Abensberg Gillamoos: "Bayern - Ein ganzjähriges Volksfest"

Bier trinken, Reden schwingen, politische Gegner attackieren: Das Politische Gillamoos ist ein ungewöhnliches Volksfest. Die besten Bilder, die brisantesten Geschichten. Und ein Star aus Stoff - Klicken Sie sich durch. Foto: az/Mike Schmalz/dpa/Andreas Gebert

Schlagabtausch im Bierzelt: Lindner macht den Liberalen Mut, SPD und Freie Wähler träumen von der Macht – Kabarettist Wolfgang Krebs begeistert mit einer Ude-Parodie.

Abensberg - Der Himmel trübe und grau, die Wege aufgeweicht vom Dauerregen, so wie die politische Landschaft nach dem Wahlsonntag in Mecklenburg-Vorpommern - schwere Bedingungen für das politische Fingerhakeln auf dem Gillamoos, dem zweitgrößtem Volksfest Bayerns. Vor allem für CSU und FDP. Die Christsozialen haben die Lufthoheit auf dem größten Polit-Spektakel nach dem politischen Aschermittwoch in Passau verloren. Bei den Liberalen herrscht tiefe Depression. SPD und Freie Wähler befinden sich schon im Rausch – auch ohne Maß Bier – und schmieden auf einem Parkplatz bereits die Regierungskoalition.

Den größten politischen Schlagabtausch aber liefert ein Kabarettist. Bayerns Ministerpräsidenten-Imitator Wolfgang Krebs bricht alle Zuschauer-Rekorde und bringt das Ottenbräu-Zelt mit 4000 Fans fast zum Überkochen. „Weil bei den anderen ja lauter Witzfiguren auftreten“, lästert Krebs gleich zur Begrüßung. Die so Gescholtenen versuchen, ganz auf Ernst zu machen.

Vor ihrem Einzug auf dem Gillamoos treffen sich die Matadore aller Parteien auf dem Hof des Bauunternehmers Stanglmeier im niederbayerischen Abensberg. „Willkommen bei der künftigen Regierungspartei“, begrüßt SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher dort wie gedopt jeden, der ihm begegnet. Für ihn ist es seine Gillamoos-Premiere. Dafür hat er sich extra einen Trachtenjanker bei Lodenfrey gekauft mit knallroter Samtweste drunter. „Grüß Gott, Herr Koalitionspartner", empfängt er den Chef der Freien Wähler, Hubert Aiwanger. Der Königsmacher im braunen Anzug, der 2013 in Bayern entscheiden könnte, wer regiert, kommt zwischen Feuerwehr- und Polizeieinsatzfahrzeugen gleich zur Sache: „Wie mach ma des jetzt? Du, Markus, deckst die Städte ab. Ich das Land.“ Dann zieht er mit einer Blaskapelle auf den Festplatz und lässt die Muskeln spielen, so wie es früher die CSU getan hat.

Die wartet an der Parkplatz-Einfahrt wie ein verstörtes kleines Häuflein auf ihren Matador. Ausgerechnet in ihrem größten Umfragetief schickt die CSU ein Nordlicht in die Redeschlacht.

McAllister: Ganz schottisch, ganz schlagfertig

Mit einem „Moin, Moin“, findet sich David McAllister im schwarzen Anzug mit weiß-blauer Streifenkrawatte am Treffpunkt ein. Der CDU-Ministerpräsident aus Niedersachsen kommt ganz schottisch ohne Chauffeur. So etwas ist man bei der bayerischen Noch-Regierungspartei nicht gewohnt. Mit einem Privatauto haben sie ihn am Flughafen München abgeholt. „Habt's an Simultanübersetzer auch engagiert", fragt besorgt der niederbayerische CSU-Vorsitzende Manfred Weber. McAllister aber interessiert in diesem Moment nur eines: „Kommt der Christian Lindner wirklich? Ich dachte, der liegt im Lazarett nach diesem Wahlabend.“

Im kleinen, halbleeren Weinzelt – gerade mal 200 bis 300 Menschen sind gekommen – übt sich die FDP in Galgenhumor. Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch fabuliert in seinem Grußwort: „Manche sagen, in einem Weinzelt ist alles zum Weinen. Ja, wir treten in einem Weinzelt auf und vergießen lieber Freudentränen, das ist unsere Zukunft.“

Bei der CSU ist unterdessen die Nordseeküste angesagt. „An der Nordseeküste, am plattdeutschen Strand, sind die Fische im Wasser und selten an Land", spielt die Blaskapelle im nur zu Zweidrittel gefüllten Hofbräu-Zelt auf. Schunkeln tut zu den ungewohnten Klängen keiner. Vor zwei Jahren tobte hier noch der Bär bei Karl-Theodor zu Guttenberg. Aber der ist Vergangenheit.

