Interview

1860-Trainer Köllner im Interview: "Vom Reden ist noch keiner aufgestiegen"

Im AZ-Interview spricht Löwen-Dompteur Michael Köllner über seinen wuchernden Erfolgs-Bart, die Qualifikation für den DFB-Pokal, Teamgeist als Aufstiegstrumpf – und Verschnaufpausen für Sturm-Oldie Sascha Mölders.
| Matthias Eicher
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Michael Köllner: "Es gibt doch nichts Besseres für Sechzig München, als dass sich so viele Leute mit dem Barte des Trainers beschäftigen - denn dann können meine Spieler nicht allzu viel verkehrt machen."
Michael Köllner: "Es gibt doch nichts Besseres für Sechzig München, als dass sich so viele Leute mit dem Barte des Trainers beschäftigen - denn dann können meine Spieler nicht allzu viel verkehrt machen." © imago images/Fotostand

München - AZ-Interview mit Michael Köllner: Der gebürtige Oberpfälzer (51) ist seit November 2019 Cheftrainer des TSV 1860. Den 1. FC Nürnberg führte er 2018 in die Bundesliga.

AZ: Herr Köllner, hat mittlerweile schon Gillette oder irgendein Bartöl-Hersteller bei Ihnen angerufen, um Sie zu einem Testimonial zu machen?
MICHAEL KÖLLNER: Nein, auf diesen Anruf warte ich bisher leider Tag für Tag vergebens. (lacht) Aber ich war zumindest beim Friseur, jetzt ist die Frisur oben wieder kürzer. Der Bart bleibt weiter dran.

"Wenn die Leute über meinen Bart reden, machen meine Spieler wohl nicht viel verkehrt"

Einige Löwen-Fans sehen Sie längst als neues Mitglied der Kult-Band ZZ-Top mit ihren langen Vollbärten an. Fällt Ihre Gesichtsbehaarung spätestens mit Saisonende?
Ja, das habe ich mitbekommen, über viele Wege. Das finde ich witzig und befeuere es gerne, in dem ich das Ding einfach so lange wie möglich wachsen lasse. Es gibt doch nichts Besseres für Sechzig München, als dass sich so viele Leute mit dem Barte des Trainers beschäftigen - denn dann können meine Spieler nicht allzu viel verkehrt machen. (lacht) Bis zum Boden runter lasse ich ihn nicht wuchern. Aber falls wir bis zum Saisonende nicht mehr verlieren sollten, wird sich meine Frau vielleicht noch länger damit in einer gestutzten Form anfreunden müssen.

Sie haben mit den Löwen schließlich noch eine Mission - Platz vier, der zur Teilnahme am DFB-Pokal berechtigt, verteidigen...
Genau so schaut es aus! Wir sind ja nicht die einzige Mannschaft, die noch um Platz vier kämpft. Saarbrücken hat zuletzt imposant gespielt (4:0 gegen Bayern II, d. Red.). Aber wir wollen nicht nur verteidigen, wir wollen schon angreifen. Allerdings müssen wir uns vor Augen halten: Wenn wir die restlichen vier Spiele verlieren, haben wir gar nichts. Wenn wir alle vier gewinnen, wird es vielleicht für mehr reichen. Wir wollen aber erst einmal Platz vier erreichen: Dafür brauchen wir noch einen Sieg, Saarbrücken muss ein Spiel verlieren.

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Zuletzt haben Sie viel Kreativität bewiesen, um jegliche Aufstiegsfragen gekonnt zu umschiffen. Köllners Kampfansage kommt also, wenn Sie die Qualifikation für den Pokal in der Tasche haben?
Das weiß ich nicht. Ich habe meiner Mannschaft schon vor einigen Wochen gesagt: Was bringt es uns, wenn wir über den 38. Spieltag reden? Jedenfalls keine Punkte. Es ist eine Phrase, die keiner hören will, aber wir müssen Schritt für Schritt gehen. Wir haben jetzt eine sehr gute Situation: Vor der Saison waren wir alles andere als der Topfavorit, wollten uns entwickeln und eine sorgenfreie Saison spielen. Das haben wir jetzt schon erreicht - und unsere Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende. Egal, welche Zauberkerzen wir aufstellen: Was die anderen Mannschaften machen, können wir nicht beeinflussen. Aber wenn wir unsere Spiele gut erledigen, passieren vielleicht noch Dinge, die passieren sollen. Ich denke, dass wir am Ende das bekommen, was wir verdienen. Das größte Kompliment ist, wenn unsere Fans am Ende stolz auf uns sind und wir Münchens großer Liebe ein anderes, positives Lebensgefühl vermitteln können - gerade in diesen Zeiten.

