Exklusives AZ-Interview Bayern-Vorstandsboss Rummenigge: "Unser Stil ist auch Flicks Stil"

Vorstandsboss des FC Bayern: Karl-Heinz Rummenigge. Foto: Matthias Balk/dpa

Der FC Bayern wird 120 Jahre alt. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge spricht vorab in der AZ über den aktuellen Trainer und spezielle Vorgänger: "Bei Guardiola, Heynckes und van Gaal fühlte ich mich wie im Himmel."

 

München - Karl-Heinz Rummenigge ging in den 1970er- und in den frühen 1980er Jahren selbst für den FC Bayern auf Torejagd. Seit 2002 ist der ehemalige Weltklasse-Stürmer Vorstandsvorsitzender der FC Bayern München AG. Im AZ-Interview spricht Rummenigge über die Zukunft seines Vereins, seinen schönsten Moment als Bayern-Boss und nennt die wichtigsten Bayern-Trainer der Vereinsgeschichte.

AZ: Herr Rummenigge, der FC Bayern feiert am kommenden Donnerstag Geburtstag, wird 120 Jahre alt. Wofür soll der Klub in Zukunft stehen – für welchen Fußball, welche Spielphilosophie?
KARL-HEINZ RUMMENIGGE: Der FC Bayern steht nun schon seit vielen Jahren für Ballbesitz, Balldominanz, Positionsspiel, Offensivdrang – und für viele Tore. Egal, wer in den nächsten Jahren mal Trainer des FC Bayern wird: Dieser Stil soll uns erhalten bleiben und weiter auszeichnen. Wir sind sehr froh, dass dies auch der Spielstil von Hansi Flick ist und dass er diesen fordert und fördert. Man merkt es bei den Spielern, wie ihnen diese Philosophie Freude vermittelt – und genauso macht er den Fans Spaß. Ich habe in der Hinrunde gegen Dortmund beim Stand von 4:0 mal nur noch die Zuschauer beobachtet und mir gedacht: So haben sie Spaß an ihrem FC Bayern. Klar willst du eine Mannschaft, die Erfolg hat. Aber sie soll auch Freude vermitteln. Deshalb ist es uns wichtig, dass wir diesen Stil aufrechterhalten.

Rummenigge: Gesellschaftliche Verantwortung des FC Bayern wird immer wichtiger

Welche Werte will der FC Bayern vermitteln, gerade auch gesellschaftlich?
Der FC Bayern soll sich das Bild, mit dem er über die Jahrzehnte so viele Fans auf der ganzen Welt gewinnen konnte, auch in der Zukunft bewahren. Wir stehen für unser gelebtes "Mia san mia", das sich auf dem Platz und außerhalb wiederfindet. Wir sind dem Erfolg verpflichtet, haben den Anspruch, Benchmarks in allen Bereichen zu setzen und stellen uns diesem Druck, der aus dem Innersten dieses Vereins und seiner Geschichte kommt. Bei allem Ehrgeiz auf dem Feld werden wir als Klub aber auch nie unsere gesellschaftliche Verantwortung aus den Augen verlieren. Im Gegenteil. Ich denke, in unseren bewegten Zeiten wird dieser Aspekt immer wichtiger. Bereits in der Vergangenheit haben wir uns immer sozial engagiert, ich denke da zum Beispiel an unsere sogenannten "Retterspiele", die auch in Zukunft fester Bestandteil unserer Vereinskultur bleiben werden. Der FC Bayern will und muss erfolgreich sein – ohne dabei seine Werte zu vernachlässigen.

Wie soll der bayerische Ursprung in den nächsten Jahren erhalten bleiben?
Beim FC Bayern sind wir uns unserer Wurzeln bewusst und werden ihnen auch in Zeiten, in denen die Internationalisierung immer wichtiger wird, gerecht. Öffentliche Trainingseinheiten wird es immer geben, auch unser Trainingslager am Tegernsee hat Tradition, genauso unsere Adventsbesuche bei Fanklubs. Es gibt Vereine, die zu kickenden Konzernen werden – wir gehen einen anderen Weg. Unsere Spieler mögen aus aller Welt kommen, aber es ist kein Zufall, dass die meisten in Bayern und in München so schnell heimisch werden. Ich habe das selbst erlebt, als ich als junger Bursche aus Lippstadt hierherkam. Trotz meiner Zeit in Italien und der Schweiz war mir immer klar: Hier in München bist du zuhause. Wir sind stolz auf unsere Geschichte, unsere Herkunft, unsere Basis – und wir werden das immer leben.

