Zweitklassig! Die neue DFB-Normalität

Nach dem ernüchternden 0:2 gegen keineswegs übermächtige Engländer richtet sich der Blick auf den Noch-Bundestrainer. Die Experten sind sich einig: Joachim Löw hat zuletzt so einiges versäumt.
| Patrick Strasser
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Der große Traum ist geplatzt - und zwar gleich doppelt: Leon Goretzka und das Team wollten unbedingt diesen EM-Pokal und ihrem Coach Jogi Löw (M.) damit ein Denkmal setzen.
Der große Traum ist geplatzt - und zwar gleich doppelt: Leon Goretzka und das Team wollten unbedingt diesen EM-Pokal und ihrem Coach Jogi Löw (M.) damit ein Denkmal setzen. © imago images/Sven Simon

London/München - Manchmal altert man über Nacht. Dann ist urplötzlich diese Aura, dieser Nimbus, das Strahlen weg. Stattdessen die große Leere, die Dunkelheit, wo vorher noch Strahlkraft war.

An diesem 30. Juni 2021 sah man Joachim Löw, einem Tag nach dem kapitalen Scheitern seiner deutschen Nationalmannschaft bei dieser EM bereits im Achtelfinale gegen England (0:2), seine 61 Lebensjahre auf einmal richtig an.

Das sagt Löw nach dem EM-Aus

Es verbietet sich angesichts dieses Anblicks, den tiefen Ringen unter den abgrundtief traurigen Augen, der graufahlen Haut von diesem Mann hier noch als Jogi zu sprechen.

"Es kann sich jeder vorstellen, welche Stimmung war. Aber natürlich gab es eine Ansprache von meiner Seite an die Mannschaft und das Team hinter dem Team. Viele haben mich sehr lange begleitet und unterstützt. Es hat mir am Herzen gelegen trotz der Enttäuschung, mich bei allen zu bedanken für das Vertrauen, das sie immer in mich hatten", sagte Löw, der sein persönliches Schicksal ja mit dieser EM verbunden, der angekündigt hatte, seinen bis 2022 laufenden Vertrag nicht zu erfüllen, sondern nach dieser EM sein Amt nicht weiter auszuüben.

Vier Sterne - einer davon ist seiner! Trotzdem herrscht bei Löws letzter Pressekonferenz als Bundestrainer eine traurige Abschiedsstimmung.
Vier Sterne - einer davon ist seiner! Trotzdem herrscht bei Löws letzter Pressekonferenz als Bundestrainer eine traurige Abschiedsstimmung. © picture alliance/dpa

Löw hatte sich - und damit Fußball-Deutschland - ein Denkmal setzen wollen, hatte nach dem WM-Pokal 2014 dem EM-Pokal in seinem persönlichen Trophäenschrank einen Ehrenplatz zuweisen wollen. So der Plan, so der Traum. Doch der Fußballgott lebt nach seinen eigenen Regeln. Und so wurde bei der EM keine zweite Trainer-Heldensaga erzählt, sondern ein weiteres Kapitel im Buch des Scheiterns geschrieben.

"Die Enttäuschung sitzt sehr tief"

Nach dem blamablen Aus der DFB-Truppe bei der WM 2018, als man als Titelverteidiger in der Vorrunde die Koffer packen musste, schafften es die DFB-Kicker bei dieser EM gerade mal eine Runde weiter.

"Es war sicher nicht der Abschied, den wir uns alle vorgestellt hatten. Die Enttäuschung sitzt sehr tief", sagte Löw. Ja, es war zum Teil ein fußballerischer Offenbarungseid. Leider. Gegen Frankreich (0:1) spielte man mit, war aber eigentlich chancenlos. Nur im Spiel gegen Portugal (4:2) überzeugte man. Beim 2:2 gegen Außenseiter Ungarn war man fast wieder in der Gruppenphase gescheitert, ehe Leon Goretzka sich ein Herz nahm (und gleich danach zeigte) und doch noch den Ausgleich erzielte. Gegen die Engländer, die auch großteils bieder spielten, war man immer noch einen Tick biederer.

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Matthäus spricht von Sturheit

So steht der Mann in der Kritik, der 2014 noch eine Nation mit dem vierten WM-Stern beglückt hatte: eben Löw. "Man hat wieder Fehler gemacht. Sturheit! 2018 hat man an den Spielern festgehalten, die 2014 die Weltmeisterschaft gewonnen haben", sagte Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus bei Sky: "Wir haben unter Löw nicht nur erfolgreichen, sondern auch traumhaften Fußball gespielt. Aber in den letzten drei Jahren ist sehr viel falsch gemacht worden. Auch jetzt wieder Sturheit."

Landung in Nürnberg - und irgendwie auch auf dem Boden der Tatsachen: Das DFB-Team bei der nächtlichen Ankunft in der Heimat.
Landung in Nürnberg - und irgendwie auch auf dem Boden der Tatsachen: Das DFB-Team bei der nächtlichen Ankunft in der Heimat. © picture alliance/dpa

Das saß. Sturheit. Ein Vorwurf, der Löw oft gemacht wurde. Auch jetzt. Er setzte auf Dreierkette, obwohl die Spieler in den Klubs mit Viererkette agieren. "Diese Dreierkette konnte nicht richtig überzeugen, dass sie defensiv stabil steht und keine Chancen zulässt. Das war ein Defensivproblem, das wir über das ganze Turnier hatten", sagte Stefan Kuntz, der gerade die U21 zum EM-Titel geführt hat und der als Löw-Nachfolger gehandelt wurde, ehe Hansi Flick den Bayern den Rücken kehrte und sein Heil in der Flucht zum DFB sah.

"Teilweise waren wir ohnmächtig. Wir haben uns unnötig zurückgezogen, den Engländern das Spiel überlassen. So kannst du nicht weiterkommen", sagte der frühere Capitano Michael Ballack bei Magenta-TV. Und Fredi Bobic legte bei dem Sender noch einen drauf: "Wir waren nicht so schlau in der Gruppenphase. Auch jetzt: nichts nach vorne, kein Mut. Wir sind einer von vielen. Nach zwei Turnieren, die nicht gut gelaufen sind, muss man sagen: Wir sind nur in der zweiten Reihe!"

Löw hat es versäumt, den Weg für neue Idee freizumachen

Ja, das ist angesichts der letzten Turniere und Demontagen wie dem 0:6 gegen Spanien oder dem 1:2 gegen Nordmazedonien die neue deutsche Normalität: Die Nationalelf ist nur noch zweitklassig.

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Löw hat es nicht verdient, dass er mit Schimpf und Schande in die Fußball-Wüste gejagt wird. Fakt ist aber: Er hat es versäumt, rechtzeitig den Weg für neue Ideen, Konzepte freizumachen. Im Kopf war er wohl schon alt, ehe man es ihm ansehen konnte...

Und jetzt? Löw wird erstmal keinen neuen Job antreten, er will künftig erster Fan der DFB-Auswahl sein: "Mein Herz schlägt weiterhin schwarz-rot-gold." Zum Abschied gab es noch Worte der Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Ich bin ein bisschen traurig. Die Enttäuschung ist natürlich da, wenn man vorher intensiv die Daumen gedrückt hat."

Nette Abschiedsworte von der Kanzlerin, die ja ebenfalls aus dem Amt scheidet - und auch etwas alt geworden ist.

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