"Ungenutzt verstrichene Zeit": Wirklich ein guter Kultur-Sommer?

Die Debatte "Kultur in der Krise" mit Künstlern, Veranstaltern und Politikern im Münchner Volkstheater.
| Robert Braunmüller
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Christian Stückl (links), Anamica Lindig (Kulturplattform Jourfixe) und Bernd Sibler (mit Mikrofon) bei der Diskussion "Kultur in der Krise" im Volkstheater
Christian Stückl (links), Anamica Lindig (Kulturplattform Jourfixe) und Bernd Sibler (mit Mikrofon) bei der Diskussion "Kultur in der Krise" im Volkstheater © Volkstheater

München - Was hätte der Kunstminister in den letzten Monaten gemacht, wenn er freiberuflicher Jazzmusiker wäre, der vom Unterrichten und von Auftritten mit seiner Band leben würde?

Bernd Sibler, offenbar auf die Frage vorbereitet, kam dennoch ziemlich ins Schleudern. Er hätte erst abgewartet, dann Freiluftkonzerte gegeben und einen "guten Sommer" gehabt. Jetzt sei er überrascht über die steigenden Infektionszahlen.

Gut war dieser Sommer für Freiberufler im Kulturbereich mitnichten. Klarer als mit dieser Frage hätten Katrin Neoral und Anamica Lindig am Beginn der Diskussionsveranstaltung "Kultur in der Krise" im Volkstheater nicht machen können, dass die Lebenswirklichkeit freischaffender Künstler in der Corona-Pandemie noch immer nicht in die Ministerien vorgedrungen ist.

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Die Vertreter der Freien Wähler und der Opposition (Grüne, SPD und FDP) blamierten sich hingegen nicht, als sie aufgefordert wurden, sich in die Lage von Theaterleitern und privaten Veranstaltern hineinzuversetzen.

Sibler bekennt sich zur kulturellen Vielfalt in Bayern

Die trotz der Vielzahl teilnehmender Betroffener überraschend strukturiert ablaufende Veranstaltung umkreiste die mittlerweile intensiv beackerten Bereiche der Künstler- und Spielstättenhilfen sowie die Anpassung der Besucherzahlen an die Größe des Veranstaltungsorts.

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Kritisiert wurde ungenutzt verstrichene Zeit. Sibler bekannte sich zur kulturellen Vielfalt in Bayern, zu der auch Clubs und die Freie Szene gehöre. Der Minister verteidigte die staatlichen Hilfsprogramme und machte Hoffnungen auf weitere Lockerungen, tat aber immer ein wenig so, als sei die von allen Virologen für den Herbst prognostizierte zweite Welle wirklich eine Überraschung.

Christian Stückl wird sehr emotional

Hausherr Christian Stückl sprach in einer sehr emotionalen Wortmeldung von "Politikversagen". Er machte deutlich, dass auch öffentliche geförderte Kultureinrichtungen mageren Zeiten entgegen gehen.

Die Stadt trage zwar die Personal- und Sachkosten, den Etat für den künstlerischen Betrieb im Volkstheater müsse er allerdings an der Kasse einspielen. Diese Einnahmen sind nun weggebrochen.

Offenbar drohen seitens der Landeshauptstadt drastische Kürzungen, teilweise habe man ihm signalisiert, dass der ganze Kulturbereich zu den freiwilligen Leistungen gehöre, die grundsätzlich verzichtbar seien.

Semmelmann sieht Konzerte benachteiligt

Dieter Semmelmann, der Geschäftsführer von Semmel Concerts, wies darauf hin, dass Pilotversuche mit 500 Besuchern in der Philharmonie oder im Nationaltheater für seine Branche keine Perspektive seien.

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Erst bei einer Auslastung von rund 70 Prozent käme er in die Gewinnzone. Semmelmann erinnerte auch an den Widerspruch, dass in der Gastronomie Bier und Schweinshaxn mit Musikbegleitung vor 1.000 Besuchern erlaubt seien, bei einem Konzert im gleichen Raum aber nach wie vor nur 200 Besucher zulässig seien.

Hofmann hat Probleme mit "Sommer in der Stadt" 

Der Kabarett-Impresario Till Hofmann ließ einen leichten Grant auf den "Sommer in der Stadt" durchblicken, der mit Gratis-Veranstaltungen den Privaten Konkurrenz gemacht habe. Manfred Eibl, der wirtschaftspolitische Sprecher der Freien Wähler im Landtag, äußerte viel Verständnis für die Kultur, konnte den Widerspruch zur Untätigkeit des zuständigen Ministers  Hubert Aiwanger allerdings nicht aufklären.

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Sanne Kurz (Grüne), Volkmar Halbleib (SPD) und Wolfgang Heubisch (FDP) forderten sowohl mehr Freiraum für die Veranstalter wie auch Verbesserungen bei der Künstlernothilfe, die in diesen Tagen ausläuft, allerdings auch nur sporadisch genutzt wird: Sibler sprach davon, er habe 60.000 Anträge erwartet, von denen nur 10.000 gestellt und 8.000 bewilligt worden seien.

Das hat allerdings vor allem mit dem sehr bürokratischen Verfahren zu tun, mit der Angst vor Nachforderungen und der Gefahr, dass Ersparnisse für das Alter aufgelöst werden müssen. Sibler wirkt trotz viel guten Willens bei diesem Thema ein wenig sprachlos.

Corona und die Freie Szene: Wie geht es weiter?

Eine Begründung, wieso sich Bayern nicht am besseren Modell von Baden-Württemberg orientiere, verlor sich im schwarzgrünen Politikgeplänkel.

Mit der von den Veranstaltern angemahnten langfristigen Perspektive für das kommende Frühjahr konnte Sibler nicht dienen - das hänge vom Pandemiegeschehen ab.

Nicht in dieser, aber in der nächsten Woche werde das Kabinett wohl auch über die Kultur beraten. An der Abstandsregel von 1,5 Metern werde nicht gerüttelt, aber Schlüsse aus dem Pilotprojekt in der Staatsoper und dem Gasteig werde es geben. Für die Freie Szene, aber auch für die Stadt- und Staatstheater ist das nach wie vor keine gute Nachricht.

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