Ein Team außer Kontrolle: Diese Probleme muss die DFB-Elf beheben

Die Nationalelf bringt beim 3:3 gegen die Türkei erneut eine Führung nicht ins Ziel - und bleibt 2020 sieglos. Lothar Matthäus wirft Joachim Löw "taktische Fehler" vor. Der AZ-Check: Das sind die größten Probleme.
| Maximilian Koch
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Frust und Ratlosigkeit: Bundestrainer Joachim Löw (m) nach dem 3:3 im Testspiel gegen die Türkei.
Frust und Ratlosigkeit: Bundestrainer Joachim Löw (m) nach dem 3:3 im Testspiel gegen die Türkei. © GES/Augenklick

Von einer Loge des Kölner Stadions aus mussten die Bayern-Stars um Manuel Neuer mit ansehen, wie die Türkei in der vierten Minute der Nachspielzeit dieses vermeintlich bedeutungslosen Testspiels doch noch zum 3:3-Ausgleich kam. Und es dürfte sich wie ein Déjà-vu für die Münchner angefühlt haben.

Denn auch die Bayern gaben am vergangenen Bundesliga-Spieltag gegen Hertha BSC mehrmals eine Führung aus der Hand. Der kleine, aber feine Unterschied: Dann kam Robert Lewandowski und sicherte kurz vor dem Ende den 4:3-Sieg.

DFB-Stars auf der Tribüne in Köln (v.l.): Halstenberg, Gnabry, Kimmich, Goretzka, Süle, Neuer und Kroos
DFB-Stars auf der Tribüne in Köln (v.l.): Halstenberg, Gnabry, Kimmich, Goretzka, Süle, Neuer und Kroos © GES/Markus Gilliar

Fehlende Weltklassestürmer in der DFB-Elf

Einen Weltklassestürmer wie Lewandowski hat die DFB-Elf schon seit Jahren nicht mehr zu bieten, Miroslav Klose war der letzte dieser Art. Doch das Spiel am Mittwochabend offenbarte, dass es derzeit noch an deutlich mehr Dingen fehlt. Vor allem an den besonderen Eigenschaften der Stars aus München. "Die Bayern-Spieler haben einiges mehr an Erfahrung in solchen Spielen", sagte Löw: "Sie bringen die Qualität mit, die man braucht in solch engen Spielen. Davon werden wir profitieren."

Bei all den Problemen, die der Bundestrainer benannte, stach ein Punkt heraus: Mentalität, also der unbedingte Siegeswille, den die Bayern-Profis dank ihrer Gewinner-DNA immer mitbringen - und die anderen Spielern ganz offensichtlich abgeht. Auch in der dritten Partie des Jahres 2020 brachte das deutsche Team eine Führung nicht ins Ziel. Löw bleibt damit sieglos.

Joachim Löw spricht von "Verlust an Spielkontrolle"

Woran liegt's, Herr Bundestrainer? "Müdigkeit ist keine Entschuldigung und auch keine Erklärung, das wäre zu einfach", sagte Löw, der sich "enttäuscht und angefressen" zeigte. Die Schonungslosigkeit seiner Analyse ehrte ihn. "Wir haben in manchen Spielen einen Verlust an Spielkontrolle", ergänzte er: "Dazu kommt die Chancenverwertung. Am Ende waren es auch ein paar einfache Ballverluste in manchen Zonen. Und wenn ich das Tor zum 3:3 sehe, dann geht es um die Zuordnung im Sechzehner. Das ist aber auch eine Sache der Konzentration, der Mentalität. Wir machen viele Dinge gut, aber wir müssen uns belohnen."

Am Samstag beim Nations-League-Spiel in der Ukraine und am Dienstag gegen die Schweiz kann Löw immerhin wieder auf die Münchner Profis Neuer, Niklas Süle, Joshua Kimmich und Leon Goretzka setzen. Der Einsatz von Serge Gnabry (krank) ist noch fraglich, ähnlich sieht es bei Timo Werner und Toni Kroos aus. Löw zeigte sich vor dem Trip nach Kiew optimistisch: "Alle, das kann ich versichern, sind heiß und hochmotiviert, das nächste Spiel zu gewinnen", sagte er und schloss selbstbewusst an: "Ich glaube, wir werden das schaffen."

Druck auf Bundestrainer Löw groß

Wenigstens der Zeitpunkt scheint günstig: Die durch Corona-Ausfälle geschwächte Auswahl der Ukraine ging in Paris gegen Weltmeister Frankreich krachend mit 1:7 unter. Alles andere als ein Sieg wäre für die DFB-Elf inakzeptabel, der Druck auf den Bundestrainer ist ohnehin hoch genug.

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Rekordnationalspieler Lothar Matthäus etwa griff Löw direkt an und warf ihm "taktische Fehler" vor. In der Tat brachten sämtliche Einwechslungen in der zweiten Halbzeit keine Verbesserung, sondern sorgten für Verunsicherung. Zudem hat sich die Dreierkette in der Abwehr bislang nicht als Erfolgsmodell erwiesen. Matthäus wurde noch deutlicher: "Ich wundere mich, wenn ich sehe, dass da viele Spieler wie Nico Schulz für Deutschland auflaufen, die in ihren Vereinen auf der Bank sitzen. Genau deshalb schaltet für Deutschland keiner mehr den Fernseher ein."

Nationalelf häufig nur B-Elf

Der Zuschauer-Rückgang hat sicher mehrere Gründe. Einer davon: Löw präsentierte den Fußball-Interessierten zuletzt zu oft die B-Elf. Das wird sich nun ändern. Benjamin Henrichs (RB Leipzig), die Dortmunder Schulz und Mahmoud Dahoud, Niklas Stark (Hertha) sowie der Leverkusener Nadiem Amiri sitzen heute nicht im Charterflieger nach Kiew, die Stammkräfte übernehmen.

Doch das allein dürfte nicht reichen, um die verloren gegangene Kontrolle zurückzugewinnen. "Wir müssen abgeklärter, erwachsener, manchmal vielleicht dreckiger sein", fasste es Dortmunds Emre Can ganz gut zusammen.

 

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