Rummenigge: "Als Spieler war es am schönsten"

Welche Phasen waren für Sie die schönsten in Ihrer Amtszeit?
So sehr ich die Zeit nach der Karriere schätze: Als Spieler war es am schönsten. 1976 haben wir in Glasgow gegen St. Etienne mit einem 1:0 das europäische Landesmeister-Finale gewonnen. Ich weiß noch, wie ich stolz im Bus saß mit meinen gut 20 Jahren. Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Co. saßen vorne, ich als junger Bursche weiter hinten – die alten Helden haben gefrotzelt, weil ich so in mich gekehrt dahockte und einfach stolz war. Da sagte Dettmar Cramer: "Frag’ die doch mal, ob sie mit 20 auch schon Europapokalsieger waren!" Da sagte ich: "Herr Cramer, das weiß ich nicht – ich weiß nur, dass ich überglücklich bin."

Gab es einen Moment, der für Sie als Vorstandschef besonders emotional war?
Unser insgesamt schönster Sieg war das Champions League-Finale 2013 in London. Es war so ein wichtiges Spiel, ich vergesse nie, wie ich mit Uli Hoeneß vom Hotel zum Stadion fuhr. Wir haben kaum gesprochen, wir waren beide total nervös. Es ging gegen Dortmund, wir hatten das Finale dahoam vom Jahr zuvor mit seiner Dramatik im Hinterkopf. Nach dem Sieg sind zentnerweise Steine von uns beiden abgefallen, weil wir die Bedeutung dieses Erfolges für den ganzen Verein wohl wie kein Dritter gespürt hatten. Auch die Party danach werde ich nie vergessen. Nicht, weil wir so wild gefeiert hatten. Sondern einfach, weil wir in dieser ganzen Bayern-Familie so ungemein glücklich gewesen sind. Es gibt Momente im Leben, die möchtest du am liebsten für immer festhalten. So ist es mit dieser Nacht von Wembley.

Rummenigge schwärmt von Heynckes, Guardiola und van Gaal

Welche Trainer haben den FC Bayern entscheidend geprägt?
Da darf man keinen vergessen, sie hatten alle Wahnsinnsverdienste. Mit Zlatko "Tschik" Cajkovski geht alles los; er hat diese junge Mannschaft um Franz Beckenbauer, die ja eine richtige Münchner Mannschaft, eine echte Bayern-Auswahl war, zu einem europäischen Ensemble geformt und damit den Grundstein für alles gelegt. "Tschik" passte perfekt mit seiner ganzen Art. Udo Lattek war ein weiterer wichtiger Trainer in der früheren Zeit. Mit ihm hat der FC Bayern 1974 das erste Mal den europäischen Landesmeister-Pokal gewonnen, zudem insgesamt sechs deutsche Meisterschaften. Udo war ein toller Typ. Ich weiß noch, wie ich als 18-Jähriger zum FC Bayern gekommen bin. Man hatte mir null Einsatzchancen zugetraut – doch Udo baute auf mich. Er hatte ein Gespür für die Spieler. Unendlich dankbar bin ich persönlich Dettmar Cramer. Von der Empathie her ein super Charakter, und er hat mich am meisten geformt.

Wer zählt sonst noch zu den wichtigsten Bayern-Trainern?
Ein großer Trainer war auch ohne Frage Ottmar Hitzfeld: Ein Fachmann und Menschenkenner. Als wir 1999 das Champions League-Finale gegen Manchester United so dramatisch verloren hatten, waren in der Kabine alle am Boden zerstört. Ottmar stand als Einziger aufrecht mittendrin und sagte ganz geradlinig und nüchtern: "Dann müssen wir diesen Pokal halt in den nächsten Jahren holen." So kam es dann auch. Bei den wichtigsten Trainern muss man selbstverständlich auch folgende drei Herren aufzählen, in einer Linie und in dieser Reihenfolge: Jupp Heynckes, der das einzige Triple unserer Vereinsgeschichte holte, Louis van Gaal und Pep Guardiola. Diese drei haben den Stil, den wir heute auf dem Platz sehen und den ich eingangs beschrieben habe, auf ihre Art geprägt und entwickelt. Da waren sie Brüder im Geiste. Es war kein Zufall, dass wir unter ihnen die fußballerisch wohl schönste Zeit hatten: Wir gewannen Titel ohne Ende, und ich habe mich beim Zuschauen oft wie im Himmel gefühlt – dieser Fußball riss die Leute von den Sitzen. Wir profitieren bis heute von der Arbeit dieser drei großen Trainer.

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