Ex-Bayern-Profi im Interview Stefan Effenberg: "Thomas Müller spielt auf Bewährung"

, aktualisiert am 21.08.2018 - 10:45 Uhr
"Er hat diese Unantastbarkeit verloren, steht unter Beobachtung", sagt Stefan Effenberg (links) über Thomas Müller. Foto: GES, firo/Augenklick

Stefan Effenberg sagt im AZ-Interview über Nationalspieler Thomas Müller: "Er hat diese Unantastbarkeit verloren." Und er spricht über Typen und Transfers.

München - Stefan Effenberg, der ehemalige Kapitän des FC Bayern ist neuer Experte im "CHECK24 Doppelpass" auf "Sport1". Das nächste Mal ist der 50-Jährige am Sonntag (live ab 11 Uhr) zu sehen.

AZ: Herr Effenberg, beim Supercup (5:0) sah der FC Bayern souverän aus, im Pokal (1:0) weniger. Wo stehen die Bayern vor dem Ligastart?
STEFAN EFFENBERG: Beim Supercup hat man gesehen, dass sie unglaublich gut drauf sind. Das Pokalspiel war eben ein Pokalspiel. Da musst du dir einfach den Mund abwischen und nach vorne schauen. Die Bayern wissen, dass sie gegen Hoffenheim mit Sicherheit mehr Gas geben müssen. Aber das werden sie tun und die richtige Antwort geben.

Sehen Sie in der Liga einen ernsthaften Herausforderer?
Die Dortmunder werden wieder etwas näher heranrücken, aber Bayern nicht gefährden. Über 34 Spieltage sehe ich weit und breit keinen Gegner für Bayern München.

Effenberg: Deshalb wird der Abstand zu Bayern größer

Das würde bedeuten, dass Bayern zum siebten Mal in Folge Meister würde.
Das ist ein klares Zeichen der Bayern, dass sie sehr gut arbeiten, wirtschaften und auch ihr Geld gut einsetzen. Die anderen Teams sind nicht in der Lage, ihre Spieler zu halten. Dortmund ist da mit Lewandowski, Hummels und Götze ein gutes Beispiel. Andere Klubs müssen immer wieder mit Abgängen leben, die wehtun. Wenn zum Beispiel die Klubs in der Premier League das Portemonnaie aufmachen, hat man keine Gegenargumente – bis auf Bayern. Mannschaften wie Schalke schwächt das enorm, wenn jetzt schon an die Talente herangegangen wird, wie bei Thilo Kehrer, der für 37 Millionen nach Paris geht, und Leroy Sané, den sie an ManCity abgeben mussten. Auch deshalb wird der Abstand zu Bayern in Zukunft wohl noch größer.

Karl-Heinz Rummenigge hat angekündigt, in der Champions League wieder angreifen zu wollen. Ist das realistisch?
Die Bayern greifen jedes Jahr nach der Champions League. Das muss und kann ja auch nur das Ziel sein. Dafür müssen aber viele Faktoren stimmen. In der vergangenen Saison, wo es im Halbfinale gegen Real Madrid durchaus knapp war, war das nicht der Fall. Wenn zwei, drei Leistungsträger nicht bei hundert Prozent sind – dazu gehörte zum Beispiel Robert Lewandowski – dann wird es auf dem Niveau halt eng. Bayern gehört für mich auch jetzt wieder zu den Titelkandidaten, aber nicht zu den absoluten Topfavoriten.

Effenberg: Schmerzgrenze bei den Gehaltszahlungen

Auch wegen der zurückhaltenden Transferstrategie? Uli Hoeneß sagte, Geld für mögliche Groß-Transfers im nächsten Jahr sammeln zu wollen.
Dann hat er sehr wohl Vertrauen und Überzeugung in die aktuelle Mannschaft. Das ist aber auch ein Zeichen an die Öffentlichkeit: "Hey, auch wir sind in der Lage, mal über 100 Millionen für einen Spieler auszugeben." Die Frage ist nur, ob dieser Spieler, der dann außergewöhnlich sein muss, auch zum FC Bayern kommt. Was Gehaltszahlungen angeht, gibt es beim FC Bayern eine Schmerzgrenze. Die wirst du dann kippen müssen. Und dann hast du viele, viele Spieler, die auch in diese Richtung gehen wollen. Das ist ein schmaler Grat.

