Nach Scholl-Kritik an Guardiola Entfesselt Ancelotti die Bayern aus dem Pep-Zwang?

ARD-Experte Mehmet Scholl (kleines Bild) kritisierte Ancelotti-Vorgänger Pep Guardiola. Foto: dpa

„Die Bayern haben Spaß, Ancelotti hat die Spieler frei gelassen. Sie haben die Pep-Fesseln abgestreift“, sagt Experte Scholl. Die Debatte: Hat Scholl Recht? Was ändert sich bei Bayern? Was sagen die Profis?

 

Hitzefrei. War auch notwendig. Von Samstagmittag bis Montagnachmittag, um 16.30 Uhr, wenn Carlo Ancelotti zur nächsten Einheit bittet, durften die Bayern-Profis in den Schatten. Wen hat der Coach dann überhaupt zur Verfügung?

Nur eine Handvoll fitter Spieler plus die Rekonvaleszenten Arjen Robben, Douglas Costa, Jérôme Boateng (sollen bis zum nächsten Bayern-Spiel am 9. September beim FC Schalke wieder einsatzfähig sein), Kingsley Coman (Mitte/Ende September wieder fit) und Holger Badstuber und (Comeback-Zeitpunkt ungewiss). All die Nationalspieler sind mit und zu ihren Verbänden unterwegs.

Paradigmen-Wechsel erkennbar

„The break“ wie Ancelotti die Länderspielpause nennt, kann der Italiener also kaum nutzen. Sieben Wochen ist der 57-Jährige nun im Amt – und hat die sportliche Welt des FC Bayern auf den Kopf gestellt. Möchte man meinen. Nicht, weil am Freitagabend beim Saison-Eröffnungsspiel der hoffnungslos unterlegene Gegner Werder Bremen mit 6:0 auseinandergenommen wurde – nein. Weil er, der „keine Revolution“ anzetteln wollte in Sachen Spielsystem und Taktik, eben doch völlig konträr zu seinem Vorgänger Pep Guardiola arbeitet.

Für ARD-Experte und Ex-Bayern-Star Mehmet Scholl war bereits im dritten Pflichtspiel der Paradigmen-Wechsel überdeutlich zu erkennen: „Die Bayern haben Spaß, Ancelotti hat die Spieler frei gelassen. Sie haben die Pep-Fesseln abgestreift.“ Raus aus den taktischen Zwängen? Neue Freiheit(en) für Ribéry & Co. – oder wurden sie einfach nur (auf den Gegner) losgelassen? Viele Fragen, einige Antworten.

Warum hat Scholl derart gegen Pep ausgeteilt? Der 45-Jährige spricht die Dinge, die er sieht und die ihm auffallen, deutlich an. Bei der EM in Frankreich hatte er DFB-Chefscout Urs Siegenthaler („Er soll seinen Job machen – und morgens liegenbleiben“) attackiert, sich danach entschuldigt: „Ich hatte Gehirn-Schluckauf.“ In Scholl, früher Coach der zweiten Mannschaft des FC Bayern und seit der EM 2008 für die ARD am Mikrofon, steckt immer noch ein Trainer – mit Leib und Seele. Und mit Herz, das er auf der Zunge trägt. Sein Draht in den Verein ist nach wie vor eng, vor allem zum künftigen Wieder-Präsidenten Uli Hoeneß. Ob man sich da mal über Guardiola und Ancelotti ausgetauscht hat?

Wie anders lässt Ancelotti tatsächlich spielen? Unter Guardiola standen Ballbesitz und ständige Dominanz im Vordergrund. Der Gegner sollte am eigenen Strafraum zu Fehlern gezwungen werden. Ancelotti möchte, dass sich seine Mannschaft auch mal fallen lässt – und sich dabei etwas erholen kann. Wenn der Gegner aufmacht und in der Vorwärtsbewegung Fehler, stoßen die Bayern in die Räume. Schnelle Konter – ein ganz neues (Fußball-)Gefühl. All das, so Sky-Experte und Ex-Bayern-Spieler Didi Hamann, würde zu „mehr Möglichkeiten, mehr Optionen“ führen. Die Zeiten seien vorbei, in denen die Bayern 70 bis 75 Prozent Ballbesitz hätten.

Was sagt Ancelotti selbst? Vor der Partie wurde der Trainer gefragt, wie viel Ancelotti denn bereits in diesen Bayern stecke? Antwort: „100 Prozent Ancelotti. Die Verantwortung für das Team liegt bei mir.“ Auf die Scholl-Aussagen wurde er (noch) nicht angesprochen. Nach dem 6:0 meinte er lediglich, dass „wir die Partie komplett dominiert und kontrolliert haben. Alles war okay.“

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Wie finden die Spieler ihre neuen Freiheiten? „Unser Spiel war dominant, ohne große Schwächen“, sagte Thomas Müller, „es läuft sehr gut. Der Trainer macht das beeindruckend. Wir haben Spaß zusammen!“ Spaß – ein zentrales Wort. Neuzugang Mats Hummels meinte: „Es stimmt, wir haben Freiheiten auf dem Platz und neben dem Platz. Man kann es mit dieser Mannschaft machen, weil die Eigenmotivation extrem ausgeprägt ist, immer Leistung zu bringen.“

Auch das Zwischenmenschliche ist top. Lebemann Ancelotti hatte Kapitän Philipp Lahm für einen seiner seltenen Treffer (14 in 360 Bundesliga-Spielen) eine Flasche Champagner versprochen. „Bis zum nächsten Wochenende erwarte ich die Flasche in meinem Spind“, sagte Lahm und grinste.

Pep hätte wohl eher ein isotonisches Elektrolytgetränk versprochen

 

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