Walter Zöller: Münchens ältester Stadtrat veröffentlicht seine Memoiren

Nach 48 Jahren im Stadtrat veröffentlicht Walter Zöller, Urgestein der CSU, sein Tagebuch, in dem er zurückblickt auf politische Kämpfe, vergessene Helden - und den Kuss eines betörenden Superstars.
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Walter Zöller in den 1980ern an seinem Lieblingsplatz ("Rathaus, großer Sitzungssaal, Rednerpult") - hier brilliert er mit scharfer Zunge und viel Ironie.
Walter Zöller in den 1980ern an seinem Lieblingsplatz ("Rathaus, großer Sitzungssaal, Rednerpult") - hier brilliert er mit scharfer Zunge und viel Ironie. © privat

München - Was hat er nicht schon alles für Superlative angeheftet bekommen: politisches Alphatier, schwarzer Riese, heimlicher Oberbürgermeister, Rekordstadtrat und ja, auch arrogantes A ...! Weil kaum einer so scharfzüngig und gut vorbereitet politische Gegner geärgert hat.

Zöller ging SPD-OB Kronawitter gehörig auf die Nerven

Der Notar Walter Zöller (80) saß 48 Jahre für die CSU ehrenamtlich im Münchner Stadtrat, so lange wie kein anderer. Seine glänzendste Zeit waren wohl die Jahre von 1986 bis 1990. Damals führte er seine Fraktion mit großer Raffinesse - und ging dem amtierenden SPD-OB Schorsch Kronawitter gehörig auf die Nerven.

Walter Zöller, bis vor einem Jahr CSU-Stadtrat, schaut in seinen "Erinnerungen" auf fast ein halbes Jahrhundert im Münchner Rathaus zurück.
Walter Zöller, bis vor einem Jahr CSU-Stadtrat, schaut in seinen "Erinnerungen" auf fast ein halbes Jahrhundert im Münchner Rathaus zurück. © privat

Fast ein halbes Jahrhundert hat Zöller politisch gestritten und das moderne München als Planungsexperte mitgeplant - bis letzten März. Da ist er, mehr oder weniger freiwillig, nicht mehr angetreten zur Kommunalwahl. Seine Amtszeit endete am 30. April 2020. Jetzt hat Walter Zöller seine "Erinnerungen" veröffentlicht. Die AZ druckt auf dieser Seite einen Auszug mit drei Kapiteln.

Auszüge aus den Memoiren des Münchner Stadtrats

In "Mein Koalitionsmanagement" etwa erzählt er aus seiner Zeit als Fraktionschef. Schorsch Kronawitter hatte 1984 (nach sechs Jahren CSU-OB Erich Kiesl) den Oberbürgermeisterposten für die SPD zurückerobert. Allerdings mit keiner stabilen SPD-Mehrheit im Stadtrat. Als dann auch noch zwei Stadträte die SPD verließen, zimmerte Zöller 1987 eine "Gestaltungsmehrheit" gegen den OB - und konnte so dem frustrierten Kronawitter die Tagespolitik diktieren. Das brachte Zöller den Titel "heimlicher OB" ein. Wie das intern ablief, erzählt Zöller so . . .

Mein Koalitions-Management 1987-90

Die Situation war in mehrfacher Hinsicht kompliziert. Zum einen hatten wir nur eine Stimme Mehrheit (41 zu 40), zum anderen bestand die Koalition aus drei Partnern: CSU 35, FDP 4, Kripp und Henkel (die beiden Ex-SPDler). Es galt also, zu jedem Tagesordnungspunkt in jedem Ausschuss die knappe Mehrheit zu sichern und wer die Psychologie von Parteien kennt, weiß: je kleiner, desto empfindlicher, desto profilierungssüchtiger.

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Bei jedem Kompromiss muss darauf geachtet werden, dass sich jeder Partner "wiederfindet" und bei einer Stimme Mehrheit hat jeder der 41 das Gefühl, auf ihn komme es an: Das inhaltliche Erpressungspotenzial ist gewaltig. Aber wie war es mir gelungen, die eigene Mannschaft einzubinden? Natürlich gab es am Anfang immer wieder Ärger, wenn ich die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen in der Fraktionssitzung mitteilte.