McAllister bekommt gleich einen hellbraunen Trachtenjanker angezogen. „Ich find's prima. Bei uns würde man so ein Zelt als rappelvoll bezeichnen“, beruhigt der Cuxhavener seine CSU-Gastgeber. FDP-Stehaufmännchen Lindner geht blass und mit tiefen Augenrändern im Weinzelt ans Mikrophon. „Gerade heute, nach so einer Wahlniederlage wie in Mecklenburg-Vorpommern, darf man sich nicht wegducken", spricht er dem elenden Häuflein Liberaler Mut zu. „Gerade heute heißt es: Steh auf, wenn du ein Liberaler bist.“

"Wer hat die FDP gewählt?" Keiner meldet sich.

„Hand hoch“, fordert unterdessen Kabarettist Wolfgang Krebs alias Horst Seehofer seine Fans im völlig überfüllten Zelt auf. „Wer hat die FDP gewählt?“ Keiner meldet sich. „FDP – da haben wir immer gedacht, das heißt: Für Die Preißn", heizt er das Zelt weiter an und schießt gegen Lindner „den neuen Hoffnungsträger der FDP“: „Der spricht schneller. Vor allem, weil er vor dem Sprechen nicht nachdenkt. Er kommt ja aus Wuppertal. Das heißt, er bezieht seine Bodenhaftung aus der Stadt der Schwebebahn.“

Lindner scheint das geahnt zu haben - er rechtfertigt sich im Weinzelt: „In Wuppertal, da habe ich nur drei Tage gelebt. Dann bin ich im Bergischen Land geerdet worden.“ Er redet lieber über Europa: „Wir wollen keine Transferunion.“ Schon der Volksmund sage: „Wer bürgt, wird erwürgt.“

Auch Wolfgang Krebs, das Ministerpräsidenten-Double redet über Griechenland: „Bevor ma dene a Geld geben, versauf mas liaber.“ Die Zuschauer johlen, können sich vor Begeisterung kaum mehr auf ihren Plätzen halten.

Bis er Christian Ude, den Münchner SPD-OB und künftigen Seehofer-Herausforderer als Handpuppe aus seiner Blechkiste zieht – zum ersten Duell. Der sagt gleich: „Ich spreche heute zu Ihnen als zukünftiger Oberbürgermeister aller Bayern. Wenn Sie sich jetzt fragen: Was will denn der Christian Ude hier, dann ist das schon ungewöhnlich. Weil das ja zeigt, dass Sie mich kennen. Und damit bin ich der einzige Vertreter der bayerischen SPD, den die Menschen mit Namen kennen!"

"Ich habe die Stadt München erfunden" - Das Zelt tobt

Dann schwellt seine Brust und er lobt sich ganz eitel in allerhöchsten Tönen: „Ohne mich läuft ja überhaupt nichts. Ich habe die Stadt München erfunden und zu dem gemacht, was sie heute ist, eine Schickimickikulisse für superreiche Immobi... – Entschuldigung.“ Dann hält der Ude-Imitator einen Moment inne: „Eine lebendige Metropole mit Wohlstandsgarantie.“ Das Zelt tobt.

Zum Höhepunkt aber kommt er erst mit Udes ganz persönlichen „Vision für Bayern“: „Ein flächendeckendes Angebot ganzjähriger Volksfeste, zwischen denen man durch ein Netz von S-Bahn-Tunneln zügig pendeln kann, um mir beim Anzapfen zuzuschauen! Das ist sozusagen der Transrapid der Trunkenheit. Also nichts anderes als Laptop und Lederhosen, also nichts anderes als das, was Edmund Stoiber immer wollte.“ Elfriede Plötz (53) und ihr Ehemann Albert sind extra in aller Früh mit Freunden aus dem 40 Kilometer entfernten Oberviechtach hergefahren. „Der Krebs sagt die Wahrheit über die anderen“, schwärmt sie. „Dene kannst eh nix mehr glauben.“

Ude vs. Seehofer: Hier gibt's die Krebs-Festrede im Wortlaut

Die echten Polit-Matadore haben sie nicht gelockt. Nicht der CSU-Ersatzmann McAllister. Und FDP-General Lindner schon gar nicht. „Die kann ich mir im Fernsehen auch anschauen. Dann kann ich wenigstens wegzappen“, lästert Elfriede Plötz.

Christoph Prücklmeier und seine Frau Alexandra (29) haben sich mit ihren feschen Lederhosen richtig aufgemaschelt. Früher war der 31-Jährige aus Neustadt an der Donau auf dem Gillamoos auch mal bei der CSU. „Des is ja scho a Witz, dass die ned amoi jemand gscheides aus den eigenen Reihen herbringen, und an Ministerpräsidenten aus Niedersachsen aufbieten“, frotzelt er. Er ist lieber zu Wolfgang Krebs gegangen und hat sich als einer der ersten ganz vorne einen Platz gesichert: „Ich find, der macht sogar a Politik. Er rückt das, was die Politiker sagen, ins rechte Licht, indem er es auf die Schippe nimmt. Politik ist inzwischen ja eh a traurige Sache.“

 

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