Ex-Landesvater im AZ-Interview Stoiber: "Kahn wird der emotionale Leader nach Hoeneß"

Edmund Stoiber traut Oliver Kahn (l.) zu, die Lücke zu füllen, die Uli Hoeneß beim FC Bayern hinterlässt. Foto: picture alliance/dpa / Montage AZ

Edmund Stoiber spricht im AZ-Interview über den Rückzug des Bayern-Präsidenten, Nachfolger Herbert Hainer und die Zukunft von Thomas Müller.

 

München - Edmund Stoiber (78) ist Vorsitzender des Verwaltungsbeirats beim FC Bayern und Mitglied des Aufsichtsrats. Zu Uli Hoeneß pflegt er seit Jahrzehnten eine Freundschaft.

AZ: Herr Stoiber, am 15. November hält Uli Hoeneß auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern seine letzte große Rede, anschließend tritt er als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender ab. Wird dieser Abend für Sie persönlich ein emotionaler?
EDMUND STOIBER: Mit Sicherheit, wir kennen uns ja schon eine Ewigkeit. Uli ist seit 1970 im Verein, ich selbst bin seit über 50 Jahren Mitglied von Bayern München, länger als in der CSU. Seit 1992 bin ich Vorsitzender des Verwaltungsbeirats und seit 2010 Mitglied des Aufsichtsrats. Ich habe früher im Spaß immer gesagt: Wenn es eine Aufgabe gibt, die ich noch anstrebe, dann ist es die Managerposition beim FC Bayern. Aber die sei bestens besetzt. Das habe ich gesagt, um Uli Hoeneß meinen Respekt zu zollen. Ich bin stolz auf unsere langjährige persönliche Freundschaft.

Im Jahr 2018 gab es für Hoeneß deutliche Kritik auf der Jahreshauptversammlung. Welchen Anteil hatte diese Attacke an seinem Rückzug?
Diese polemische Kritik war mit Sicherheit nicht der wesentliche Grund. Uli hat ganz andere Kämpfe durchgestanden. Das ist einfach seine Lebensplanung. Ein bisschen loslassen, aber doch dabei zu bleiben in der großen Familie des FC Bayern – das ist jetzt sein Weg. Uli hat sich das genau überlegt. Ich kenne das, man wird älter. Es wird alles ein bisschen endlicher.

Stoiber: "Mit Herbert Hainer hat Uli Hoeneß den Richtigen gefunden"

Stimmt es, dass Sie Hoeneß von einer Fortsetzung seiner Tätigkeiten überzeugen wollten?
Ich habe mehrmals versucht, Uli umzustimmen. Man sieht ihm die Jahre kaum an, er ist immer noch voller Energie. Aber diese Entscheidung ist gereift. Uli lässt ja nicht ganz los. Es ist eine gute Idee, dass er im Aufsichtsrat bleibt. Intern wird er sich mit seiner Erfahrung weiter einbringen, natürlich immer im Konsens mit seinem designierten Nachfolger Herbert Hainer. Wenn die beiden mal unterschiedlicher Meinung wären, würden sie das unter vier Augen klären. Das wird eine gute Übergabe.

Man kann sich das ja kaum vorstellen: Hoeneß als ruhiges, zurückhaltendes Mitglied des Aufsichtsrats.
Ich habe keinen Zweifel daran, dass Uli das kann. Er wird immer mit dem Herzen dabei sein, sich aufregen und freuen. Er wird auch weiter seine Meinung sagen. Ich war ja auch Ministerpräsident und Parteivorsitzender. Aber ich habe meinen Nachfolgern nie öffentlich Ratschläge gegeben, was sie tun sollen. Hoeneß wird alles tun, um Hainer als Präsidenten zu unterstützen. Wenn Hainer ihn um Rat bittet, wird Uli da sein. Aber sonst wird er sich zurückhalten. Es ist übrigens eine grandiose Leistung, selbst für seine Nachfolge zu sorgen. Das gibt es in der Politik selten, ebenso in der Wirtschaft. Mit Hainer hat Uli den Richtigen gefunden.

Was macht Sie da sicher?
Vereine sind heutzutage in hohem Maße Wirtschaftsunternehmen. Wenn man als Fußballbegeisterter wie Hainer 15 Jahre ein DAX-Unternehmen geführt hat, Gewinn, Umsatz und Börsenwert von Adidas massiv gesteigert hat, ist diese Karriere eine exzellente Qualifikation. Hainer genießt hohen Respekt und Renommee. Er kann mit Menschen umgehen, nicht nur mit denen aus der Vorstandsetage, sondern auch mit Fans. Diese Entscheidung haben wir mit allen Mitgliedern im Verwaltungsbeirat einstimmig beschlossen. Hainer war der Wunschkandidat von Hoeneß.

