Haustürwahlkampf in München: Klingeln fürs Kreuzchen

Durch Corona ging der persönliche Kontakt verloren. Doch im Wahlkampf setzen die Parteien wieder auf ein traditionelles Mittel: den Haustürwahlkampf. Die AZ ist mitgegangen.
| Christina Hertel
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Wenn die Leute ihre Tür nicht öffnen, steckt Bernhard Loos von der CSU seinen Flyer in den Briefkasten.
Sigi Müller 7 Wenn die Leute ihre Tür nicht öffnen, steckt Bernhard Loos von der CSU seinen Flyer in den Briefkasten.
Loos unterwegs im Treppenhaus.
Sigi Müller 7 Loos unterwegs im Treppenhaus.
Fall Alion ist schon CSU-Wähler: "Ich bin durch und durch schwarz."
Sigi Müller 7 Fall Alion ist schon CSU-Wähler: "Ich bin durch und durch schwarz."
SPD-Kandidatin Seija Knorr-Köning.
Bernd Wackerbauer 7 SPD-Kandidatin Seija Knorr-Köning.
Auch, wer nicht öffnet, bekommt Post.
Bernd Wackerbauer 7 Auch, wer nicht öffnet, bekommt Post.
Auch SPD-Kandidatin Seija Knorr-Köning klingelt an Tausenden Haustüren.
Bernd Wackerbauer 7 Auch SPD-Kandidatin Seija Knorr-Köning klingelt an Tausenden Haustüren.
Um die zehn Leute machen täglich ab 17 Uhr für die SPD Wahlkampf.
Bernd Wackerbauer 7 Um die zehn Leute machen täglich ab 17 Uhr für die SPD Wahlkampf.

München - Ihre Entscheidung, wen sie dieses Jahr wählen soll, hat die Dame mit dem lockigen weißen Haar und den Herzchen-Pantoffeln schon getroffen, lange bevor es an diesem Freitagabend an ihrer Wohnungstür klingelt. Ihr blickt ein Mann mit blauer Jacke, blauem Pullover, blauer Tasche, blauem Flyer in der Hand entgegen, CSU steht klein im rechten Eck.

2017 gewann Loos im Münchner Norden das Direktmandat

"Guten Tag, mein Name ist Bernhard Loos. Ich bin Ihr Bundestagsabgeordneter", sagt er. Seit der Wahl 2017 sitzt Loos für die CSU im Bundestag. Damals gewann der 66-Jährige im Münchner Norden das Direktmandat. Diesmal könnte das knapp werden. Manche meinen, die Grünen liegen vorn, andere prophezeien, dass am Ende doch die SPD gewinnt. Und diese Frau - ganz in rot gekleidet - sieht auch aus, als würde sie am liebsten sofort die Türe vor dem Mann in Blau ins Schloss fallen lassen.

"Ich habe mich entschieden", meint sie und klingt bestimmt. Loos will schon gehen, er ist keiner, der sich gerne aufdrängt. Seine Stimme passt ins Radio, nicht ins Bierzelt. Doch dann sagt die Dame: "Dieses Jahr wähle ich nicht." Loos wartet einen Moment. "Ich habe immer die CSU gewählt", sagt sie. "Aber den Laschet, nein, da können Sie machen, was Sie wollen, den wähle ich nicht. Nein, nein, nein."

Loos unterwegs im Treppenhaus.
Loos unterwegs im Treppenhaus. © Sigi Müller

"Damit Bayern in Berlin vertreten wird"

Von Armin Laschet, dem Kanzlerkandidaten von CDU und CSU, versucht Bernhard Loos die Frau an diesem Freitagabend gar nicht zu überzeugen – sondern von sich selbst. "Damit Bayern in Berlin vertreten wird." Damit er wieder in den Bundestag kommt. Damit die CSU stark bleibt und "Einfluss üben kann auf die große Schwesterpartei".

Es geht ein paar Minuten so hin und her. Am Ende gibt die Frau doch ein Wahlversprechen ab. Sie wird ihr Kreuz auf der ersten Liste hinter Bernhard Loos, Unternehmer aus München, geboren 1955 in Kaufbeuren, machen.

Ob es Loos oft so geht, dass Armin Laschet wie ein Bremsklotz wirkt? Schließlich liegen nun knapp drei Wochen vor der Wahl die Umfragewerte der Union bei 19 Prozent, so schlecht wie nie zuvor.

