Interview

Ude über Münchens neuen OB: "Mehr Gespräche als mit Reiter in zwölf Jahren"

Vor genau 60 Jahren ist Christian Ude in die SPD eingetreten. Ein Wohnzimmer-Gespräch über Wähler in Milbertshofen und Haidhausen, Olympia, die große Krise seiner Herzenspartei – und warum er den grünen OB Dominik Krause niemals anrufen will.
Felix Müller |
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Christian Ude beim Termin mit der AZ im herbstlichen Schwabing.
Christian Ude beim Termin mit der AZ im herbstlichen Schwabing. © sigi mueller

AZ: Herr Ude, vor zwei Jahren bin ich zu Ihnen gekommen, um ein Tragl Augustiner zu wetten, dass die SPD 2026 im Bund und im Münchner Rathaus nur noch Juniorpartner ist. Das gute Bier würde ich nun gerne abholen.
CHRISTIAN UDE (lacht): Ich glaube nicht, dass ich da dagegen gewettet habe. Und wenn doch, dann nicht aus Überzeugung.

Sie erinnern sich richtig. Sie haben sich auf die Wette nicht eingelassen. Es gibt also kein Bier. Ist es inzwischen so, dass Sie Grund für mehr Optimismus haben, glauben Sie an die Wiederauferstehung Ihrer Partei?
Die Zeiten sind objektiv – und übrigens in ganz Europa – extrem schwierig für Sozialdemokraten. Deshalb glaube ich nicht an schnelle Wunder. Ich hätte vor einem Jahr aber auch nicht gewettet, wie rasant die Union jetzt verliert. Auch die FDP, die immer mein wohnungspolitischer Gegenspieler war, fehlt mir trotzdem. Sie ist eine Kraft, die zur politischen Kultur der Bundesrepublik dazugehört.

Was folgt aus diesen Gedanken?
Ich glaube, dass Volt den intelligentesten Spruch hatte: Ab in die Mitte. Das ist tatsächlich das Gebot der Stunde, auch wenn es die Stärkung bisheriger Konkurrenz bedeuten mag.

SPD und Union verlieren massiv, aber es gibt doch immer noch sehr große liberale, pro-europäische Milieus. Könnte es nicht sein, dass in den nächsten Jahren eine neue liberale Partei groß wird?
Doch, das könnte sein. Aber als demokratische Kraft sind die Union und übrigens auch die FDP nicht auf Anhieb ersetzbar.

Christian Ude in seinem Wohnzimmer mit AZ-Lokalchef Felix Müller.
Christian Ude in seinem Wohnzimmer mit AZ-Lokalchef Felix Müller. © sigi mueller

Sprechen wir über München. Jahrzehnte haben Sie betont, dass die Stadt ist, was sie heute ist, weil es eine lange Dynastie von SPD-Oberbürgermeistern gab. Nun ist das Geschichte, mit Dominik Krause regiert ein Grüner. Sie machen damit überraschenderweise einen ganz zufriedenen Eindruck. Oder täuscht das?
Nein, das ist richtig.

Und warum?
Es liegt daran, dass Dominik Krause dem sozialdemokratischen Erbe mit wesentlich mehr Respekt und Sympathie gegenübersteht, als der letzte Mann mit SPD-Parteibuch.

Sie scheinen nun auch wieder näher am OB-Büro dran zu sein. Oder nicht?
Dazu nur eine Zeitangabe: Ich habe nach einem Monat Dominik Krause mehr Einladungen gehabt und mehr substanzielle mehrstündige Gespräche geführt, als mit seinem Vorgänger in zwölf Jahren Amtszeit.

Wie kann man sich Ihre Zusammenarbeit vorstellen? Rufen Sie Dominik Krause an, wenn Ihnen danach ist?
Nein, das tue ich nicht. Ich weiß, dass ein Oberbürgermeister nicht jederzeit gestört werden will.

Also meldet sich Dominik Krause regelmäßig bei Ihnen?
Ich rufe einfach immer nur den jeweils zuständigen Mitarbeiter an.

Das ist eine dumme Frage

Christian Ude

Haben Sie trotzdem in den ersten Monaten schon mal einen Moment gehabt, in dem Sie sich geärgert haben, dass kein SPDler mehr im OB-Büro sitzt?
Natürlich ärgert mich der Funktionsverlust der SPD unabhängig von Personen. Inhaltlich hatte ich bisher nur einen Punkt, wo ich die Haltung der Grünen respektiere, aber nicht teile.

