Wer ist Martin Schulz? Der Kanzlerkandidat im Porträt

Bodenständiger Weltbürger, hochgebildeter Schulabbrecher, glühender Kämpfer für das Friedensprojekt Europa, Ex-Alkoholiker, begnadeter Redner, Fußballnarr - all das ist der Herausforderer von Angela Merkel bei der Bundestagswahl: Martin Schulz.
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Letzte Ausfahrt Außenministerium? Sigmar Gabriel (r.) macht den Weg frei für Martin Schulz - und will jetzt zum Chefdiplomaten werden.
Kay Nietfeld/dpa Letzte Ausfahrt Außenministerium? Sigmar Gabriel (r.) macht den Weg frei für Martin Schulz - und will jetzt zum Chefdiplomaten werden.

Berlin - Ein Neuling in der Bundespolitik fordert bei der Wahl im September Kanzlerin Bundeskanzlerin Angela Merkel heraus. Martin Schulz war elf Jahre Bürgermeister von Würselen und ist 22 Jahre Mitglied des Europaparlaments. In Berlin hat er sich dagegen nur ab und zu blicken lassen. Für viele ist der 61-Jährige innenpolitisch noch ein unbeschriebenes Blatt.

"Wer in der Politik nicht in der Lage ist, Emotionen zu wecken, der ist am falschen Platz"

Vielleicht wird das bei der Bundestagswahl aber auch seine Stärke sein. Ein neues Gesicht, eine neue Sicht auf die Dinge, neue Ideen und ein neuer Politikstil. Den beschreibt Schulz selbst so: "Wenn Politik auf den Bauch von Menschen zielt, ist das in Ordnung. Wer in der Politik nicht in der Lage ist, Emotionen zu wecken, der ist am falschen Platz. In meinem ganzen Leben werde ich aber nicht akzeptieren, wenn Politik systematisch auf die Mobilisierung niederer Instinkte zielt."

Dem Kampf gegen den Populismus hat sich Schulz schon als Präsident des Europaparlaments verschrieben. Einen rechtsradikalen griechischen Abgeordneten hat er einmal wegen rassistischer Äußerungen über Türken aus dem Parlament geworfen - ohne Diskussion.

Auch in seinem ersten Statement nach der Nominierung als Kanzlerkandidat sagt er den Feinden von Demokratie und Toleranz den Kampf an. "Mit mir wird es keine Hatz gegen Minderheiten geben." Gleichzeitig verurteilt Schulz diejenigen, die Europa den Kampf angesagt haben.

Schulz wollte mal Profi-Fußballer werden

"Mister Europa" wird der Rheinländer aus einem Dreiländereck bei Aachen genannt. Er spricht sechs Fremdsprachen - und "Wöschelter Platt". Für seine Verdienste in der Europapolitik wurde der begnadete Redner 2015 mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Wegen seiner europapolitischen Karriere haben ihn viele in Berlin eher im Auswärtigen Amt gesehen - als Nachfolger von Frank-Walter Steinmeier. Jetzt versucht er den Sprung von ganz oben in Straßburg und Brüssel nach ganz oben in Berlin.

Als Jugendlicher hatte Schulz noch einen anderen Traumberuf: Profi-Fußballer. Bei Rhenania Würselen schaffte er es bis zum Mannschaftskapitän des westdeutschen Vize-Jugendmeisters. Dann war Schluss: Zwei Meniskusrisse zerstörten seinen Traum, machten ihn zum Sportinvaliden und warfen ihn komplett aus der Bahn. Mit 24 war er Alkoholiker, schaffte es aber, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Er wurde Buchhändler, bevor er in die Politik ging.

Studiert hat Schulz nie. Das Abitur schaffte er wegen schlechter Noten in naturwissenschaftlichen Fächern nicht und brach die Schule vorzeitig ab. Trotzdem gilt er als hoch gebildet und sehr belesen.

Mutter war in der CDU - all ihre Kinder gingen zur SPD

Politisch geprägt wurde er durch zwei Personen: Seine Mutter und Willy Brandt. Seine Mutter beeinflusste ihn eher im negativen Sinne. Die CDU-Politikerin erreichte durch ihre Vorträge zu Hause, dass ihre drei Söhne und zwei Töchter später alle in die SPD eintraten.

Die Entspannungspolitik von Bundeskanzler Willy Brandt gegenüber dem Ostblock und dessen Kniefall in Warschau führten dazu, dass Schulz 1972 erstmals Wahlkampf für die SPD machte. In seinem Büro in Brüssel hatte er gut sichtbar eine Bronzestatue seines Vorbilds platziert.

1987 wurde Schulz mit 31 Jahren der jüngste Bürgermeister Nordrhein-Westfalens und leitete die Geschicke der knapp 40.000 Einwohner seiner Heimatstadt Würselen für ein gutes Jahrzehnt. 1994 wurde er ins Europaparlament gewählt und stieg 2012 zum Präsidenten auf.

