, beim Reichsarbeitsdienst, als Soldat und Kriegsgefangener erkrankte er an Lungentuberkulose und verbrachte zwischen 1946 und 1957 insgesamt dreieinhalb Jahre in Krankenhäusern und Lungenheilstätten.

Diese „verlorenen“ Jugendjahre sollten ihn prägen, in dieser Zeit entstand seine ungeheure Vitalität, sein unbändiger Lebenswille, seine Arbeitswut, aber auch sein Zwang, alles und jeden kontrollieren zu wollen.

Bittere Stunden bei den Olympischen Spielen von München

In der FDP, der er schon 1946 beitrat, machte er nach seiner Flucht in den Westen im Jahr 1952 rasch Karriere. 1965 zog er erstmals in den Bundestag ein, schon vier Jahre später wurde er Innenminister der von Willy Brandt und Walter Scheel geschmiedeten sozial-liberalen Koalition, die 1969 die Große Koalition unter CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger ablöste.

In diesem Amt erlebte er 1972 seine bittersten Stunden, als während der Olympischen Spiele in München die Befreiung der von palästinensischen Terroristen gefangen genommenen israelischen Sportler auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck misslang. Zwei Jahre später spielte er eine undurchsichtige Rolle beim Sturz Brandts. Genscher wusste frühzeitig Bescheid, dass der im Kanzleramt arbeitende Günther Guillaume für die DDR-Staatssicherheit spionierte, doch er unternahm nichts, um Guillaume aus der Umgebung des Kanzlers zu entfernen.

1974 wechselte Genscher als Nachfolger von Walter Scheel, der zum Bundespräsidenten gewählt wurde, ins Auswärtige Amt und bestimmte 18 Jahre lang die Außenpolitik der Republik.

Eine ganze Generation von Diplomaten wurde von ihm geprägt, Vertrauen, Partnerschaft und Verlässlichkeit waren die Grundpfeiler seiner Politik, als Weltmeister der Reisediplomatie jettete er rund um den Globus und pflegte den Dialog mit den Machthabern. So viel Zeit verbrachte er im Flugzeug, dass er sich nach einem Bonmot bei seinen zahlreichen Flügen über den Atlantik selbst begegnete.

In den dramatischen Monaten nach dem Mauerfall im November 1989 zahlte sich dieses Kapital aus. Zusammen mit Helmut Kohl nutzte Genscher - längst als „Genschman“ mit dem charakteristischen gelben Pollunder zur gefeierten Kultfigur geworden – die Gunst der Stunde und schmiedete im diplomatischen Dauereinsatz zwischen Moskau, Washington, Paris und London die deutsche Einheit.

Auch als Ruheständler war er aktiv wie eh und je

Der 3. Oktober 1990, als Deutschland, umgeben von Freunden, seine Einheit wiedererlangte, war der Höhepunkt seines Wirkens. Er hatte dazu beigetragen, den Kalten Krieg friedlich zu beenden.

Im Mai 1992 trat er freiwillig zurück. Wieder trog ihn sein feines Näschen nicht. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts war die Welt nicht friedlicher, sondern unübersichtlicher geworden, neue Konflikte zeichneten sich am Horizont ab. Genscher hatte seine historische Mission erfüllt. Eine neue Epoche begann.

Aber auch als Ruheständler blieb er aktiv wie eh und je, reiste unermüdlich um die Welt, schrieb Kommentare und meldete sich zu aktuellen Themen zu Wort. Ende 2013 gelang es ihm in persönlichen Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, dass der Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski freigelassen wurde.

Vor allem aber zog er in seiner FDP hinter den Kulissen die Strippen. Bis zuletzt ging bei den Liberalen ohne ihn nichts, gegen ihn erst recht nicht. So stand er in ständigem Kontakt mit seinem „Ziehsohn“ und Nachfolger an der Spitze der FDP wie im Auswärtigen Amt, Guido Westerwelle, der genau zwei Wochen vor ihm an den Folgen seines Blutkrebses starb und an diesem Wochenende beerdigt wird. Aber auch dem neuen FDP-Chef Christian Lindner stand er bis zuletzt als Mentor und Berater zur Seite.

Die bittere Niederlage bei den Bundestagswahlen 2013 und das Scheitern „seiner“ FDP an der Fünf-Prozent-Hürde trafen ihn tief, er habe dies als „die dunkelste Stunde in der Parteigeschichte empfunden“, sagte er später. Eindringlich appellierte er an die Liberalen, sich nicht nur auf das Thema Steuersenkung zu beschränken, sondern sich auch zur sozialen Verantwortung zu bekennen. „Die FDP muss wieder eine Partei der fortschrittlichen Mitte werden.“

Es klang wie sein Vermächtnis. Nun müssen die Liberalen ohne ihren Ehrenvorsitzenden, Übervater und Strippenzieher auskommen.

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