Ausgelassene Stimmung: Die SPD feiert Schulz

Enttäuschung weicht Erleichterung über Gabriels Rückzug. Die Fraktion ist in Aufbruchstimmung
| Von Martin Ferber
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Martin Schulz (l.) und Sigmar Gabriel bei der Sondersitzung am Mittwoch, bei der heitere, fast ausgelassene Stimmung herrscht.
B. von Jutrczenka/dpa Martin Schulz (l.) und Sigmar Gabriel bei der Sondersitzung am Mittwoch, bei der heitere, fast ausgelassene Stimmung herrscht.

Fast scheint es so, als habe ein unsichtbarer Geist über Nacht einen Tankwagen voller Endorphine über dem Fraktionssaal der SPD ausgeschüttet. Mit einem Schlag sind Resignation und Enttäuschung, die in den Reihen der Sozialdemokraten weit verbreitet und lähmend gewirkt haben, verschwunden. Am Mittwochmittag herrscht heitere, fast ausgelassene Stimmung. Johannes Kahrs, der Chef des konservativen „Seeheimer Kreises“, strahlt übers ganze Gesicht, aber auch die Vertreter der „Parlamentarischen Linken“ wirken, als würden sie auf einer Wolke schweben.

Wer ist Martin Schulz? Der SPD-Kanzlerkandidat im Porträt

Die plötzliche Euphorie hat einen Namen: Martin Schulz. Als der langjährige Präsident des Europäischen Parlaments mit Fraktionschef Thomas Oppermann den Sitzungssaal betritt, erheben sich die Abgeordneten von ihren Stühlen und spenden ihm minutenlang Beifall. Der Coup Gabriels wirkt wie eine Befreiung. Von einer „Aufbruchstimmung“ spricht Fraktionschef Oppermann, der Auftritt von Schulz vor der Fraktion sei ein „erfolgreicher Startschuss für das Wahljahr“ mit drei Landtagswahlen und der Bundestagswahl.

Schulz kündigt an: „Wir wollen den Bundeskanzler stellen“

Mit dieser Beurteilung steht Oppermann nicht alleine da. In der gesamten SPD ist die Erleichterung groß, dass sich Gabriel, der am Freitag ins Auswärtige Amt wechselt, von sich aus zurückgezogen und den Weg für einen personellen Neuanfang frei gemacht hat. Und zu dieser Neuanfang-SPD wollen jetzt viele dazu gehören: Seit der Bekanntgabe von Schulz als Kanzlerkandidat sind schon mehr als 200 Menschen eingetreten.

Wohin die Reise unter Schulz geht, bleibt allerdigns weiter offen, ebenso die Frage, wie er sich inhaltlich positionieren und welche Akzente er setzen will.

AZ-Umfrage: Kann Schulz Kanzler?

Einerseits verspricht er, dass die SPD den Koalitionsvertrag erfüllen und „bis zum letzten Tag“ vertragstreu an der Seite Merkels regieren wolle, andererseits erhebt er den Anspruch, die Regierung übernehmen und das Land führen zu wollen: „Wir wollen, in welcher Konstellation auch immer, den Bundeskanzler stellen.“

Rot-Rot-Grün schließt er, der Konservative, auch nicht aus

Solche Worte hören die verunsicherten Genossen gerne, für die Linken in der SPD ist dies auch das dringend erhoffte Signal, dass Schulz, obgleich Mitglied des konservativen „Seeheimer Kreises“ und Vertreter des rechten Flügels, eine rot-rot-grüne Koalition nicht ausschließt. „Das ist die einzige Machtoption, die wir haben“, sagt dazu ein SPD-Linker.


Zwischen Gelassenheit und Skepsis: Reaktionen auf Schulz’ Kandidatur

CDU/CSU: Sigmar Gabriels Überraschungscoup hat die Union kalt erwischt. Nicht einmal Kanzlerin Bundeskanzlerin Angela Merkel weihte er vorab ein. Doch man gibt sich gelassen bei CDU und CSU, obwohl jeder weiß, dass Gabriel ein einfacherer Gegner gewesen wäre. Es zeichnet sich ab, dass die Union Schulz’ Unerfahrenheit in der Bundespolitik als größte Schwäche in den Mittelpunkt rückt. CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn sagte zum Deutschlandfunk, es sei „ein Zeichen für das Durcheinander in der SPD“, dass Gabriel verzichtet habe. Was Schulz für Deutschland will, sei völlig unklar.

GRÜNE: „Unser natürlicher Bündnispartner war schon immer die SPD. Aber gefühlt rückt Rot-Rot-Grün mit Martin Schulz in weite Ferne – aber Schwarz-Grün nicht näher“, sagt Ekin Deligöz vom Realo-Flügel der Grünen der AZ. Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt erklärt, mit der Entscheidung für Martin Schulz sei es völlig unklar, wofür die SPD steht.

Linke: Linksfraktionschefin Sahra Wagenknecht findet, mit dem Wechsel zu Schulz sei noch lange kein Politikwechsel verbunden. „Ich glaube nicht, dass das einen großen Unterschied macht.“

 

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