"Schau mer mal, wer am Ende vorne steht"

Topfavorit Dynamo Dresden hat ausgerechnet Ex-Löwen-Trainer Alexander Schmidt verpflichtet und das Nachholspiel gegen den MSV Duisburg mit 1:0 gewonnen. Hatten Sie schon Kontakt mit Ihrem bestens bekannten Kollegen?
Ich freue mich für Alex, denn er hat bei Türkgücü sehr gute Arbeit geleistet - im Nachhinein sieht man ja, wie der Punkteschnitt bei denen gefallen ist. Ich habe ihm zum neuen Job gratuliert und gescherzt: "Jetzt kommst du mir doch noch in die Quere!" Er hat mit Dresden eine sehr schwere Aufgabe und nach der Corona-Quarantäne ein brutales Programm. Schau mer mal, wer am Ende vorne steht.

Für das ganze Spitzentrio ist es jedenfalls keine leichte Aufgabe, wenn dahinter gierige Löwen lauern.
Bei Rostock, Ingolstadt und vor allem Dresden ist viel Druck auf dem Kessel. Alle drei sind von vorneherein mit dem Ziel Aufstieg ins Rennen gegangen. Dresden war ja über Wochen ganz oben und es schien nur noch die Frage: Wann steigen sie auf? Vor dem direkten Duell mit uns hätten sie auf 16 Punkte davonziehen können - doch es sollte anders kommen und wir haben einen Lauf gestartet. Natürlich will jetzt jeder von mir hören: "Jetzt müssen wir aufsteigen!" Vom Reden ist aber noch keiner aufgestiegen.

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Sie müssen es ja wissen: Sie haben den 1. FC Nürnberg im Sommer 2018 in die Bundesliga geführt - eine entwicklungsfähige Mannschaft, die auf den ersten Blick nicht viele auf dem Schirm hatten.
Da müssen wir gar nicht drumherum reden: Es tun sich viele Parallelen auf. Wir hatten damals eine junge Mannschaft, wir sind damals auch die beste Auswärtsmannschaft gewesen. Beim Club habe ich Hanno Behrens zum Kapitän gemacht und er ist explodiert, wie jetzt Sascha Mölders. Uns ist es schon damals gelungen, einen brutalen Teamspirit zu entwickeln, wie jetzt bei Sechzig. Aber das ist harte Arbeit: Es gilt, das täglich vorzuleben und daran zu feilen, wie an der Technik oder Taktik. Jeder muss sein Ego unter Kontrolle haben. In diesem Bereich ist Sechzig eine absolute Spitzenmannschaft.

Wie schaut es in den anderen Bereichen aus? Spielerisch konnte Ihre Mannschaft oft überzeugen, wenngleich der Ertrag nicht immer stimmte. Inwieweit agiert der TSV, zuletzt acht Spiele ohne Niederlage, als Spitzenteam?
Wir treten seit Wochen wie eine Spitzenmannschaft auf. Sechs Siege aus acht Spielen, das ist brutal gut. Die Frage ist auch: Was ist ein Rückschlag? Ein 1:1 gegen Viktoria Köln ist für viele Außenstehende ein Rückschlag gewesen, für mich nicht. Du kannst nicht hergehen und sagen: Wir hauen alle Gegner immer locker weg. Das hat auch mit dem nötigen Respekt zu tun. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir teils gegen Teams spielen, die besser sind als wir, bessere Voraussetzungen haben. Dresden, Rostock oder Ingolstadt können leichter behaupten, als Favoriten ins Spiel zu gehen. Wir müssen immer an unsere Grenzen gehen - oder sogar darüber, um überhaupt eine Chance auf drei Punkte zu haben.

"Gegen Kaiserslautern wird es knüppelhart"

Womit wir bei Kapitän Sascha Mölders wären: Ihr 36-jähriger Anführer hat zu Beginn der Trainingswoche gefehlt, zuletzt hatten Sie mehrere angeschlagene Spieler. Müssen sich die Löwenfans Sorgen um ihre Grenzgänger machen?
Sascha hat von vorneherein einen Tag länger Pause bekommen - in seinem Alter kann er den brauchen. (lacht) Erik Tallig ist nur geradelt, er hatte ein bisschen Halsweh. Merv Biankadi musste das Training mit Schmerzen am Fuß abbrechen, aber das wird sich hoffentlich auch bald wieder erledigen. Von daher schaut es gut aus. Nur bei Stefan Lex müssen wir schauen, ob es für Lautern reicht: Der Plan ist, dass er spätestens am Sonntag wieder komplett mittrainiert.

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Bleibt der nächste Gegner: Der 1. FC Kaiserslautern ist als Aufstiegsfavorit in die Saison gegangen - und böse abgestürzt. Wie gehen Sie in das Dienstags-Duell?
Das wird knüppelhart. Sie haben zuletzt viele Punkte geholt und kämpfen mit aller Macht ums Überleben. Wenn wir unsere Dinge erledigen, haben wir trotzdem eine gute Chance, sie zu schlagen. Am wichtigsten ist, den Schädel jetzt einzig und allein bei Lautern zu haben. (4. Mai, ab 19 Uhr auf Magenta Sport und im AZ-Liveticker)

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