Warum zieht sich Hoeneß nicht ganz zurück?
Der Aufsichtsrat hat gesagt: Die Sonderkonstellation in der Führungsetage des FC Bayern sind die ehemaligen großen Fußballer, erst Franz Beckenbauer, dann Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Das wollen wir beibehalten. Mit Hainer als künftigem Präsidenten und Oliver Kahn als Vorstandsvorsitzendem, einem der ganz Großen, ist diese Besonderheit weiter gegeben. Und Uli bleibt als "der Fußballer" im Aufsichtsrat. Er kann ganz anders beurteilen, wie eine Mannschaft tickt, was auf dem Platz passiert. Er kennt die jetzigen Spieler am besten.

Ist Hoeneß für Sie die wichtigste Figur in der Historie des FC Bayern?
Man muss Uli würdigen. In den fünfziger und sechziger Jahren war Bayern München noch eine Mittelklassemannschaft in der Oberliga Süd. Vereine wie der 1. FC Köln, Eintracht Frankfurt, der HSV, Schalke, oder auch Nürnberg und 1860 waren damals das Maß der Dinge. Das hat sich grundlegend geändert. Uli hat mit dem FC Bayern eine historische Leistung erbracht – gemeinsam mit Rummenigge und zuvor Beckenbauer. Diese drei Legenden machen den Mythos des Vereins aus – neben anderen Legenden wie Gerd Müller, Sepp Maier oder Paul Breitner. Dass der FC Bayern eine absolute Benchmark geworden ist, das populärste Aushängeschild von Bayern, ist ganz wesentlich das Verdienst von Uli Hoeneß. Wenn man irgendwo in Afrika, Südamerika oder Asien ist, und sagt, dass man aus Bayern kommt, dann sagt jeder Dritte: Ah, I know Bayern Munich! Das ist eine gewaltige Lebensleistung von Uli. Er war über fast 50 Jahre eine Konstante.

Aber auch stets eine streitbare Person.
Was ihn auszeichnet, ist die Emotionalität, die heute nicht mehr so selbstverständlich ist. In der Emotion eckst du manchmal auch an. Die Coolness, das Zurückhaltende – nicht die Sache von Uli. Er ist mit Leidenschaft dabei und deshalb die Seele des Vereins.

Stoiber: "Die Entwicklung des Freistaats und des Klubs verlaufen parallel"

Welche seiner Erfolge sind am wertvollsten?
Uli war ein grandioser Spieler, Weltmeister, hat mit Bayern alle Titel gewonnen. Ab 1979 war er der große Manager. Hoeneß hat die Manager-Funktion im Fußball definiert. Ich denke da immer auch an Roland Berger, mit dem man die Unternehmensberatung verbindet. Er ist quasi der Gründungsvater. Und man muss bei Uli natürlich auch den Bau der Allianz Arena nennen. Da musste er die Münchner und auch mich erst mal überzeugen. Aber letztlich hatte er Recht – die Arena zählt zu seinen größten Erfolgen, genauso wie die Entwicklung der Basketballer in den letzten Jahren zu einer internationalen Spitzenmannschaft. Dass es bald eine neue Halle für die Basketballer und Eishockeyspieler geben wird, den SAP Garden, ist ebenfalls Uli zu verdanken.

Davon profitieren auch München und das Land Bayern.
So ist es. Markus Söder ist ja sogar weiter gegangen als ich, er hat gesagt: Wenn es dem FC Bayern gut geht, geht es Bayern gut. Darauf kann nur ein Nürnberger kommen (lacht). Aber im Ernst: Als die Bundesrepublik 1949 gegründet wurde, war Bayern Tabellenletzter in Deutschland. Ein Land mit hoher Kultur, aber arm, ohne große Industrie. Es hat sich gedreht, heute ist Bayern die Nummer eins. Die Entwicklung des Freistaats Bayern und des FC Bayern verlaufen parallel. Der Klub hat heute fast 300.000 Mitglieder, einen Umsatz in Höhe von 750 Millionen Euro – damit spielen wir in Europa ganz vorne mit, zählen zu den fünf größten Klubs. Wir wollen Erster sein, international um die Champions League spielen. Das hat Uli immer gefordert. Dieser Anspruch wird bleiben. Und noch etwas.

Und zwar?
Uli hat sich als Präsident stets mit der Volksmeinung beschäftigt. Du musst als Führungspersönlichkeit spüren, was die Leute bewegt. Uli war immer ansprechbar, hat sich gekümmert, Sprechstunden gemacht und sich in die Lage der Fans versetzt. Er ist ein kommunikativer, herzlicher Mensch. Er verkörpert etwas, was nicht selbstverständlich ist für die Oberen: Er hat ein soziales Herz. Uli betrachtet die Gesellschaft in ihrer Gänze. Er weiß, unter welchen Umständen viele Fans leben, dass sie viel von ihrem Geld für den FC Bayern ausgeben. Uli besucht viele Veranstaltungen, hilft, ohne groß darüber zu sprechen.   

