"Das Erdbeben in Chili": Verlängerung ins Jetzt

Heinrich von Kleists Erzählung "Das Erdbeben in Chili" in einer Bühnenfassung von Ulrich Rasche im Münchner Residenztheater.
| Mathias Hejny
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Nicola Mastroberardino, Noah Saavedra, Johannes Nussbaum und Thomas Lettow (von links) spielen Kleist.
Nicola Mastroberardino, Noah Saavedra, Johannes Nussbaum und Thomas Lettow (von links) spielen Kleist. © Sandra Then

Zur Eröffnung der neuen Spielzeit stünde eigentlich "Die Familie Schroffenstein" von Heinrich von Kleist in einer Inszenierung von Ulrich Rasche auf dem Programm des Residenztheaters. Es bleibt bei der Kombination Kleist und Rasche. Aber angesichts der auf jeder Ebene des Theatermachens wirksamen Einschränkungen durch die Corona-Pandemie besann man sich auf ein älteres Projekt des Regisseurs, dessen Maschinentheater sonst jede Bühne allein wegen des technischen Aufwands an ihre Grenzen führt.

2015 inszenierte Rasche in den Berner Vidmarhallen Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili" ohne sich im Raum bewegenden Laufbänder oder schwebende Schrägen und Plateaus. Sein sprechender Chor bewegte sich auf einer unentwegt rotierenden Drehbühne.

Im Residenztheater ist sie jetzt ein bühnenbreiter Plattenteller, der dem neunköpfigen Ensemble üppigen Raum zur Einhaltung der Abstandsregeln bietet. Die Combo aus Keyboards, E-Bass und doppelt besetztem Schlagzeug findet für ihren treibenden Sound Platz hinter Plexiglaswänden weit in der Tiefe des Raums.

Dem Tod geweihtes Paar überlebt dank eines Erdbebens

Was von den Schroffensteins übrig blieb, deren Paten Romeo und Julia sind, ist das junge Liebespaar, das allen Widerständen zum Trotz zusammenfindet - zumindest für kurze Zeit. Josephe, eine Tochter aus bestem Hause, und ihr Hauslehrer Jeronimo treffen sich in "zärtlichem Einverständnis" und bekommen ein Kind. Beide müssen ins Gefängnis und Josephe wird zum Tod verurteilt. Am 13. Mai 1647 soll sie hingerichtet werden und will er sich umbringen, doch an diesem Tag wird Santiago von einem Erdbeben zerstört.

Die Verurteilten, deren Texte sich zuweilen bei Mareike Beykirch und Johannes Nussbaum verdichten, kommen frei und begegnen sich vor der Stadt wieder. Dort haben sich auch andere Überlebende der Katastrophe versammelt.

Aktuelles Seuchengeschehen und positive Zukunft?

Kleist beschreibt einen utopischen Moment: "Fürsten und Bettler" wie "Matronen und Bäuerinnen" oder "Staatsbeamte und Tagelöhner" leisten "sich wechselweise Hülfe", als ob sie das Unglück, dem sie entrinnen konnten, "zu einer Familie gemacht hätte". Diesen Augenblick stellt Rasche vor ein Triptychon aus in warmem Gold leuchtenden Rechtecken, die scheinbar die Gründung einer gerade neu entstehenden Zivilisation mit großer Zukunft bestrahlen.

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Das aktuelle Seuchengeschehen ist eine Katastrophe, die nicht nur ausschließlich Verschwörungsmythologen aktiv macht, sondern auch einen Zukunftsforscher wie Matthias Horx zu positivem Orakel veranlasst: "Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen", heißt es in einem schon im März begonnenen Web-Blog über "Die Welt nach Corona".

Die Verlängerungen ins Jetzt hätte es nicht gebraucht

Die Thesen aus dem Frankfurter Zukunftsinstitut gehören zu den wenigen Fremdtexten, die Rasche dem ansonsten wortgetreu rezitierten Original hinzufügte. Weiteres Material von außen stammt aus dem tagesfrischen Corona-Diskurs. "Wir schaffen Lebensräume", predigt der Priester eines Dankesgottesdiensts der Überlebenden, "in denen Viren leichter übertragen werden, und dann sind wir überrascht, dass wir neue haben".

Doch nach diesem Anflug von Vernunft verrät der Geistliche die anwesenden Josephe und Jeronimo als die geflohenen "Frevler", die Gottes Zorn auf die Stadt gezogen hätten und löst damit ein Lynchmassaker vor der Kirche aus.

Die Verlängerungen ins Jetzt hätte es allerdings nicht gebraucht. Kleists hoch verdichtete Erzählung wird von Aktualisierung eher geschwächt. Seine Sprache hat bereits in sich eine ungeheure Wucht, die zudem durch das rhythmische Sprechen des Chors und das perkussive Vorwärtsdrängen des Orchesters weiter mit Energie und auch Pathos aufgeladen wird.


Residenztheater, die nächsten Vorstellungen von "Das Erdbeben in Chili" am 4., 17. und 18. Oktober sind ausverkauft, Karten unter der Telefonnummer 21851940

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