"Meine Auseinandersetzungen mit OB Kronawitter lieferten der Presse Stoff"

"Wir sind so viele, die anderen so wenige, warum müssen wir so oft nachgeben?" Gegen dieses Murren half kein Hinweis auf die knappste aller möglichen Mehrheiten, die eigenen Leute wollten an der Entscheidungsfindung beteiligt werden. In dieser Zwangslage fand ich die Lösung: Ich verlegte die Koalitionsgespräche auf Freitag Mittag Open End und lud jedes Fraktionsmitglied zur Teilnahme ein: Jeder soll mitreden können! Die ersten Sitzungen waren gut besucht, aber das bröckelte ziemlich schnell, Open End an einem Freitag, oft bis in den späten Abend, da hat man doch etwas Angenehmeres zu tun.

Karikaturist Dieter Hanitzsch zeichnet für die "Süddeutsche Zeitung" Zöller als "schwarzen Riesen", der dem OB Kronawitter den Schlaf raubt.
Karikaturist Dieter Hanitzsch zeichnet für die "Süddeutsche Zeitung" Zöller als "schwarzen Riesen", der dem OB Kronawitter den Schlaf raubt. © privat

Und am nächsten Montag in der Fraktionssitzung? Wer wollte schon noch Ergebnisse kritisieren und sich die Frage gefallen lassen, ob er sich wohl zu gut gewesen war, an den Beratungen teilzunehmen? Oder mit der ironischen Bemerkung abgefertigt zu werden: Wärst du gekommenen, hätten wir deine wichtige Meinung sicher berücksichtigen können. Diese Blamage wollte niemand riskieren. (. . .) Meine dauernden Auseinandersetzungen mit OB Kronawitter lieferten der Presse willkommenen Stoff, wenn er etwa ständig klagte: "Man kann nicht gegen den vom Volk gewählten Oberbürgermeister regieren" - und ich sehr unfein antwortete: "Wenn Sie bei der Mehrheit sein wollen, können Sie gerne unser 42. werden." Heute bedauere ich diese Arroganz, die ich mir nur dadurch erklären kann, dass Kronawitter mir gegenüber noch deutlich brutaler agierte. Darüber ein anderes Mal.

Eine Nacht in Venedig - Frühjahr 1991

Am 10. Januar 2016 ist David Bowie gestorben. Er war der einzige Weltstar, mit dem ich zwei Abende verbracht habe. Das kam so: Ich wollte 1991 einmal den berühmten Karneval in Venedig erleben. Herr Tesche, ein leitender Mitarbeiter im Planungsreferat und seine Frau Tesche-Mentzen, eine renommierte Malerin, empfahlen mir als Unterkunft ein Zimmer in einem Palast, zu mieten von Caroline, einer französischen Freundin, die eine ganze Etage nutzte.

Mit dem Karneval allerdings hatten wir Pech. Er war wegen des zweiten Golfkrieges in fast ganz Europa abgesagt worden. Eine schöne Enttäuschung. Aber Caroline (. . .) lud Freunde und Bekannte zu einer privaten Party ein. Darunter David Bowie mit Iman und Grace Jones, die ich in dem James Bond-Film "Im Angesicht des Todes" bewundert hatte - in einer Rolle, bei der man sich immer fragte, ob es sich um einen Panther in Frauengestalt handle. Grace Jones erkannte ich natürlich sofort, aber als offenbar alle Gäste da waren, fragte ich Caroline, ob Bowie noch komme. Sie lachte: "Da ist er doch" und zeigte auf einen bärtigen Mann. So hatte ich ihn nach den mir bekannten Bildern nicht in Erinnerung.

David Bowie singt Arien mit Walter Zöller

Es war ein kleiner Kreis von Gästen, man kam schnell in Kontakt. Grace wählte mich als bevorzugten Tanzpartner - bekanntlich ist Tanzen nicht meine größte Leidenschaft, aber in diesem Fall … Um diesbezüglich das Ende des Abends vorwegzunehmen: Mein Smokinghemd war voll Lippenstift und mehrere Wochen war ich unschlüssig, ob ich es reinigen lassen solle. Ich tat es schließlich und ärgere mich heute noch darüber. Aber in Erinnerung bleibt mir der Kuss von Grace, als ich schon im Bett lag, sie in mein Zimmer, das neben ihrem lag, huschte und schon wieder verschwunden war.