Arturo Vidal wurde an den FC Barcelona abgegeben, Sebastian Rudy steht kurz vor einem Wechsel. Die richtigen Maßnahmen, um das Überangebot im Mittelfeld zu managen?
Das zeigt, auf welches System Niko Kovac setzen wird: ein 4-1-4-1. Da brauchst du eben nur einen Sechser. Dort sind die Bayern mit Martínez oder auch Tolisso sehr gut aufgestellt. Ich würde Rudy allerdings trotzdem nicht abgeben.

Effenberg: Gespannt, wie Kovac das macht

Wie würde für Sie die Bestbesetzung im zentralen offensiven Mittelfeld aussehen?
Ich vertraue Niko Kovac, dass er da die richtigen Entscheidungen trifft, Alternativen und Qualität hat er zur Genüge. Da bin ich auch selber gespannt.

Es wird Härtefälle geben.
Da müssen die Jungs durch, wenn sie bei Bayern spielen. Bis auf zwei, drei Spieler, die unantastbar sind, müssen die anderen alles dafür tun, um zum Stamm zu gehören. Es wird auch spannend, wie Kovac den Umbruch mit Robben und Ribéry machen wird. Da wird es schon in naher Zukunft harte Entscheidungen geben.

Wird auch Thomas Müller um seinen Platz kämpfen müssen?
Er wird nicht mehr gesetzt sein. Ob es bei der EM, jetzt bei der WM oder auch bei Bayern München war: Er hat diese Unantastbarkeit verloren. Und damit auch ein bisschen seine Unbekümmertheit. Man merkt, dass er viel nachdenkt und das hemmt ihn, weil er eigentlich durch und durch ein Instinktfußballer ist. Er weiß, dass auch er jetzt auf Bewährung spielt und unter besonderer Beobachtung steht. Das, was jetzt kommt, ist der nächste und entscheidende Schritt seiner Karriere.

Effenberg: Salihamidzic hat sich freigeschwommen

Auch Jérôme Boateng dürfte Bayern noch verlassen. Nach Vidal würde die Mannschaft in ihm einen ihrer letzten echten Typen verlieren, oder?
Du hast nach wie vor noch den ein oder anderen. Von Manuel Neuer erwarte ich das, von Mats Hummels, von Javi Martínez jetzt auch. Aber es sind natürlich alles unterschiedliche Charaktere und Typen. Für diese Entscheidungen stehen die Verantwortlichen und müssen dann damit leben. Rein sportlich beurteilt, das habe ich auch im Doppelpass gesagt, würde ich Boateng nicht abgeben. Wenn du die Champions League gewinnen willst, darfst du das nicht tun. Das kann ja keine sportlichen Gründe haben.

Wie gefällt Ihnen Kovac bislang, trauen Sie ihm zu, das schwere Erbe von Jupp Heynckes erfolgreich auszufüllen?
So schwer ist das Erbe ja gar nicht, wenn man die letzte Saison sieht. Da wurde die Meisterschaft gewonnen, und das ist doch sehr wohl zu toppen. Kovac wird sehr gut mit den Spielern auskommen, weil er authentisch ist – und damit wird er erfolgreich sein.

Wie beurteilen Sie Ihren Ex-Teamkollegen Hasan Salihamidzic als Sportdirektor?
Er musste sich erst ein wenig freischwimmen. Das hat er, wie er sagt, jetzt getan. Wichtig ist, dass er lernt, gewisse Dinge auch alleine zu machen, und nicht immer nur so, dass man den Eindruck hat, dass er vorgeschoben wird und vorm Spiel oder danach Interviews geben muss. Er muss das auch frei machen, nicht immer nur das, was man ihm sagt, um zu lernen, alleine Entscheidungen zu treffen.

 

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