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Erwin Kostedde: "Die Leute haben direkt vor meiner Nase den Hitlergruß gemacht"

Erwin Kostedde, der erste schwarze deutsche Nationalspieler, spricht exklusiv in der AZ über die tiefen Wunden, die der Rassismus reißt.
| Matthias Kerber
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"Sie können sicher sein, ich habe im stillen Kämmerlein manch bittere Träne geweint", sagt Erwin Kostedde über die Verletzungen des Rassismus.
"Sie können sicher sein, ich habe im stillen Kämmerlein manch bittere Träne geweint", sagt Erwin Kostedde über die Verletzungen des Rassismus. © Broadview Pictures

München - 1974 bestritt der Stürmer gegen Malta sein erstes Länderspiel, und wurde damit zum ersten deutschen Nationalspieler mit schwarzer Hautfarbe. Die AZ hat mit Erwin Kostedde gesprochen.

AZ: Herr Kostedde, "Schwarze Adler" heißt die Dokumentation, die ab dem 15. April auf Amazon Prime und dann am 18. Juni (23.30 Uhr) im ZDF ausgestrahlt wird und die den Rassismus im deutschen Fußball offenbart. 1974 waren Sie der erste nichtweiße deutsche Nationalspieler. Welche schlimmen Erfahrungen mussten Sie auf dem Platz so machen?
ERWIN KOSTEDDE: Früher, als ich so 20 war, gab es Spieler, die wollten mich mental fertigmachen. Es gab rassistische Sprüche wie: "Was willst du hier, Schwarzer?" Sie hofften, dass deswegen meine Leistung den Bach runtergeht. Es gab Spieler, die haben alles versucht. Zum Glück waren es nicht viele. Was ich aber als unmöglich empfunden habe, war, was ich in meiner Zeit in Duisburg erleben musste. Ich habe dort viel falsch gemacht - ich war ein Hallodri, nicht gefestigt. Aber es hieß dann, er ist so, wegen seiner Hautfarbe. Nein, nicht meine Hautfarbe war schuld, sondern ich, Erwin Kostedde, war damals unreif.

Erwin Kostedde: "Ich habe immer versucht, weiß zu werden"

Der Rassismus, den Sie im Alltag erlebten, hatte noch ganz andere Dimensionen...
Es gab Leute, die direkt vor meiner Nase den Hitlergruß gemacht haben. Die wollten mir zeigen, dass ich in ihren Augen kein richtiger Deutscher bin, dass Adolf Hitler recht hatte. Das waren sehr schlimme Menschen. Es gab viele Momente voller Schmerz, wo ich mich gefragt habe: Warum bin ich Schwarz? Warum bin ich anders als alle? Ich war ja damals nur mit Weißen zusammen. Es gab Augenblicke, da wollte man aus dem Leben gehen. Ich habe immer versucht, weiß zu werden. Ich habe mich mit Kernseife abgerieben, habe mir Waschpulver reingerieben, was meine Haut dann entstellt hat. Ich hatte eine Mutter, die war totgut. Totgut, sage ich Ihnen. Aber über das Thema meiner Hautfarbe konnte man mit ihr nicht sprechen.

Auch Ihr eigener Bruder hat Sie vor seinen Freunden als Bruder verleugnet.
Das stimmt, aber er hat sich später - in hohem Alter, bevor er gestorben ist - dafür bei mir entschuldigt, wie er sich damals benommen hat.

Erwin Kostedde: "Ich habe im stillen Kämmerlein manch bittere Träne geweint"

Wie geht man mit diesen Diskriminierungen um? Der Fußballer Hans Sarpei meinte mal, seine Waffe sei der Humor, das heiße aber nicht, dass einen der Rassismus nicht jedes Mal verletzen würde.
Sie können sicher sein, ich habe im stillen Kämmerlein manch bittere Träne geweint. Es hinterlässt jedes Mal Wunden. Es geht unwahrscheinlich an die Psyche, an die Seele. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendjemandem mit dunkler Hautfarbe anders geht. Ich bin doch kein schlechter Mensch, nur, weil ich diese Hautfarbe habe! Man kann nicht verstehen, warum man auf diese gemeine, verletzende Weise verurteilt wird. Man verzweifelt in diesen Momenten an den Menschen - und, wenn man gläubig ist, verzweifelt man sogar an Gott. Das ist mir oft passiert. Aber ich bin in der Beziehung sehr gereift. Ich habe sehr viel Elend erlebt, auch in meiner Familie. Meine Frau, die mein Ein und Alles war, ist gestorben. Aber diese innere Stärke hat mir über ihren Tod geholfen. Früher wäre ich daran zerbrochen, ja, wäre vielleicht sogar daran gestorben.

