Bosse sprechen Klartext FC Bayern: Warum der Sieg bei Piräus ein weiterer Rückschritt ist

, aktualisiert am 24.10.2019 - 22:25 Uhr
Verzweiflung und Ratlosigkeit: Die Gesichter der Bayern-Stars Thomas Müller, Manuel Neuer, Robert Lewandowski und Philippe Coutinho (v.l.) nach dem Zittersieg bei Olympiakos Piräus sprechen Bände. Foto: firo/Augenklick, AZ-Montage

Das 3:2 in Piräus offenbart die Schwächen des FC Bayern schonungslos. "Alles muss besser werden", fordert Sportdirektor Hasan Salihamidzic. "Diese Leistung wird uns keine großen Erfolge bescheren", sagt Vorstands-Boss Karl-Heinz Rummenigge.

 

München/Piräus - Sie haben gewonnen. Sie haben die Negativserie von zwei Partien ohne Erfolg beendet, haben die Ausdehnung der Krise vorerst abgewendet. Sie haben sogar eine neue Bestmarke aufgestellt. Durch das 3:2 bei Olympiakos Piräus blieb der FC Bayern im elften Auswärtsspiel in der Champions League hintereinander ungeschlagen – neuer Vereinsrekord. Man steht nach drei Erfolgen beinahe schon im Achtelfinale der Königsklasse. Alles schön und gut. Aber das Spiel, das Spielerische? Stückwerk. Kein Fortschritt, eher ein weiterer Rückschritt.

Die Blicke, die Mienen der Beteiligten sprachen Bände. Der FC Bayern hatte gegen Piräus gerade mit 3:2 gewonnen. Die Offensive lebt beinahe alleine von Robert Lewandowski und seiner unmenschlichen Quote: Nun steht die Lebensversicherung mit der Nummer neun bei 18 Treffern in 13 Pflichtspielen.

Bayern-Abwehr: Wieder zwei Gegentore

Die Defensive agiert nach dem Motto: Nimm' zwei. Die sogenannte Abwehr zeigte sich erneut anfällig und desorientiert, zudem wird sie mehr und mehr dezimiert. 80-Millionen-Euro-Zugang Lucas Hernández wird wegen einer Bänderverletzung wohl bis zum Ende der Hinrunde ausfallen. Der nächste Schock nach dem Kreuzbandriss samt Meniskus-Schaden von Abwehrchef Niklas Süle, der die Saison abhaken kann. Läuft nicht bei Bayern. Sie humpeln eher durch den Herbst.

Blamieren und kassieren. Im fünften Match hintereinander kassierte der FC Bayern zwei Gegentreffer. Die für Torhüter Manuel Neuer bedrückende Liste: 3:2 in Paderborn, 7:2 bei Tottenham, 1:2 gegen Hoffenheim, 2:2 in Augsburg und nun das 3:2 in Piräus. Letztmals zu Null - die Älteren werden sich erinnern - spielten die Münchner am 21. September beim 4:0 gegen Köln.

Bayern-Bosse sprechen Klartext

Wenigstens, und das war der Pluspunkt der Nacht von Athen, sprachen die Bosse angesichts der jüngsten Leistungen Klartext. Sportdirektor Hasan Salihamidzic sagte unter den frischen Eindrücken des Zittersieges: "Man wird verrückt, wenn man solche Spiele sieht. Wir haben keine Kontrolle. Alles muss besser werden. Es ist schon seit einigen Spielen so." Ausgeruhter klangen die Worte von Karl-Heinz Rummenigge, der mit etwas Abstand während seiner Bankettrede im Mannschaftshotel "Grand Hyatt" um 1.45 Uhr das Wort ergriff. "Wir spielen zu sorglos, und das wird irgendwann zu Problemen führen. Ich glaube nicht, dass die Leistung, die wir hier gebracht haben, uns in diesem Jahr große Erfolge bescheren wird – wenn wir nicht die Kurve kriegen", so Rummenigge. Salihamidzic, der später unentwegt auf Rummenigge einredete, saß an seiner Seite.

Ihnen gegenüber Präsident Uli Hoeneß, der diesmal gegenüber den Medien schweigsam blieb, und Trainer Niko Kovac. Mit versteinertem Gesicht und leicht gelockerter Krawatte - womöglich wegen eines dicken Halses - lauschte er von Angesicht zu Angesicht Rummenigges Worten. Der sprach mit Blick auf die Aufgabe am Samstag gegen den frechen und sicher keck aufspielenden Aufsteiger Union Berlin: "Ich möchte daran erinnern, dass wir in den letzten Spielen speziell gegen Gegner aus dem unteren Tabellendrittel wichtige Punkte gelassen haben. Wir haben mit Union wieder eine Mannschaft, die auch darum kämpfen wird, dass sie in diesem Jahr nicht absteigt. Ich möchte jeden dazu aufrufen, dass wir mit höchster Konzentration, aber auch Motivation am Samstag auf den Platz gehen, damit wir die drei Punkte holen."

Rangnick ist Kovacs Schattentrainer

Klare Ansage. Kovac verzog keine Miene. Er fiel mit den VIPs und Sponsoren in den Applaus ein – was sollte er auch tun, wenn der Chef spricht und von einem "Marathonlauf mit Hürden, den wir auf dem Platz erlebt haben" sprach? Wann reißt Kovac, der auch im zweiten Jahr auf Bewährung arbeitet, die Hürde? Laut "Sport Bild" wäre Ralf Rangnick ein Kandidat als Nachfolger. Schon vor dem Pokalfinale wurde Leipzigs früherer Trainer und Sportdirektor, aktuell "Head of Sport and Development Soccer" im Red-Bull-Kosmos, Bayern angeboten. Damals stärkte Hoeneß Kovac den Rücken. Ob Kovac will oder nicht: Bis zu einem Dementi ist Rangnick nun Kovacs Schattentrainer.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, dass Piräus der amtierende griechische Meister ist. Meister 2019 war jedoch PAOK. Wir haben den Fehler korrigiert. 

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