Theater-Nachwuchsstar Johannes Nussbaum: Karriere im Schnellschritt

Johannes Nussbaum ist Nachwuchsschauspieler des Jahres - und spielt am Freitag bei der Saisoneröffnung am Münchner Residenztheater mit.
| Michael Stadler
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Johannes Nussbaum (Dritter von links) in Ulrich Rasches Inszenierung von "Das Erdbeben in Chili" nach einer Novelle von Kleist.
Johannes Nussbaum (Dritter von links) in Ulrich Rasches Inszenierung von "Das Erdbeben in Chili" nach einer Novelle von Kleist. © Sandra Then

München – Wer bei einer Inszenierung von Ulrich Rasche dabei ist, der kann sich sicher sein, dass bereits während der Probenzeit einige Kilos purzeln. "Man wird kontinuierlich dünner", bestätigt Johannes Nussbaum und dreht sich eine weitere Zigarette im lauschigen Außenbereich der Gaststätte "Zum Kloster" in Haidhausen. Etwas erschöpft wirkt er nach der Morgenprobe. Oder er ist einfach tiefenentspannt.

Bereits vor der Sommerpause hat der 25-Jährige mit acht weiteren Ensemblemitgliedern des Bayerischen Staatsschauspiels plus Dramaturgie, Musikerteam und Chortrainer unter Rasches Leitung angefangen zu proben. Der für seine aufwendigen Inszenierungen bekannte Regisseur adaptierte Kleists 1807 veröffentlichte Novelle "Das Erdbeben in Chili".

Ein Stück mit Parallelen zu heutigen Katastrophenzeiten

Schon der Titel lässt erahnen, dass sich mit dieser Geschichte ein Bogen in heutige Katastrophenzeiten schlagen lässt. Auf der Vorlage des Erdbebens von 1647 in Santiago de Chile spinnt Kleist die Geschichte eines Liebespaars, das zunächst sogar Glück im Unglück hat. Denn Donna Josephe wurde zum Tode verurteilt, weil sie eine Affäre mit ihrem Hauslehrer Jeronimo unterhielt und, obwohl sie ins Kloster weggesperrt wurde, schwanger von ihm wurde. Im Chaos des Erdbebens kann sie jedoch fliehen, trifft Jeronimo, der sich eigentlich im Gefängnis selbst umbringen wollte, auf magische Weise wieder und könnte mit ihm und dem Kind glücklich leben, wenn Kleist nicht noch ein paar böse gesellschaftliche Verwicklungen in petto hätte.

Johannes Nussbaum.
Johannes Nussbaum. © Lucia Hunziker

Dass Rasche sich diesem, rein inhaltlich schon "Corona-tauglich" wirkenden Stoff widmet, bedeutet dabei nicht, dass er eine völlig andere Gangart beim Inszenieren einschlagen würde: Zwar gibt es ein für seine Verhältnisse recht simples Bühnenbild mit einer zweiten Drehscheibe über der Drehscheibe des Residenztheaters, aber auf dieser bleibt das Ensemble, Rasche-üblich, ständig in Bewegung. "Man hat da schon einige Schritte zu gehen", sagt Johannes Nussbaum. "Einige haben einen Schrittzähler dabei und lassen den während der Probe durchlaufen. Da kommen schon mehrere Tausend Schritte täglich zusammen."

Ein Metronom hilft beim Texteinüben

Auch beim privaten Einüben des Textes könne man gar nicht anders, als beim Sprechen auf der Stelle zu gehen. Das Schritt-Tempo für die Szenen wird während Proben festgelegt; per Metronom-App kann er dann zu Hause im jeweils vorgegebenen Takt die Sätze einstudieren. Auf welche Silbe der Schritt kommt, wo eine Pause, wo ein Off-Beat bei den gemeinsamen Chorszenen gesetzt wird, hat Nussbaum sich mit einem eigenen Notationssystem genauestens in seinem Textbuch eingetragen.

Dass die Sätze von Kleist sich fast endlos windende, erst am Ende buchstäblich zum Punkt kommende Konstrukte sind, fordert das Team umso mehr. "Dadurch, dass der Sinn eines Satzes sich oft erst am Schluss herauskristallisiert und davor Hundertmilliarden Nebensätze eingeschoben sind, muss man den Gedanken über diese gesamte Strecke ziehen. Dafür braucht es einen sehr langen Atem. Wenn man Sätze im Chor spricht, muss man wirklich eng beisammenbleiben, um die Energie des anderen übernehmen zu können."

Neben Thomas Lettow, der bereits in den Rasche-Inszenierungen "Die Räuber" und "Elektra" am Residenztheater mitspielte, übernimmt Nussbaum des Öfteren die Rolle des Chorleiters: eine beherzt voranschreitende Führungsfigur, die mit Taktzahleinflüsterungen das synchrone Sprechen dirigieren und bei Ermüdungserscheinungen die Gruppe puschen kann. Diese verantwortungsvolle Aufgabe wurde ihm auch zugeteilt, weil er Rasches Form zur Genüge kennt.

Die Verantwortlichen des Residenztheaters sahen Nussbaums Auftritt im "großen Heft"

Für das Schauspiel Dresden marschierte Nussbaum in Rasches Adaption von "Das große Heft" nach dem Roman von Ágota Kristóf. Die Inszenierung wurde 2019 zum Berliner Theatertreffen eingeladen, wo Nussbaum für seine darstellerische Leistung mit dem Alfred-Kerr-Preis ausgezeichnet wurde. Im Sommer 2018 war Nussbaum Teil des Ensembles von Rasches Version der "Perser", die bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte.