So denkt Erwin Kostedde über Gerd Müller

Mit dieser Vorgeschichte: Welche Bedeutung hatte es für Sie, als Sie gegen Malta das erste Länderspiel bestritten?
Mein Herz ist vor Stolz fast geplatzt! Ich hatte ja lange darauf warten müssen. Ich hätte sehr viele Spiele mehr als meine drei Länderspiele gemacht, wenn es diesen einen Mann nicht gegeben hätte...

"Mein Bestreben war es von frühester Jugend an, dass ich einmal das Trikot mit dem schwarzen Adler drüberstreifen kann", sagt Erwin Kostedde.
"Mein Bestreben war es von frühester Jugend an, dass ich einmal das Trikot mit dem schwarzen Adler drüberstreifen kann", sagt Erwin Kostedde. © dpa

...Gerd Müller.
Genau. Ein wunderbarer, höflicher Mensch, dem ich jedes Spiel gegönnt habe. Ich hatte einmal die Ehre, ihn in meinem Auto zu einem Promispiel mitnehmen zu dürfen. Ihn so kennenzulernen, hat mich im Leben ein Stück weitergebracht. Seine Freundlichkeit und Bescheidenheit haben bei mir großen Eindruck hinterlassen.

 Erwin Kostedde: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein"

Aber zurück zum Malta-Spiel.
Es war eine große Ehre, darauf hatte ich mein ganzes Leben gewartet. Mein Bestreben war es von frühester Jugend an, dass ich einmal das Trikot mit dem schwarzen Adler überstreifen kann. Das kann mir keiner nehmen, auch, wenn es nur drei Länderspiele waren. Ich sage es ganz deutlich: Ich bin stolz drauf. Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. Ich bin stolz, Deutschland im Ausland so gut vertreten zu haben. Das klingt vielleicht hochtrabend, aber es war so. Ich war Torschützenkönig in Frankreich. Ich bin Meister geworden in Belgien. Mit 22 hatte ich das Angebot, belgischer Nationalspieler zu werden, das habe ich abgelehnt - weil ich Deutscher bin.

"Mein Herz ist vor Stolz fast geplatzt!", sagt Erwin Kostedde (links) über sein Länderspiel-Debüt am 22. Dezember 1974 in Malta.
"Mein Herz ist vor Stolz fast geplatzt!", sagt Erwin Kostedde (links) über sein Länderspiel-Debüt am 22. Dezember 1974 in Malta. © imago/Horstmüller

Ihr großer Fürsprecher war Franz Beckenbauer.
Ohne ihn hätte ich kein Länderspiel gemacht. Er hat zu Bundestrainer Helmut Schön gesagt, dass er mich mal einladen sollte. Dabei mochte mich Schön nicht, das wusste ich. Aber Beckenbauer hat sich für mich eingesetzt, er wollte das Beste - und die Besten - für die Nationalmannschaft.

Erwin Kostedde: "Ich habe meinen eigenen Kopf"

Schön wollte dann von Ihnen, dass Sie der Öffentlichkeit erzählen, dass es in Deutschland keinen Rassismus gibt.
Richtig. Das hat mich auch gewundert, warum ich nicht die Wahrheit erzählen sollte. Rassismus gibt es in jedem Land, auch im Fußball in Deutschland - hundertprozentig. Ich habe es auch nicht getan. Ich habe meinen eigenen Kopf. Ich sage das, was ich fühle und denke. Das habe ich immer getan - und werde ich immer tun.

Haben Sie Rassismus innerhalb der Nationalelf erlebt?
Nein. Zumindest hat mir gegenüber keiner was gesagt. Vielleicht gab es was hinter meinem Rücken. Es gibt ja in jedem Team ein, zwei Spieler, die vielleicht so denken. Aber offen hat es mir keiner gezeigt.

