AfD vorne und Linken-Triumph: Der Wahlabend abseits der CDU

Als die Wahllokale um 18 Uhr schließen, blickt ganz Deutschland auf die Balken der CDU - und auf die ersten Worte von Bundeskanzler Friedrich Merz. Dabei spricht da nicht der Chef der Wahlsieger-Partei, sondern ein Verlierer. Die Sieger dagegen stehen in den ersten Minuten nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Blick auf den Wahlabend abseits der CDU:
Erste Zahlen: Der nächste AfD-Sieg bahnt sich an
Die AfD hat an diesem Wahlsonntag einmal mehr Grund zum Jubeln: In Berlin verbessert sie ihr Ergebnis Hochrechnungen zufolge deutlich und gewinnt mehrere Prozentpunkte im Vergleich zur Wiederholungswahl von 2023 dazu - weniger stark als erhofft, aber das verblasst aus Sicht der Partei schon fast mit Blick auf Mecklenburg-Vorpommern. Denn hier hat die Partei ihren Wert mehr als verdoppelt.
Nach Thüringen und Sachsen-Anhalt geht die AfD damit im dritten Bundesland als Sieger vom Platz. Auch wenn Regierungsoptionen unwahrscheinlich sind, für die Partei ist der Wahlabend nach der Sachsen-Anhalt-Wahl und der Kommunalwahl in Niedersachsen der nächste Schub. Co-Parteichef Tino Chrupalla sprach in der ARD von einem sensationellen Ergebnis. Das gelte es zu feiern.
Fast genauso wichtig wie die eigenen Zahlen sind der AfD dabei die Werte der CDU. Je schlechter, desto besser, da es langfristiges Ziel der AfD ist, die Union bundesweit zu verdrängen und selbst zur Regierungspartei zu werden.
In Mecklenburg-Vorpommern schaffen es die Christdemokraten ersten Zahlen zufolge nur knapp über die Fünf-Prozent-Hürde, in Berlin verlieren sie spürbar und müssen möglicherweise den Posten des Regierenden Bürgermeisters abgeben. "Das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern freut uns ganz gewaltig", sagte AfD-Chefin Alice Weidel. Die CDU kratze an der Fünf-Prozent-Hürde "und das wird natürlich auch dazu führen, dass der Kanzler Friedrich Merz aus unserer Perspektive nicht mehr zu halten sein wird, und das ist gut so liebe Freunde."
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD fast 44 Prozent holte, hatte Weidel triumphiert: Die CDU werde "nie mehr wieder" eine Bundestagswahl gewinnen können und später im Bund eine Neuwahl gefordert. Die AfD würde davon voraussichtlich profitieren. Bei der Bundestagswahl im Februar vergangenen Jahres hatte sie ihr Ergebnis von 10,4 auf 20,8 Prozent verdoppelt, aktuell steht sie in den Umfragen bei bis zu 29 Prozent - die Union bei nur noch rund 20.
Die Linke gewinnt erstmals die Hauptstadt
Absehbare Wahlsiegerin in Berlin - für die Linke ist das ein spektakulärer Erfolg. "Ab heute verändern wir gemeinsam unser Berlin und machen daraus einen besseren Ort", sagte Spitzenkandidatin Elif Eralp auf der Wahlparty. "In unserer Stadt hat die Liebe und die Gerechtigkeit über den Hass gewonnen und dieses Signal geht raus in die Welt."
Noch Ende 2024 stand die Linke in Umfragen in der Hauptstadt bei sechs bis sieben Prozent, bundesweit bei zwei bis drei Prozent. Jetzt ging sie nach ersten Zahlen um die 25 Prozent durchs Ziel und hat gute Chancen, mit Eralp erstmals eine Regierende Bürgermeisterin zu stellen. Damit dürfte auch ihr Gewicht im Bund und in anderen Bundesländern wachsen, möglicherweise auch über den Bundesrat. Sie darf Auftrieb erwarten für die Wahlen 2027 zum Beispiel in Bremen oder Nordrhein-Westfalen.
Für den Düsseldorfer Politikwissenschaftler Stefan Marschall spiegelt sich in dem Berliner Ergebnis die Neuerfindung der Linken insgesamt seit dem Bruch mit Sahra Wagenknecht 2024."Die Linke ist insgesamt urbaner geworden, sie ist weiblicher geworden, sie ist jünger geworden. Sie ist akademischer geworden und in einigen Teilen auch westlicher", sagte Marschall der Deutschen Presse-Agentur. Gepunktet habe die Linke mit dem Thema hohe Mieten, das genau dieses städtische Milieu anspreche.
Regieren könnte aus Sicht des Politologen aber auch ein Risiko für die Linke sein. Beim zentralen Wahlversprechen, große Wohnungskonzerne in Berlin zu vergesellschaften, müsse sie womöglich schmerzliche Kompromisse mit den etwaigen Koalitionspartnern SPD und Grüne eingehen. Das heißt: Kröten schlucken. Für die vielen neuen, teils sehr enthusiastischen, teils sehr linken Mitglieder könnte das zur Enttäuschung werden, meint Marschall.
Die Aufholjagd der "Frau gegen Blau" hat wohl nicht gereicht
Manuela Schwesig hat in Mecklenburg-Vorpommern einen bemerkenswerten Wahlkampf hingelegt. Noch vor einem Jahr lag die SPD-Politikerin in Umfragen fast 20 Punkte hinter der AfD - am Wahlabend ist der Abstand den ersten Zahlen zufolge auf weniger als 2 Punkte geschrumpft. Zum Sieg hat es knapp nicht gereicht, obwohl Schwesig im Wahlkampf als "Frau gegen Blau" Stimmen von anderen Parteien abgeworben hat. Ministerpräsidentin kann die 52-Jährige aber voraussichtlich trotzdem bleiben, etwa in einer Koalition mit Linken und Grünen.
Auch wenn sie nach den ersten Zahlen nicht die AfD-Bezwingerin ist, wird Schwesig ihren Einfluss auf die Bundespolitik deutlich ausbauen können. Für ihre Parteichefs Bärbel Bas und Lars Klingbeil ist die Frau aus dem Nordosten unbequem, denn sie stellt sich immer wieder auch gegen Beschlüsse der Regierungskoalition im Bund. Letztes Beispiel: Die umstrittene Abschaffung der Rente mit 63.
Klingbeil und Bas sind in der Parteibasis wegen der schlechten Umfragewerte im Bund angezählt. Dass Schwesig die beiden stürzt, ist aber nicht zu erwarten. Sie habe auch als Ministerpräsidentin genügend Einfluss im Bund, hat sie zuletzt betont. Doch dass Schwesig für die Koalition im Bund unbequem werden könnte, lassen ihre Worte auch erahnen: Sie mache nicht das, was ein Bundeskanzler oder ihre Bundespartei ihre sage, sondern das, was für die Menschen gut sei.
Mit dieser Haltung könnte Schwesig in den nächsten Jahren SPD-Schatten-Vorsitzende sein, ihre Parteichefs vor sich her treiben und die Regierungspolitik in Berlin über Bande prägen. 2029 könnte sie dann nach der Kanzlerkandidatur greifen.