Wird Kahn diese emotionale Lücke füllen, die Hoeneß hinterlässt?
Ich traue Kahn zu, der emotionale Leader der Zukunft zu werden. Uli hat im kleinen Kreis schon vor Jahren gesagt, dass er sich Kahn als Manager vorstellen kann. Kahn ist der "Titan", bei den Bayern-Fans unumstritten, aber auch in der Fußballszene hoch anerkannt. An der Persönlichkeit Kahn hängen Erinnerungen einer ganzen Generation. Man wird immer an die vier Minuten in Hamburg 2001 denken, an die dramatischste Meisterschaft, die man sich vorstellen kann. Wie Kahn den geknickten Sammy Kuffour wieder aufbaute, wie er dann die Eckfahne herausriss – das wird man nie vergessen. Kahn ist FC Bayern pur. Wenn ein solcher Mann, der sich persönlich und ökonomisch derart erfolgreich fortentwickelt hat, zurückkommt, sagen die Fans natürlich: Passt!

Und Sie auch?
Ich kenne ihn lange und habe früher auch schon das eine oder andere Gespräch mit ihm geführt. Jetzt ist die Zeit da. Kahn ist 50, im besten Alter, er übernimmt einen Topverein. Wenn Rummenigge Ende 2021 aufhört, ist Kahn eine absolute Toplösung, ein großartiger Nachfolger. Der FC Bayern ist bestens auf die Zukunft vorbereitet.

Wird Hasan Salihamidzic dabei auch eine wichtige Rolle spielen – und demnächst zum Sportvorstand befördert?
Mit dieser Personalie wird sich der Vorstand und dann der Aufsichtsrat beschäftigen. Kahn und Salihamidzic kennen sich schon lange. Zwei große Fußballer, die zusammen die Champions League gewonnen haben. Das Werk ist geschaffen. Es liegt jetzt an der neuen Generation, die Arbeit fortzuführen.

Stoiber: "Niko Kovac wird sicher ein erfolgreicher Trainer bleiben"

Verstehen Sie die Kritik, die es an Salihamidzic immer wieder gibt?
Ich kann nur sagen, dass er im Aufsichtsrat wirklich eine gute Figur macht. Salihamidzic ist nah dran an den Spielern, das können der Präsident und der Vorstandschef gar nicht in dieser Form schaffen.

Ganz wichtig war Thomas Müller in den vergangenen Jahren für den Verein, er ist der letzte Ur-Bayer im Team. Muss er bleiben?
Er ist ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft, ein Eigengewächs, ein großartiger Fußballer. Müller hat wie alle großen Spieler Höhen und Tiefen in seiner Karriere erlebt, aber er ist natürlich die Identifikationsfigur des FC Bayern. Wir sind ein Klub mit einer internationalen Mannschaft, mit großen Repräsentanten aus Frankreich, Polen und Spanien. Gleichzeitig braucht es einen wie Müller, der für Bayern steht, der Bayerisch spricht. Die Leute verbinden Müller mit dem FC Bayern, er gehört zu unserem Verein. Und sportlich ist Thomas Müller immer noch in den besten Jahren, er gehört zur Grundausstattung des FC Bayern. Zu einem Wechsel im Winter hat Karl-Heinz Rummenigge ja schon das Notwendige gesagt: Müller hat einen Vertrag. Wir wollen ihn alle hier haben beim FC Bayern.

Niko Kovac ist hingegen nicht mehr beim FC Bayern. Wie bewerten Sie die Arbeit des Ex-Trainers?
Niko Kovac hat das Double geholt. Er war ein erfolgreicher Trainer. Und er wird sicherlich ein erfolgreicher und kommunikationsstarker Trainer bleiben.

Stoiber: "Die überwältigende Mehrheit weiß, was Uli geleistet hat"

Was macht Sie optimistisch, dass die Mannschaft nun unter Interimscoach Hansi Flick gegen Dortmund die sportliche Wende in der Bundesliga schafft?
Zum Beispiel die kämpferischen und selbstkritischen Worte von Joshua Kimmich nach der Trennung des FC Bayern von Kovac. Die Spieler empfinden die Situation als nicht Bayern-like. Jeder weiß, was jetzt auf dem Spiel steht.

Und dann steht Uli Hoeneß am 15. November im Mittelpunkt. Was für einen Abend erwarten Sie?
Die überwältigende Mehrheit der Fans weiß und spürt, was Uli geleistet hat. 1970 das erste Spiel als Profi, ab 1979 Manager, dann Präsident – das honorieren die Leute. Da wird eine tiefe Dankbarkeit und Respekt zu spüren sein. Ein großer Bahnhof. Und das muss auch so sein.

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