Autorin Fadumo Korn berichtet Alltagsrassismus: So übel ist es in München

"Ich werde nicht freiwillig das Feld räumen", sagt Fadumo Korn kämpferisch. Foto: Walter Korn

Die somalische Autorin Fadumo Korn lebt seit 1979 in München und wird wegen ihrer Hautfarbe immer wieder diskriminiert. Ihr Eindruck: In letzter Zeit nehmen die Angriffe zu.

 

München - Fadumo Korn lebt seit 40 Jahren in München. Die 55-jährige Somalierin hat sich als engagierte Kämpferin gegen Genitalverstümmelung einen Namen gemacht, Bestseller geschrieben und ist Trägerin der Bundesverdienstmedaille. Zusätzlich ist sie als Dolmetscherin für die Landeshauptstadt tätig und unterstützt Flüchtlingsmädchen mit ihrem Verein "Nala".

Doch es gibt Menschen, für die das alles nicht zählt – sondern nur Korns Hautfarbe. Und: Sie werden aggressiver. So empfindet es zumindest die Münchnerin. Bemerkungen über ihre Hautfarbe habe es früher auch manchmal gegeben, sagt sie. Das Ausmaß der Fremdenfeindlichkeit habe jedoch eindeutig zugenommen. "Früher wurde man beschimpft – im schlimmsten Fall. Jetzt wird zugeschlagen."

Ein Mann versucht, sie vor die S-Bahn zu schubsen

München nehme sie durchaus als weltoffene und tolerante Stadt wahr, sagt die Dolmetscherin. Das liege an der relativ geringen Größe im Vergleich zu anderen Metropolen, die eine besondere Verbundenheit hervorbringe. Auch die hohe Zahl an Intellektuellen trage wohl dazu bei.

Und trotzdem hat Korn hier zahlreiche erschreckende Erfahrungen gemacht. Ein Erlebnis am Rosenheimer Platz etwa könnte durchaus als versuchter Totschlag gelten: Als Korn einem älteren Herrn Platz machen will, geht dieser auf sie los und versucht, sie vor eine abfahrende S-Bahn zu werfen.

Übelste Beleidigungen wie "Negerschlampe" keine Seltenheit

Aber auch weniger extreme Beispiele zeigten den zunehmenden Alltagsrassismus in München, erzählt sie. Besonders in den öffentlichen Verkehrsmitteln gebe es immer wieder offene Fremdenfeindlichkeit. Sie müsse sich Sätze wie "Schon wieder so eine Dahergelaufene" oder "Da stinkt eine – das sind Sie" anhören. Passagiere verließen ihr Abteil, wenn sie sich dazusetze. Übelste Beleidigungen wie "Negerschlampe" seien keine Seltenheit.

Aber nicht nur bei ÖPNV-Gästen, auch bei Schaffnern hat Korn schon rassistisches Verhalten erlebt. Am Bahnsteig habe man sie daran gehindert, einen ICE zu besteigen – mit den Worten: "Hier können Sie nicht rein, das ist nicht der richtige Zug für Sie." Erst nach einigen Diskussionen durfte sie schließlich doch mitfahren.

Kritik an Parteien: "Jeder hat Angst um die Stimmen"

Üble Erfahrungen machte die Dolmetscherin sogar mit staatlichen Behörden, insbesondere mit der Bundespolizei. Willkürliche Kontrollen seien für sie an der Tagesordnung – und das, obwohl sie skurrilerweise selbst für die Bundespolizei dolmetschte. Inzwischen hat sich Korn "offiziell aus sämtlichen polizeilichen Übersetzungen streichen lassen".

Mit der Politik geht die 55-Jährige hart ins Gericht – überraschenderweise nicht nur mit der AfD, sondern vor allem mit dem rhetorischen Kurs von CDU und CSU: "Die AfD ist nicht vom Himmel gefallen, sondern sie wurde gefördert." Insbesondere Bundesinnenminister Horst Seehofer und seinem bayerischen Amtskollegen Joachim Herrmann (beide CSU) wirft sie vor, mit ihren Worten die Gesellschaft zu spalten.

Aber auch die SPD habe ihren Koalitionspartnern keinen Einhalt geboten. "Warum stellen sie sich nicht hin und sagen: 'Das ist Rassismus, was Sie machen?' Nein, jeder hat Angst um die Stimmen. So verliert man aber ganz viele Wähler."

Zuwanderung 2015: "Stimmung ist relativ schnell gekippt"

Nach und während der Flüchtlingskrise 2015 nahm Korn sowohl positive als auch negative Entwicklungen wahr. Die anfänglichen Solidaritätsbekundungen in München hätten sie zu Tränen gerührt, sagt sie. Doch die Stimmung sei relativ schnell gekippt. Daran hätten aber auch jene Flüchtlingsgruppen zumindest eine Mitschuld, die "Straftaten begangen haben, untergetaucht sind oder die mehrere Identitäten angegeben haben".

Die Autorin hat das Gefühl, dass die Hemmschwelle für Rassismus generell gesunken sei – nicht zuletzt in Ostdeutschland. Dort habe sie schon Lesungen absagen müssen, da sie um Leib und Leben fürchtete. Fadumo Korn beklagt, dass dunkelhäutige Menschen in Deutschland keine Lobby hätten. Es gebe keine Politiker, die für sie kämpfen: "Wir sind nicht dabei. Über schwarze Menschen wird geredet, nicht mit uns."

Auch der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist das Phänomen Alltagsrassismus bekannt. Nach Angaben der Bundesbehörde bezieht sich mehr als ein Viertel der an sie gerichteten Anfragen auf Rassismus und die ethnische Herkunft – etwa aufgrund von "racial profiling" durch die Polizei. Das beschreibt ein bestimmtes Agieren der Beamten, das auf rassistischen Stereotypen basiert.

Auch die Wahrscheinlichkeit, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, sei um bis zu 24 Prozent geringer, wenn man einen ausländisch klingenden Namen trägt.

Umzug ist keine Option: "Ich liebe München"

Eine offizielle Studie der Antidiskriminierungsstelle aus dem Jahr 2016 zeigt zudem, dass vor allem Flüchtlinge Alltagsrassismus ausgesetzt sind. In einer Befragung von Beschäftigten und Freiwilligen in Flüchtlingsberatungen, Jugendmigrationsdiensten und weiteren Organisationen der Flüchtlingshilfe gaben 85 Prozent der Stellen an, dass Flüchtlinge von Diskriminierungen berichteten.

Die Bandbreite reiche demnach von Mobbing über die Verwehrung von Leistungen bis hin zu verbalen und körperlichen Anfeindungen. 75 Prozent der Befragten berichten von verweigerten Leistungen, 50 Prozent von Beleidigungen und 25 Prozent sogar von Gewalt.

Fadumo Korn sagt: "Der Rassismus hat eine Stufe erreicht, die alarmierend ist." Ob sie manchmal mit dem Gedanken spielt, wegzuziehen? Weil der Hass zu extrem wird? Nein, sagt Korn. "Ich liebe München, ich liebe die bayerische Landschaft."

Sie sei hier zu Hause und wolle für ihr Zuhause kämpfen. "Ich werde nicht freiwillig das Feld räumen. Das können Sie vergessen!"


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