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Die schwärzeste Episode Ihres Lebens, als Sie wegen eines vermeintlichen Raubes monatelang in U-Haft saßen und Sie vor Gericht mussten, war eindeutig rassistisch motiviert.
Ganz klar. Es gab keinen Grund, warum es diese Gerichtsverhandlung gab. Das hat auch der Richter in dem Prozess klar gemacht. Alles basierte auf der Aussage eines Mannes, der gesehen hatte, dass ein Mann während des Überfalls an dem Laden vorbeiging und der sagte: Das war Kostedde. Ich war perplex, dass es zum Prozess kam. Da dachte ich: "Oh, mein Gott, Deutschland ist noch nicht so weit." Das darf in einem Rechtsstaat nicht passieren. Ich bin vielleicht nicht der intellektuellste, aber ich kann aus dem Leben erzählen, dem richtigen Leben: In Deutschland gibt es einen Prozentsatz, vielleicht 20 oder 30, die wollen, dass es so wird, wie früher.

Der Spruch von Herrn Gauland von der AfD, dass die Deutschen einen Jérôme Boateng nicht als Nachbarn wollen, sagt schon alles.
Es ist nicht zu glauben, dass man so was heute noch von sich geben kann, dass er eine Partei führen darf. Es ist eine Schande, dass solche Leute im Bundestag sind. Das ist ein Skandal für Deutschland - gerade für Deutschland.

Eigentlich ein Skandal für alle Menschen.
Das ist richtig.

Erwin Kostedde: "Ich habe das Gefühl, dass es wieder schlimmer wird"

Wie sehen Sie die Situation im Sport? Es gibt immer noch rassistische Gesänge, Affengeräusche, Bananenwürfe.
Ich glaube nicht, dass der Sport viel weiter ist, als er vor einigen Jahrzehnten war. Ich fürchte, das wird so bleiben. Es gibt immer eine Gruppe von Idioten - wobei es eigentlich gemeingefährliche Leute sind -, die haben schlicht einen Hirnfehler. Sie wollen einem wehtun, dabei tun sie sich selber damit viel mehr an. Sie wissen es nur nicht, weil sie nichts im Hirn haben. . Ich habe das bei meinem zweiten Länderspiel erlebt. Der Teambus stand auf dem Weg ins Wembley-Stadion im Stau. Wir trafen auf eine Gruppe deutscher Schlachtenbummler, eigentlich mehr so Gröler. Die haben, als sie mich sahen, gesagt: "Schau, einen Schwarzen haben sie auch, die Deutschen." Das war wie ein Schlag in die Magengrube. Ich wusste aber, wie ich diese Leute einzuschätzen hatte: Das war nicht das deutsche Volk, das da sprach. Aber nochmal: Rassismus wird man nie aus den Stadien dieser Welt rausbekommen. Selbst wenn sie tausend Spiele wegen rassistischer Aktionen abbrechen, der Rassismus bleibt. Letztlich würde man sogar nur den Idioten geben, was sie wollen: Aufmerksamkeit für ihre Aktionen.

Gibt es für Sie eigentlich eine Bezeichnung, die Sie persönlich nicht als diskriminierend empfinden? Schwarzer, Farbiger, Dunkelhäutiger?
In meinen Augen braucht man die alle nicht. Für mich sind all diese Ausdrücke rassistisch.

Box-Legende George Foreman sagte mal, er würde nie, wenn er einen Menschen beschreibt, die Hautfarbe erwähnen, weil es keine Aussagekraft hat. Es sage mehr über die Menschen aus, die darin eine Information sehen, als über den Menschen, der beschrieben wird.
Da hat er völlig recht. Es ist ausschließlich wichtig, was in einem Menschen steckt, nicht, welche Hautfarbe er hat. Es zählt der Charakter. Was ein Mensch denkt und fühlt, welche Werte er hat. Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich alles erlebt habe, worüber ich nicht rede. Es gibt Menschen, die sind so voller Hass, das überschreitet alles Denkbare. Ich habe das Gefühl, dass es wieder schlimmer wird.

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