AZ-Interview Bayern-Gegner Funkel: Das ist mein letzter großer Traum

Heute bei Düsseldorf, einst bei den Löwen: Friedhelm Funkel Foto: dpa

Friedhelm Funkel, seit 2016 Trainer von Bayern-Gegner Fortuna Düsseldorf, spricht in der AZ über seine Zukunft und den Hoeneß-Abschied. "Eine so große Persönlichkeit hat der deutsche Fußball nicht mehr".

 

AZ: Servus, Herr Funkel! Oder darf man Sie so überhaupt nicht mehr begrüßen?
Friedhelm Funkel: Doch, natürlich dürfen Sie das. Ich hatte ja eine gute Zeit in München. Aufregend, hektisch – aber auch schön und amüsant. (lacht)

In der Saison 2013/14 waren Sie von September bis April Trainer des TSV 1860. Warum ging es nicht länger?
Das hatte mehrere Gründe, der Verein ist schon damals nie so richtig zur Ruhe gekommen. Ich habe aber gerne für die Löwen gearbeitet, da blicke ich überhaupt nicht mit schlechten Erinnerungen zurück. Sechzig ist ein toller Traditionsverein.

Bei dem es heute noch immer sehr kompliziert zugeht.
Das wird sich so schnell auch nicht ändern. In meiner gesamten Zeit bei 1860 habe ich den Herrn Ismaik nie zu Gesicht bekommen. Mit der Mannschaft und den Leuten im Verein war die Zusammenarbeit gut, aber die durften ja alle überhaupt nichts entscheiden. Deshalb war es sehr schwierig – und der Gang in die Vierte Liga vorgezeichnet. Jetzt ist auch noch Daniel Bierofka zurückgetreten. Es kommt einfach keine Kontinuität rein. Das ist schade für den Verein und die tollen Fans. Auch bei anderen Traditionsvereinen wie Kaiserslautern oder Uerdingen ist es ähnlich. Wo Kontinuität herrscht, da ist auch Erfolg. Irgendwann wird man das vielleicht verstehen. Dann geht es auch bei den Löwen wieder aufwärts.

Funkel über Thomas Müller: "Ein sensationell guter Spieler"

Kommen wir zum FC Bayern, auf den Sie am Samstag mit Düsseldorf treffen. Im Oktober haben Sie das Defensivverhalten der Münchner kritisch angesprochen, nun hat das Team unter Hansi Flick zweimal zu Null gespielt. Was hat sich verbessert?
Flick hat die richtigen Maßnahmen ergriffen, um die Bayern zu stabilisieren. Ich habe meine Aussagen auch gar nicht so kritisch gemeint, sondern einen Vergleich zur Triple-Saison 2012/13 gezogen. Erst als Arjen Robben und Franck Ribéry unter Jupp Heynckes richtig nach hinten gearbeitet haben, hatte Bayern sensationellen Erfolg. Das muss man in der heutigen Zeit einfach tun, das Gleichgewicht zwischen Offensive und Defensive ist in jeder Mannschaft der Welt von größter Bedeutung. Und das war bei Bayern in den vergangenen Monaten eben nicht immer gegeben. Bayern hat viele Gegentore bekommen, das war unüblich. Jetzt kriegt die Mannschaft es aber wieder hin – und das erschwert uns die Aufgabe am Samstag ungemein.

Dass Thomas Müller wieder in Topform ist und unter Flick gesetzt, dürfte es für die Fortuna ebenfalls nicht leichter machen.
Thomas ist ein wahnsinnig emotionaler und bedeutender Spieler für den FC Bayern. Trotzdem kann auch er nicht jedes Spiel machen. Jetzt sitzen Thiago und Coutinho auf der Bank. Wer bei Bayern nicht spielt, ist Thema. Wenn man 17 oder 18 Weltklassespieler hat, bleibt das nicht aus. Kein Trainer der Welt kann das verhindern. Thomas ist natürlich eine Identifikationsfigur, er erzielt regelmäßig Tore und hat schon über 100 Vorlagen in der Bundesliga geliefert. Ein sensationell guter Spieler.

Der unter Ex-Coach Niko Kovac aber oft nur zweite Wahl war. Wie haben Sie die Trennung aus der Ferne wahrgenommen?
Niko ist viel zu häufig zu Unrecht kritisiert worden. Er ist noch ein junger Trainer, der im ersten Jahr das Double geholt hat. In der Champions League ist er gegen Liverpool ausgeschieden – im Achtelfinale. Das war mit Sicherheit keine Blamage, aber es ist öffentlich so dargestellt worden. Man hat vieles an Niko festgemacht, dabei war die Mannschaft ja auch in der Pflicht und hat es nicht hinbekommen. Das war nicht gerecht. Niko hat sich öffentlich stets hervorragend verhalten. Ich habe bewundert, wie ruhig er geblieben ist. Das war außergewöhnlich gut.