Zu der Zeit hatte Nussbaum gerade sein Studium an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" absolviert, arbeitete als freier Schauspieler, aber bereits mit dem Wunsch, fest an einem Haus zu arbeiten.

Sein Auftritt im "großen Heft" wurde von Verantwortlichen des Residenztheaters gesehen, weshalb er ins Ensemble eingeladen wurde. Bereits bei der letztjährigen Saisoneröffnung unter Andreas Beck spielte Nussbaum mit: In Nora Schlockers Uraufführung von Ewald Palmetshofers "Die Verlorenen" verkörperte er einen jungen Mann, der aus seinem Elternhaus rausfliegt und sich in einem Haus im Wald einnistet. Das gehört der Großmutter von Clara, eine Frau in der Midlife-Crisis, die just auf diesen Landsitz flüchtet.

Nussbaum: "Meine Eltern haben mir nie Druck gemacht"

Die Szenen zwischen Johannes Nussbaum und Myriam Schröder gehörten zu den Höhepunkten der Inszenierung: zwei Lebensverlorene, die sich trotz Altersunterschieds sachte annähern, um letztlich doch entfremdet zu bleiben. Für seine Darstellung wurde Nussbaum bei der Kritikerumfrage des Magazins "Theater Heute" zum "Nachwuchsschauspieler des Jahres" gekürt - eine weitere Auszeichnung für ihn, eine hochverdiente zudem, fiel er doch insgesamt in der letzten Saison auf. So machte es in Julia Hölschers Inszenierung von Marieluise Fleißers "Der starke Stamm" vor allem Spaß, ihm zuzuschauen. Einen aufmüpfigen Sohn spielte Nussbaum da, einer, der Künstler werden will und sich richtig handfest mit seinem Vater prügelt, um am Ende verblüfft als Alleinerbe des Familienvermögens dazustehen. Eine ähnliche Rebellion war für Nussbaum nicht vonnöten: "Meine Eltern haben mir nie Druck gemacht. Ich bin ja auch eher zufällig zum Film gekommen."

Nussbaum wuchs im Örtchen Mödling im Speckgürtel von Wien auf, wo vor allem die Wohlhabenden ihre Villen haben, wobei Nussbaums Familie nicht ganz zu dieser Schickeria gehörte. Beim alljährlichen Schauspiel seiner Schule spielte er regelmäßig mit und nahm auf Anraten seiner Theaterlehrerin bei einem Casting teil. Prompt wurde er als Neunjähriger gleich mal im Film "Import Export" von Österreichs Kino-Experten für das Abgründige, Ulrich Seidl, besetzt.

Keine Berührungsangst mit "Fack ju Göhte 2"

Danach ging es für Johannes Nussbaum Schlag auf Schlag weiter. Kinohauptrollen, darunter in Peter Kerns "Diamantenfieber oder Kauf dir einen bunten Luftballon" (2012) brachten ihm Aufmerksamkeit und bereits Darstellerpreise ein. Während seiner Ausbildung an der "Ernst Busch" spielte er in der österreichischen Serie "Vorstadtweiber" einen Schüler, der mit seiner Lateinlehrerin schläft und irgendwann ein Kind mit ihr hat. Erneut eine frühreife Figur, die ihren Altersgenossen einige Schritte voraus ist. Was man auch über die Karriere von Johannes Nussbaum sagen kann: Er marschiert gerade ganz schön durch, spielte während seiner Schauspielausbildung weiterhin in Filmen wie "Fack ju Göhte 2" (2015) mit und ist für sein erstes Engagement gleich mal im Residenztheater gelandet.

Bei Ulrich Rasche spürt Nussbaum nun verstärkt den Reiz, in einer Gruppe aufzugehen: "Es ist toll, wenn man gemeinsam zu einer Stimme wird. Das hat eine ungeheure Kraft. Gleichzeitig ist es natürlich gruselig, weil man merkt, wie so eine Masse funktioniert: Es kann schnell eine Euphorie, aber auch Aggression entstehen, die vernichtend ist."

Das Liebespaar in Kleists Novelle bekommt diese zerstörerische Kraft zu spüren: Entwirft Kleist kurz nach dem Erdbeben die Utopie einer Gemeinschaft, die in idyllischer Natur zusammenfindet und sich gegenseitig hilft, egal, ob jemand reich oder arm ist, so bricht diese Solidarität bald wieder zusammen. "Die Gesellschaft braucht jemanden, auf den sie ihren Hass projizieren kann und der sie von ihrer Schuld erlöst", meint Johannes Nussbaum. "So ähnlich ist das ja auch jetzt während der Pandemie gewesen: Am Anfang hat man für seine Nachbarn eingekauft, ist sich im Innenhof begegnet, hat sich beim anderen erkundigt, wie es dem geht. Jetzt ist das fast schon wieder ganz verschwunden. Stattdessen haben die Leute noch viel mehr Stress, müssen noch mehr arbeiten, fühlen sich unsicher und verfolgen vor allem ihre eigenen Interessen."

Auch in seinem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis kenne er einige, die mit Projekt- und Verdienstausfällen zurechtkommen müssen. Dass er sich da als festes Ensemblemitglied glücklich schätzen kann, weiß Johannes Nussbaum. Mit ihm Schritt zu halten, ist eben gar nicht so einfach.


Premiere am Freitag (25.9.2020) im Residenztheater, auch am 26. und 27. 9. und 4. 10. (alle ausverkauft).

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