Lesen Sie auch: AZ-Kommentar - Gabriels Verzicht auf die Kanzlerkandidatur ist richtig

Als Europapolitiker bringt Schulz auch inhaltlich nicht die schlechtesten Voraussetzungen für den Wahlkampf mit. Europa ist am Scheideweg. Nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump geht es mehr denn je darum, ob die Europäische Union zusammensteht, oder nach und nach in sich zusammenfällt. Noch vor der Bundestagswahl entscheidet sich in den Niederlanden und Frankreich, ob der Vormarsch von Populisten und Nationalisten weitergeht. Die Außenpolitik wird einen größeren Raum einnehmen als bei vorangegangen Bundestagswahlen.

Unberechenbarer Gegner

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Union ist Schulz sicher der unangenehmere Gegner - auch weil er von außen kommt. Er ist unberechenbarer und vor allem beliebter als der scheidende Parteichef Sigmar Gabriel, den Schulz nun beerben soll. Zur SPD-Führung zählt er schon seit 1999. Er will einen mutigen Wahlkampf führen, der zusammenführt und nicht spaltet. "Es gibt eine große Verunsicherung unter den Menschen. Dem Auseinanderdriften und der Verunsicherung muss man mit Mut und mit Zuversicht entgegentreten."

Am Dienstagabend wollte der designierte Kanzlerkandidat und Parteichef eigentlich an einer Veranstaltung von Befürwortern einer rot-rot-grünen Koalition teilnehmen. Wegen einer "Terminkollision" wurde die Veranstaltung abgesagt. Man kann sicher sein, dass sie bald nachgeholt wird. Denn nur in dieser Konstellation hat der Kandidat eine realistische Chance, auch Kanzler zu werden. Allerdings wird Schulz dem rechten Parteiflügel der SPD zugeordnet, was eine Zusammenarbeit zumindest mit den Linken erschweren könnte.

Und so erklärt Sigmar Gabriel seine Absage an eine Kanzlerkandidatur

Sigmar Gabriel hat sich entschieden: Er wird nicht als Kanzlerkandidat gegen Amtsinhaberin Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) antreten. Stattdessen lässt der 57-Jährige Martin Schulz den Vortritt. Und er gibt auch den SPD-Vorsitz in die Hände seines Freundes.

Seinen neuen Posten sieht Gabriel im Auswärtigen Amt. Dort wird er seinen Parteikollegen Frank-Walter Steinmeier beerben, der im Februar wahrscheinlich zum neuen Bundespräsidenten gewählt wird. Doch was hat Gabriel, der bereits 2013 Peer Steinbrück die Kanzlerkandidatur überließ, zu diesem erneuten Verzicht bewogen? Im „Stern“ und der „Zeit“ erklärt er sich: „Wenn ich jetzt anträte, würde ich scheitern und mit mir die SPD.“ Schulz habe „die eindeutig besseren Wahlchancen“.

Umfrage unter SPD-Anhängern gab wohl den Ausschlag

So soll eine von Gabriel selbst in Auftrag gegebene Umfrage unter SPD-Anhängern den letzten Ausschlag gegeben haben. Laut dieser räumt eine große Mehrheit der Sozialdemokraten Schulz, der bis zuletzt Präsident des Europa-Parlaments war, die deutlich besseren Aussichten bei der Bundestagswahl am 24. September ein. Und auch jüngste Umfragen unter Wählern zeigten eine größere Zustimmung für Schulz. Für Gabriel ist es deshalb seine „Pflicht als Vorsitzender“, den Platz für Schulz zu räumen. „Das, was ich bringen konnte, hat nicht gereicht“, sagt er. Schulz stehe nun „für einen Neuanfang“.

Allerdings hätten ihn auch private Gründe zum Verzicht bewogen. Gabriel, der wohl im März noch einmal Vater werden wird, betont: „Heute bin ich wirklich ein glücklicher Mensch. Ob ich es auch wäre, wenn ich meine Familie noch weniger sehen würde als jetzt schon, weiß ich nicht.“

Gabriel führt seit 2009 die Genossen an. Seine Entscheidung für den Rückzug stieß gestern in der SPD auf Anerkennung. „Dass er eigene Interessen zurückgestellt hat, um bessere Erfolgschancen für die SPD zu bekommen, verdient allergrößten Respekt“, sagte beispielsweise Fraktionschef Thomas Oppermann, der von der Nachricht offenbar auch etwas überrascht war.

Brigitte Zypries wird Wirtschaftsministerin

Auf Gabriels Posten als Wirtschaftsminister soll Brigitte Zypries (63) folgen. Sie war von 2002 bis 2009 Bundesjustizministerin und zuletzt Parlamentarische Staatssekretärin unter Gabriel. Die gebürtige Kasselerin ist seit 1991 SPD-Mitglied und Bundestagsabgeordnete für Darmstadt. Sie gilt als sachorientierte, kompetente und durchsetzungsstarke Politikerin. In ihrer Amtszeit als Justizministerin wurde unter anderem der „Stalking“-Paragraf ins Gesetzbuch eingefügt, der massive Nachstellungen unter Strafe stellt.


Die SPD-Politikerin Brigitte Zypries. Foto: dpa

Außerdem wurde das Rechtsinstitut der Patientenverfügung im Bürgerlichen Gesetzbuch damals erstmals gesetzlich geregelt. Brigitte Zypries engagiert sich insbesondere gegen die Diskriminierungen von Schwulen und Lesben und setzt sich für die weitere rechtliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften und Ehen ein. Für dieses Engagement wurde sie mehrmals ausgezeichnet.

 

 

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