Und David Bowie? Mit ihm kommunizierte ich die halbe Nacht und erlebte eine unerwartete Überraschung: Er erwies sich als begeisterter Wagner-Fan und je später der Abend und die Nacht wurde, desto länger sangen wir allein oder gemeinsam Arien: "Wer meines Speeres Spitze fürchtet ..." Ihm machte das auch großen Spaß und als wir feststellten, dass sie und wir als nächste Station Verona gewählt hatten, luden Iman und er uns zum Abendessen ein. Damals gab es keine Handys, mit denen man schnell Telefonnummern hätte austauschen können und so gab ich Bowie die Adresse unseres Hotels in Verona und er versprach, dort anzurufen. Ich war skeptisch und erwartete den Anruf eigentlich nicht, aber er erfolgte und wir wurden in das Nobel-Restaurant "Duodeci Apostoli" eingeladen.

Die Tischgespräche mit unseren Gastgebern brachten für mich eine neue Erkenntnis. Das prominente Paar - sie heirateten im Jahr darauf - verbringt seine freie Zeit mit viel Museumsbesuchen in der ganzen Welt und beide erwiesen sich als höchst gebildet und vielfach interessiert. Das erwartet man nicht ohne weiteres von einem Popstar und einem Supermodel, die als erste Schwarze den Titel von "Vogue" zierte.

Zöller erzählt von dem Banküberfall in der Prinzregentenstraße

Seit einiger Zeit hängt in der CSU-Fraktion im Gang zum Sitzungssaal ein Foto unseres früheren Zweiten Bürgermeisters Dr. Hans Steinkohl (1968-1972; unter SPD-OB Hans-Jochen Vogel, d. Red.). Aus Spaß fragte ich einige Fraktionskollegen, ob die wüssten, wer da abgebildet sei. Niemand wusste es. Aber das einzig Erinnerungswerte an diesen Mann kann nicht nur die Straße sein, die nach ihm benannt wurde. (...) Zum einen war er nach dem Tod seines Vorgängers Georg Brauchle ein sehr beliebter Bürgermeister, der als Arzt bei der Bevölkerung ohnehin viel Sympathien besaß. Zum Helden aber wurde er am 4. August 1971. An diesem Tag ereignete sich in Deutschland der erste Banküberfall mit Geiselnahme.

In der Deutschen Bank in der Münchner Prinzregentenstraße hielten die Bankräuber Todorov und Rammelmayr achtzehn Menschen gefangen, verlangten zwei Millionen Mark und einen Fluchtwagen. Als nach vielen Stunden das Auto vorgefahren war, setzte sich Rammelmayr mit einer jungen Frau in den Wagen, woraufhin die in solchen Situationen noch unerfahrenen Polizei das Feuer eröffnete. Beide Insassen wurden getroffen, Rammelmayr tödlich, die junge Frau schwer verletzt.

Dr. Hans Steinkohl - ein Star im Kugelhagel

Dr. Steinkohl lief, noch im Kugelhagel, zum Auto, rettete die Geisel, die aber später in der Klinik starb. Das ganze Drama wurde live vom Fernsehen übertragen - auch das ein Novum in Deutschland. So traurig der Anlass war: Die Münchner CSU hatte einen Star. In einem halben Jahr standen die Kommunalwahlen an, die SPD hatte einen damals völlig unbekannten Landtagsabgeordneten (namens Georg Kronawitter, d. Red.) als Kandidaten. Nichts logischer, als unseren Bürgermeister zu bitten, für die CSU in den Ring zu steigen.

Der aber weigerte sich. Ich kann mich noch gut an die Bemühungen im Bezirksvorstand erinnern, Steinkohl umzustimmen. Erfolglos. Er habe nun mehrere Jahre mit Hans-Jochen Vogel zusammen gearbeitet, sei von ihm tief beeindruckt und der festen Überzeugung, das Amt eines Oberbürgermeisters könne nur ein Jurist, aber kein Arzt bekleiden. Und so verloren wir 1972 die OB-Wahl. Angesichts der Popularität Dr. Steinkohls hätten wir sie gewonnen - und die Nachkriegsgeschichte bis heute wäre anders verlaufen.

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