Interview

Sané-Jugendtrainer: "Leroy passt perfekt zu Bayern"

Bayerns Neuzugang Leroy Sané gibt in der Nations League gegen Spanien sein DFB-Comeback. In der AZ erklärt Jugendtrainer Norbert Elgert, was den Offensivstar so besonders macht: "Stark von den Eltern profitiert."
| Maximilian Koch
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Der Jugendtrainer des Schalke 04 spricht im AZ-Interview über seinen früheren Schützling.
Der Jugendtrainer des Schalke 04 spricht im AZ-Interview über seinen früheren Schützling. © firo, Augenklick

München - Der 63-jährige Norbert Elgert ist seit 1996 A-Jugend-Trainer bei Schalke 04. Dort formte er viele Talente wie Sané, Neuer, Özil oder Draxler. 2019 erschien sein Buch "Gib alles - nur nie auf!"

AZ: Herr Elgert, Leroy Sané ist nach langer Zeit wieder bei der Nationalelf dabei. Freuen Sie sich schon auf den Einsatz Ihres früheren Schützlings gegen Spanien?
NORBERT ELGERT: Ich freue mich sehr. Es ist ja die Kunst eines Gewinners, immer wieder aufzustehen - und das ist Leroy richtig gut gelungen. Neben seiner Familie und seinen Klubs Manchester City und jetzt Bayern hat ihm sicher auch seine Einstellung geholfen, nach dem Kreuzbandriss zurückzukommen. Spitzenleistungen sollte man aber nicht sofort von ihm erwarten.

Hatten Sie zuletzt Kontakt?
Nach seinem Wechsel per SMS. Ich habe ihm ganz viel Erfolg für seine Zeit bei Bayern gewünscht. Ich will meinen ehemaligen Spielern aber auch nicht auf den Geist gehen. Ich melde mich eher bei ihnen, wenn es mal nicht so gut läuft. Bei Leroy war das direkt nach der schweren Verletzung der Fall.

Elgert über Leroy Sanés Qualitäten

Welche besonderen Qualitäten bringt Sané mit zu Bayern?
Seine unglaubliche Schnelligkeit natürlich, mit und ohne Ball. Leroy ist richtig stark im offensiven Eins-gegen-Eins. Es hilft jeder Mannschaft, Spieler wie ihn zu haben, die auch mal zwei, drei Gegner hintereinander ausspielen können. Das schafft Überzahl und neue Spielsituationen. Zudem ist Leroy richtig gut im raumüberwindenden Tempodribbling. Er ist prädestiniert für das Konterspiel und ein sehr guter Schnittstellenläufer. Zudem ist Leroy torgefährlich, als Torschütze und Vorbereiter. Durch seine Kreativität macht er auch mal etwas Unvorhergesehenes, positiv Verrücktes.

Inwiefern profitiert er körperlich auch von der sportlichen Vorgeschichte seiner Eltern?
Vater Samy (Souleymane Sané, Anm.d.Red.) war Bundesliga-Spieler und Nationalspieler. Er war ebenfalls unheimlich schnell. Und seine Mutter Regina hat Rhythmische Sportgymnastik betrieben, sie war 1984 bei den Olympischen Spielen und hat Bronze gewonnen. Vor allem mental hat Leroy natürlich stark von seinen Eltern profitiert. Er hat einen extrem hohen Anteil an schnellen Muskelfasern. Das ist im heutigen Spitzenfußball schon ein großer Vorteil.

Wie haben Sie Sané menschlich kennengelernt?
Charakterlich ist Leroy absolut top. In der Gruppe ist er eher zurückhaltend und definitiv kein Lautsprecher. Gleichzeitig ist er sehr selbstbewusst und glaubt an sich. Das musst du auch, um es ganz nach oben zu schaffen.

"Hansi Flick ist menschlich top und fachlich unantastbar"

Wie passt seine Spielweise zu Bayern? Karl-Heinz Rummenigge hat zuletzt den Vergleich mit Franck Ribéry gewählt.
Franck Ribéry und Arjen Robben haben bei Bayern eine Duftmarke hinterlassen. Deswegen würde ich den Jungs wie Leroy oder Serge Gnabry gar nicht die Bürde auferlegen wollen, diese Spieler zu beerben. Sie sollen ihren eigenen Weg finden. Ich traue Leroy auf jeden Fall zu, über viele Jahre erfolgreich bei Bayern zu spielen. Seine Spielweise passt perfekt zu seinem neuen Klub.

