AZ-Interview Marcel Reif: "Gnabry macht Situation für Müller noch komplizierter"

TV-Experte Marcel Reif spricht im AZ-Interview über die aktuelle Situation von Thomas Müller beim FC Bayern München. Foto: picture alliance/dpa

TV-Experte Marcel Reif spricht im AZ-Interview über den Konkurrenzkampf beim FC Bayern, die Probleme der deutschen Nationalelf und Niko Kovac: "Er hat nicht das Standing eines van Gaal oder Guardiola".

 

AZ: Herr Reif, die deutsche Nationalmannschaft hat in den Spielen gegen Argentinien und Estland nur phasenweise überzeugt. Wie stark ist das Team aktuell einzuschätzen?
MARCEL REIF: Aus beiden Spielen kann ich nicht wirklich etwas nachhaltig Gültiges lesen. Es ist immer ein: Ja, aber. Wenn man die verletzungsbedingten Ausfälle berücksichtigt und die Entwicklung einzelner Spieler, ist das allerdings auch normal.

Zum absoluten Favoritenkreis auf den EM-Sieg 2020 dürfte die DFB-Elf nicht zählen.
Das wäre eine abenteuerliche Sichtweise. Andere Teams sind talentierter, erfahrener und besser eingespielt. Man muss sich generell überlegen, wie lange man dieser Mannschaft Zeit für ihre Entwicklung geben will: Bis zur EM 2020? Bis zur WM 2022 in Katar?

Reif: Deutschland kein EM-Faforit 

Man kann sich aber auch die Frage stellen, ob Deutschland überhaupt genügend international wettbewerbsfähige Talente hat – speziell im hinteren Bereich.

Ist die Defensive zu schwach aus Ihrer Sicht?
Bei allen Spielern, die da gerade zum Einsatz kommen, muss man sich das fragen im internationalen Vergleich. Auch bei einem Niklas Süle. Der entwickelt sich prima, ist aber ganz sicher noch nicht so weit, um eine Abwehr zusammenzuhalten. Er allein kann das auch nicht schaffen. Und dann sagen Sie mir mal, wer sonst in der Innenverteidigung oder Außenverteidigung internationale Klasse verkörpert oder voraussichtlich auf dem Weg dahin ist.

Schwer zu beantworten. Wäre es dann nicht klug, Joshua Kimmich wieder als Rechtsverteidiger aufzubieten?
Kimmich kann beide Positionen spielen, deshalb ist er so wertvoll. Über den mache ich mir keine Sorgen. Man müsste im defensiven Mittelfeld aber zunächst andere Spieler haben, die genauso stabil auftreten wie er. Erst dann könnte man darüber nachdenken, ihn rechts hinten spielen zu lassen.

Reif: Deutschland kein EM-Faforit 

Neben Kimmich ist auch Serge Gnabry inzwischen unverzichtbar für die Nationalelf geworden. Wie sehen Sie seine Entwicklung?
Da wächst einer heran – Gott sei Dank hat die deutsche Mannschaft ihn! Gnabry ist schon jetzt auf einem sehr hohen Level. Sein Stellenwert ist enorm. Heute sagt man dazu oft: Unterschiedsspieler. Wenn Gnabry dabei ist, befindet sich die Mannschaft in einem anderen Aggregatzustand.

Weniger gut läuft es für Thomas Müller, der im DFB-Team keine Rolle mehr spielt und bei Bayern fünf Pflichtspiele in Folge auf der Bank saß. Wie gefährlich ist die Unzufriedenheit von Müller und auch Javi Martínez für die Münchner?
Martínez wird in Kürze wieder spielen – so wie in der vergangenen Saison. Auch da brauchte es Stabilität im defensiven Mittelfeld. Wenn der fit ist, wird er in die Startelf rücken, da bin ich sicher. Müller hingegen kann sich ausrechnen, dass er auch in den kommenden Wochen nicht beginnen wird. Müller weiß, dass Philippe Coutinho spielen muss, aus vielerlei Gründen. Und wenn Coutinho gut spielt, ist für Müller kein Platz in dieser Mannschaft von Anfang an. Es sei denn, Niko Kovac fängt wieder an zu rotieren. Aber der will eher, dass sich Coutinho und die Offensive einspielen. Deshalb wird das Thema Müller den FC Bayern noch massiv beschäftigen. Müller hat eigentlich nur dann eine Chance, wenn es eine Verletzungsmisere gibt. Auch für Kovac ist das eine schwierige Situation. Er ist immer noch ein junger Trainer, der nicht das Standing hat, welches ein Louis van Gaal oder Pep Guardiola bei Bayern qua Erfahrung oder Erfolgen hatten.

Thomas Müller unverzichtbar für Klub 

Gab es deshalb auch den öffentlichen Rüffel von Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge für Kovac nach der „Not-am-Mann“-Aussage über Müller?
Auf diesem sensiblen Terrain muss man natürlich vorsichtig sein mit öffentlichen Äußerungen. Auch wenn ich glaube, dass Kovac den Satz anders gemeint und ihn nur auf das Spiel gegen Hoffenheim bezogen hat. Die Aussage von Rummenigge war dann aber von wunderbarer Offenheit. Er hat nämlich gesagt, dass Müller unverzichtbar für diesen Klub ist. Er hat nicht gesagt, dass Müller unverzichtbar für diese Mannschaft ist. Und das ist die Wahrheit. Nächsten Samstag in Augsburg wird Coutinho auf der Zehnerposition spielen.

Wirkt das Gebilde Bayern stabil?
Nein, das kann auch noch nicht sein. Es ist ähnlich wie bei der Nationalmannschaft. Man weiß nicht genau, was sie wirklich können. Für Bayern geht die Saison ja auch erst im Frühjahr richtig los.

Dann wird es vor allem auf die Form von Robert Lewandowski ankommen. Sind die Bayern so abhängig wie nie von ihm?
Ich war auch einer derjenigen, der immer wieder gesagt hat, dass Bayern keinen Ersatz für Lewandowski hat.

"Gnabry macht die Situation für Müller sogar noch komplizierter"

Dabei wissen wir jetzt, dass es den sehr wohl gibt: Serge Gnabry. Ich hätte nicht gedacht, dass er so flexibel und beweglich ist. Aber in der Nationalmannschaft hat er genau das als Sturmspitze bewiesen.

Für Müller, den bislang ersten Lewandowski-Vertreter, werden die Perspektiven dadurch nicht besser.
Im Gegenteil. Gnabry macht die Situation für Müller sogar noch komplizierter. Denn wenn Gnabry mal im Sturmzentrum gebraucht wird, rückt Ivan Perisic auf seine Außenposition. Mir tut das weh für Müller, weil ich weiß, was er kann. Und er hat ja auch super gespielt, wenn er in dieser Saison im Verlauf des Spiels rein durfte. Aber seine Lage beim FC Bayern ist ganz schwierig.

 

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