Landtagswahl: „Eine Trendwende!“ Wirklich?

Die SPD freut sich darüber, mit Christian Ude mehr als 20 Prozent der Stimmen geholt zu haben. Die Genossen machen sich Mut für den Sonntag.
| Matthias Maus
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Besser als nichts und besser als bei der letzten Landtagswahl: Christian Ude und seine Frau Edith von Welser-Ude müssen die Niederlage erklären.
dpa Besser als nichts und besser als bei der letzten Landtagswahl: Christian Ude und seine Frau Edith von Welser-Ude müssen die Niederlage erklären.

Die SPD freut sich darüber, mit Christian Ude mehr als 20 Prozent der Stimmen geholt zu haben. „Drei Prozent in drei Tagen“ – mit dieser Rechnung machen sich die Genossen Mut für den Sonntag.

München - Doch, sie können noch jubeln bei der SPD. Auch wenn's am Anfang die gehässige Schadenfreude braucht. „Jaaa“, freut sich Isabell Zacharias um kurz nach 18 Uhr, als sich die Drei-Prozent-Klatsche der FDP andeutet. Es braucht noch eine halbe Stunde, bis ein neuer Grund zur Freude gefunden ist, bis der Spitzenkandidat kommt und behauptet: „Wir haben eine Trendwende geschafft.“ Inmitten von „Ude, Ude-Rufen“ sagt der Mann, der knapp 21 Prozent holte: „Es geht wieder aufwärts mit der Bayern-SPD.“

Das ist sogar absolut richtig, wenn man die Zahlen vergleicht. „Das beste Ergebnis seit 2003“, lobt sich Parteichef Florian Pronold, habe die SPD geholt. In der Tat lesen sich 20Prozent besser als die 18,6 von vor fünf Jahren. Aber eigentlich war etwas ganz anderes geplant.

Im Sommer 2011 begann das, was Ude damals als „zweijähriges Crescendo“ ankündigte. Als immer lauter werdendes Orchesterstück, an dessen Ende der Machtwechsel stehen sollte. Da hatte er sich nach langer Weigerung als Spitzenkandidat zur Verfügung gestellt. Weil er zwar aus Altersgründen nicht mehr Oberbürgermeister sein durfte, laut Wahlgesetz, sehr wohl aber Ministerpräsident des Freistaates.

„Die Wechselstimmung ist da“, hatte Ude im Herbst 2011 befunden. Doch das mit dem Crescendo hat nicht so richtig hingehauen. Die CSU tat ihm nicht den Gefallen, sich weiter zu zerlegen. Und der Optimismus unter den leidgeprüften Genossen war nur von begrenzter Nachhaltigkeit.

Landeschef Florian Pronold sprach zwar von „der schönsten Vorstandsitzung seines Lebens“, in der die Sozis Ude auf den Schild hoben. Aber oft sah es so aus, als ließen die roten Bayern ihren Kandidaten alleine kämpfen.

Und auch die bekennende Stadtpflanze Ude ließ anfangs landespolitischen Lernbedarf erkennen. Im Oktober 2010 verortete er Aschaffenburg in Oberfranken – zur Freude der politischen Gegner.

Aber Ude lernte dazu. Seine Auftritte beim politischen Aschermittwoch in Vilshofen oder beim Gillamoos als Widersacher von Bundeskanzlerin Angela Merkel waren auch fürs Landvolk überzeugend: „Er is ja ned zwider“, sagte der Grabmair Georg aus Landau – auch wenn der Münchner Ude, immerhin Hobby-Kabarettist, seine Neigung zum Dozieren und zu Schachtelsätzen nicht ablegen konnte.

Grund zu Euphorie gab es ohnehin so gut wie nie. „Ich sage nicht, dass wir gewinnen“, mahnte er bei seiner Aschermittwochs-Premiere 2012: „Ich sage nur, dass wir eine Chance haben.“ Das war aber doch stark übertrieben, wie sich jetzt herausstellt. Woran lag's denn? Wie hat es die CSU geschafft, drei profilierte Oppositionsparteien an die Wand zu spielen und dazu den Koalitionspartner zu pulverisieren?

„Die CSU musste bei uns abschreiben“, sagte Ude in den Bierzelten und auch jetzt seinen Anhängern im Fraktionssaal: Donau-Ausbau, Energiewende, Studiengebühren - das sind so die Stichworte, auf die Ude intellektuelles Copyright beansprucht. Die CSU hat die Themen gekapert und die Ernte eingefahren.

„Und dann ham's so getan, als sei Bayern der Vorhof zum Paradies“, sagt Ewald Schurer: „Auf emotionale Art“ habe sie „von allen Skandalen ablenken können“, sagt der Bundestagsabgeordnete aus Erding und schüttelt den Kopf.

„Mollath, Amigos, Verwandten-Affäre,“ sagt Susanne Jell, Fotografin und Stieftochter des Kandidaten, nichts hat der CSU geschadet: „Ich versteh diesen Bayern-Effekt nicht.“ Und Natascha Kohnen, die Generalsekretärin, verweist noch auf die Wirtschaftslage: „Die ist gut, und es gab halt keine Wechselstimmung.“ Das hat ihr Kandidat mal anders gesehen.

Die Bayern-SPD hatte viele Gelegenheiten zu lernen, wie man mit Niederlagen umgeht. Die Enttäuschungsfestigkeit ist erstaunlich, und auch am Wahlabend geben die Genossen eine Kostprobe ihres Könnens.

„Wir haben noch sieben Tage Zeit zu kämpfen“, sagt Trendwende-Ude, „damit in Deutschland geht, was in Bayern noch nicht gelungen ist.“ Immerhin habe man „in drei Tagen drei Prozent geholt“, sagt Parteichef Pronold in Anspielung auf letzte Umfragen vor der Bayern-Wahl. Da gehe in der Woche bis zur Bundestagswahl sicher noch mehr.

„Die Trendwende ist geglückt“, sagt Natascha Kohnen. „Wir haben als einzige Oppositionspartei dazugewonnen“, sagt Ewald Schurer – und jawohl: „Wir haben unser Gesicht gewahrt.“

Isabell Zacharias findet sowieso: „Alles über 20 Prozent ist gut.“ Es ist allerdings die einzige Zahl über die die SPD-Kandidatin an diesem Abend jubeln kann. Vier Stunden nach der erstern Prognose steht fest: Sie konnte sich in ihrem Stimmkreis München-Schwabing nicht gegen CSU-Kultusminister Ludwig Spaenle durchsetzen. Hauchdünn gewinnt der mit einem Vorsprung von 1600 Stimmen oder 2,3 Prozentpunkten das Direktmandat in Schwabing.

 

 

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