Kovac-Nachfolger Flick darf bei Bayern bis zum Winter bleiben, vielleicht bis zum Saisonende. Ihr Vertrag läuft im Sommer aus – hängen Sie noch ein Jahr in Düsseldorf dran?
Wir haben bislang ein ganz loses Gespräch geführt. Ob ich wirklich weitermache, wird man sehen. Es wird weitere Gespräche geben und dann schauen wir, ob wir gemeinschaftlich in die neue Saison gehen.

Funkels Traum: Mit Fortuna Düsseldorf Pokalsieger werden

Sie haben gesagt, dass Fortuna Ihr letzter Trainerjob in Deutschland sein wird. Haben Sie noch einen großen Traum, wollen Sie vielleicht Nationaltrainer werden?
Nein. Fortuna ist mein letzter Verein – und ich werde auch kein Nationaltrainer. Einen Traum habe ich allerdings noch.

Und zwar?
Mit der Fortuna nach Berlin zu kommen und Pokalsieger zu werden! Ob wir das schaffen, weiß ich nicht, aber es ist mein Traum. Es kommt natürlich auf verschiedene Faktoren an, auf die Gegner. Ich weiß, wie schwer das wird. Aber es sind auch nur noch drei Siege bis nach Berlin. Träumen darf man ja.

Eintracht Frankfurt hat es vor zwei Jahren auch keiner zugetraut.
So ist es.

Was haben Sie nach Ihrer Karriere geplant?
Ich werde dem Fußball mit Sicherheit erhalten bleiben. Die Funktion kann ich Ihnen noch nicht sagen, ob es bei der Fortuna sein wird, bei einem anderen Verein oder vielleicht als Experte im Fernsehen.

Friedhelm Funkel: "Der FC Bayern hat nie eine Rolle für mich gespielt"

Wenn Sie zurückblicken: Gab es einen Klub, der Sie gereizt hat in der Vergangenheit?
Borussia Mönchengladbach. Wir waren uns auch schon mal einig, im Jahr 1999. Da war ich aber noch Trainer beim MSV Duisburg und habe keine Freigabe bekommen. Also bin ich geblieben. Aber Gladbach hätte ich gerne gemacht – zusammen mit dem damaligen Manager Christian Hochstätter. Es hat nicht sollen sein.

Haben Sie auch mal vom FC Bayern geträumt?
Nein, man muss immer realistisch bleiben. Das hat nie eine Rolle gespielt. Ich bin mit dem, was ich erreicht habe, sehr zufrieden. Ich habe mehr als 500 Bundesliga-Spiele als Trainer, mehr als 1300 Spiele als Trainer und Spieler in der 1. und 2. Liga. Ich habe viele Traditionsvereine trainieren dürfen – es war eine tolle Zeit.

Die hatte zweifellos auch Uli Hoeneß beim FC Bayern. Nun hat er sich als Präsident verabschiedet. Was wird fehlen ohne Hoeneß?
Dem Fußball geht sehr viel verloren. Uli Hoeneß hat nicht nur über 40 Jahre den FC Bayern geprägt, sondern den gesamten deutschen Fußball. Mit seiner klaren Meinung – manchmal aufgeregt, manchmal unaufgeregt. Ich war immer ein Fan von ihm, weil er so viel erreicht hat. Er hat den FC Bayern mit Mitstreitern wie Franz Beckenbauer und Karl-Heinz Rummenigge zu dem gemacht, was der Klub heute ist: ein Weltverein. Der Baumeister des FC Bayern ist ganz klar Uli Hoeneß. Ich habe ihm immer gern zugehört, wir haben auch das eine oder andere nette Gespräch gehabt. Uli Hoeneß wird dem deutschen Fußball sehr fehlen – und vor allem dem FC Bayern.

Weil er sich getraut hat, seine Meinung klar zu äußern?
Hoeneß ist für seine Aussagen gerade gestanden. Ich fand das immer gut. Manchmal hat er übers Ziel hinaus geschossen, aber bewusst – um Spieler und den Verein zu schützen. Man muss heute natürlich mehr aufpassen, was man sagt. Sonst wird man schnell in eine Ecke gedrängt, in den sozialen Netzwerken beleidigt und bedroht. Hoeneß hat das nie gestört. Eine so große Persönlichkeit wie Hoeneß hat der deutsche Fußball momentan nicht mehr.

Gibt es etwas, was Sie am heutigen Fußballgeschäft besonders stört?
Man muss zunächst sagen, dass es viele positive Entwicklungen im Vergleich zu meiner Anfangszeit gibt. Die Trainerausbildung ist deutlich besser geworden, die Trainingsmethoden, die Spezialisten, die dazugekommen sind bei den Klubs, helfen enorm. Das ist mit früher überhaupt nicht zu vergleichen. Was mich einfach stört, ist, dass heute vieles zu schnell geht, dass man immer weniger Vertrauen in die Trainer hat, dass öffentlich Unwahrheiten verbreitet werden. Und generell in der Gesellschaft natürlich die sozialen Medien, in denen man Menschen anonym angreifen kann. Das ist feige, damit kann ich überhaupt nichts anfangen.

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