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Von Angela Merkel zu überzeugen, sei in Bayern auch nicht immer einfach gewesen, meint Loos dazu nur. Er war schon als Student bei der Jungen Union, ist seit fast 40 Jahren CSU-Mitglied.

Knorr-Köning will für die SPD in den Bundestag

Damals war Seija Knorr-Köning noch nicht einmal geboren. Als sie 1994 auf die Welt kam, hatte Loos bereits eine Ausbildung im Kaufhaus gemacht, studiert, eine eigene Fachschule für technische Berufe gegründet.

Trotzdem will sie dort hin, wo Loos schon sitzt: in den Bundestag nach Berlin, nicht für die CSU, sondern für die SPD.

Auch SPD-Kandidatin Seija Knorr-Köning klingelt an Tausenden Haustüren.
Auch SPD-Kandidatin Seija Knorr-Köning klingelt an Tausenden Haustüren. © Bernd Wackerbauer

Dafür setzt sie ausgerechnet auf das gleiche Mittel wie der 66-jährige Loos. Sie klingelt an Tausenden Haustüren, hat stapelweise Flyer drucken lassen, die sie in Briefkästen wirft, in Türschlitze steckt und auf Fußmatten legt. So oft, wie es geht, manchmal fünfmal die Woche macht Seija Knorr-Köning Haustürwahlkampf im Münchner Westen, ihrem Stimmkreis.

Treffpunkt ist genau wie bei Loos' Team um 17 Uhr. Alle tragen rote T-Shirts, auf denen vorne groß Seija Knorr-Köning und hinten klein SPD steht. Es sei ein Persönlichkeitswahlkampf, sagt Knorr-Köning. Weil sie auf der Landesliste der SPD so schlecht platziert ist, wird sie es voraussichtlich nur in den Bundestag schaffen, wenn sie das Direktmandat gewinnt – anders als ihr Konkurrent von den Grünen, Dieter Janecek, der wohl so oder so in den Bundestag kommt.

Knorr-Köning ist keine Unbekannte mehr

Anfang des Jahres habe kaum jemand geglaubt, dass sie es schaffen könne – eine junge unbekannte Krankenschwester, die für eine Partei antritt, die bloß noch ein paar alte Leute aus Nostalgie für Willy Brandt wählen. Doch die Stimmung hat sich geändert.

Inzwischen hat der Kandidat der SPD gute Chancen Kanzler zu werden und inzwischen ist Seija Knorr-Köning keine Unbekannte mehr: Etwa ein Drittel der Menschen, denen sie begegnet, würden sie zumindest vom Plakat her kennen, meint Seija Knorr-Köning. Und bestimmt etwas mehr als zehn Leute hätten nun begonnen, Wahlkampf für sie zu machen, obwohl sie sich zuvor nicht in der SPD engagierten, meint Knorr-Köning.

Um die zehn Leute machen täglich ab 17 Uhr für die SPD Wahlkampf.
Um die zehn Leute machen täglich ab 17 Uhr für die SPD Wahlkampf. © Bernd Wackerbauer

Doch an diesem Montagabend machen die meisten nicht einmal die Haustür auf. Eine Diskussion über Politik beginnt Seija Knorr-Köning mit niemandem. Sie will, dass die Menschen sie mögen. Sie sollen sehen, dass die SPD nicht nur den seriösen Olaf Scholz zu bieten hat, sondern auch sie: eine, die ihren 13 Monate alten Sohn im Radanhänger durch München fährt, eine, die sagt, dass man beim Bier trinken etwas für seine Ökobilanz tun kann (wenn man lokales Bier trinkt, entstehen weniger Emissionen beim Transport), eine, die beim Haustürwahlkampf Selfies in den Spiegeln macht, die im Treppenhaus hängen.

Bernhard Loos würde wohl nichts davon tun, nichts davon sagen. Als er ein Studentenwohnheim betritt (zu erkennen an den leeren Bierkisten und Turnschuhen im Flur), klingelt er an keiner Wohnungstür. Wenn er aber erst einmal mit den Leuten ins Gespräch kommt, kann er sie in 80 Prozent der Fälle überzeugen, meint er. So wie die ältere Dame, die ganz in rot gekleidet war.

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