Inwiefern?
Bayern hat ähnlich wie Manchester City extrem viel Ballbesitz. Leroy hat sich im Positionsspiel in engen Räumen bei Pep Guardiola noch einmal enorm verbessert. Er passt auch gut zu Hansi Flick, den ich menschlich und fachlich sehr schätze.

Warum passt das mit Sané und Flick?
Hansi ist menschlich top und fachlich unantastbar. Das "Wir" steht unter seiner Führung deutlich sichtbar über dem "Ich", und die Spieler haben das wunderbar verinnerlicht. Wenn man Thomas Müller hört, der nach dem Finale gegen Paris sagt, alle hätten sich darum gerissen, die Fehler des Mitspielers auszubügeln, dann spricht das für den Zusammenhalt der Truppe.

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Hilft es Sané, dass Freunde aus der Nationalelf bei Bayern spielen?
Das kann kein Nachteil sein, es hilft in der Anfangsphase enorm bei der Integration in einem neuen Umfeld. Vielleicht hat dieser Faktor auch dazu beigetragen, dass Leroy zu Bayern gewechselt ist.

Zusammen mit Serge Gnabry hat Sané im DFB-Team schon als Doppelspitze agiert. Und zwar sehr überzeugend.
Auch für das System mit zwei Spitzen bringt Leroy alles mit, das hat er in der Nationalmannschaft gezeigt. Ich glaube aber, dass seine beste Position die auf der offensiven Außenbahn ist. Dort kann er seine Schnelligkeit und Dribbelstärke am ehesten ausspielen.

Schmerzt es Sie eigentlich, dass Schalke diese Toptalente wie Sané, Thilo Kehrer, Joel Matip, Sead Kolasinac, Manuel Neuer oder auch Leon Goretzka, Alexander Nübel und Mesut Özil nicht länger halten konnte?
Ein wenig schmerzt das schon, ja. Es ist ja selbstredend, dass wir bei Schalke mit vielen dieser ehemaligen Spieler national und international ganz anders dastehen würden. Da könnten wir in der Spitze mithalten. Auf der anderen Seite hat der Klub finanziell von den Verkäufen dieser Jungs enorm profitiert. Aber klar: Ohne die Abgänge wären wir deutlich stärker, und auch die Identifikation der Fans mit den Eigengewächsen ist traditionell auf Schalke sehr groß. Es ist schade. Aber ich lebe nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Meine persönliche Vision ist, dass wir es auch weiterhin schaffen, pro Saison ein bis zwei Spieler aus der Knappenschmiede in den Profikader zu bringen.

Cheftrainer bei einem Bundesliga-Klub?

Würde es Sie nicht reizen, mal selbst Cheftrainer bei einem Bundesliga-Klub zu sein?
Wenn ich gewollt hätte, wäre es schon längst passiert. Da gab es in den vergangenen 25 Jahren intern und extern einige Male die Möglichkeit. Ich bin aber zufrieden und glücklich mit meiner Aufgabe bei Schalke, jungen Menschen dabei zu helfen, ihre Ziele und Träume zu verwirklichen. Für die Zukunft möchte ich nichts ausschließen, aber ich kann es mir aktuell nicht vorstellen.

Wie konkret war eigentlich das Interesse des FC Bayern, Sie nach München zu holen?
Mit Michael Reschke gab es damals Kontakt, als er bei Bayern gearbeitet hat. Wir kennen und schätzen uns schon sehr lange. Es sollte zu einem Austausch kommen, das war konkret. Nähere Gespräche gab es allerdings nicht, weil Clemens Tönnies sofort dazwischen gegrätscht ist, als er davon gehört hat. Ohne Tönnies, dem der FC Schalke 04 und ich persönlich viel zu verdanken haben, und ohne unsere Fans sowie meine enge Bindung zu Schalke, wäre ich heute vielleicht nicht mehr hier. Unabhängig von Bayern.

Das Buch "Gib alles - nur nie auf!" erscheint von Norbert Elgert im Ariston Verlag.
Das Buch "Gib alles - nur nie auf!" erscheint von Norbert Elgert im Ariston Verlag. © Ariston Verlag

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