Welcher war das?
Das ist der Versuch, als Minderheitsgesellschafter beim Flughafen durchzusetzen, dass der Flughafen sich nicht für Abschiebungen eignen soll. Das ist ein Machtrausch, bei dem es eine Ausnüchterung braucht.

Ist Dominik Krause in Zeiten des Populismus für Sie ein Hoffnungsträger – oder wäre das ein bisserl zu viel des Guten?
Er ist sehr konstruktiv, umrankt sich nicht mit roten Linien, sucht die Zusammenarbeit mit allen Demokraten. Ich fand sehr schlau, dass er einen CSU-Referenten vorgeschlagen und durchgesetzt hat. Und dass er zur Zusammenarbeit mit dem Ministerpräsidenten, der die Grünen jahrelang regelrecht verteufelt hat, bereit war. Das ist ja auch einfach sinnvoll, dass man gemeinsam für Olympische Spiele eintritt.

Sie selbst haben letztes Jahr in der AZ erklärt, sich nicht mal am Bürgerentscheid zu einer Bewerbung beteiligen zu wollen.
Ja, aber nicht, weil ich nicht dafür gewesen wäre. Ich wollte nur nicht, dass es heißt: Diese alten Leute, die es dann nicht bezahlen müssen, haben den nächsten Generationen diese Kosten aufgehalst. Aber die Argumente, wegen der ich jahrelang selbst für Winterspiele geworben habe, gelten ja nun weitgehend auch.

Ein wenig droht in einer Zeit, in der viele Menschen das Gefühl haben, die Politik nehme ihre täglichen Probleme nicht mehr wahr, aber schon, dass die Leute sagen: Die Preise fürs Museum, den Tierpark, den Kindergarten knallen rauf, aber bei Olympia spielt Geld dann keine Rolle. Oder?
Genau deshalb wollte ich nicht zu den Wegbereitern der Spiele gehören. Ich werde, wenn die Spiele erst 2044 kommen, 97 sein, da will ich keine Kosten mehr auslösen.

Sie haben immer sehr vehement dafür geworben, dass Koalitionen aus SPD und Grünen auch und gerade in Zukunft die richtigen Antworten finden könnten. Auf eine Fortsetzung im Münchner Rathaus hätten Sie aber auch nicht mehr gewettet. So eine richtige gemeinsame Erzählung, was man nun will mit dieser Stadt, hat man aber noch nicht gefunden, oder?
Auf jeden Fall kann ich mich mit Dominik Krause sofort darauf verständigen, welche Konstellationen wünschenswert sind. Und darauf, wie man dann miteinander umgeht, wenn eine Koalition erfolgreich sein soll. Es ist verhängnisvoll, wenn man in einer Koalition vor allem streitet – das stellt die Bundesregierung ja tagtäglich unter Beweis.

Wie könnte die SPD in München wiederauferstehen? Raten Sie, die Haidhauser Akademiker zu adressieren oder die Leute in Milbertshofen, die nun gar nicht mehr zu den Wahlen gegangen sind?
Das ist eine dumme Frage, mit der Sie eine dumme Antwort verdienen. Ich hatte immer das Ziel, auf jeden Fall Haidhausen und auf jeden Fall Milbertshofen zu halten. BMW, MAN, Knorr Bremse: Ich habe schon vor den Wahlkämpfen die Großbetriebe abgeklappert. In Haidhausen fühlte ich mich in unendlich vielen Mietergemeinschaften daheim. All diese Milieus können in Wolle gefärbte Sozialdemokraten sein. Und da kann ich keines für nicht dringend notwendig erklären.

Da fällt mir bei der Münchner SPD kaum was ein

Christian Ude

Die großen Tech-Unternehmen drängen mit hochqualifizierten, hochbezahlten Mitarbeitern in die Stadt. Sollte die SPD vor allem auf die Probleme dazu hinweisen – oder diese Leute als potenzielle Wähler umwerben?
In sozialer Hinsicht ist das sicher kein besonders schützenswertes Publikum. Und trotzdem gilt auch hier beides. Die SPD muss wirtschaftlicher Dynamik gegenüber aufgeschlossen bleiben, darf aber nie als Lobby der Spitzenverdiener erscheinen. Wir müssen auch aufpassen, dass wir nicht wirken, als wären wir der verlängerte Arm der Hightech-Unternehmen. Vor denen gibt es ja zurecht Ängste.

In diesen Wochen wird sehr viel über die politischen Ränder gesprochen. Ein Phänomen dabei ist, dass es bei der AfD stets heißt, man müsse die Ursachen und Ängste ernst nehmen, etwa bei der Migration. Sollten die Erfolge der Linken nicht Anlass sein, wieder viel ernsthafter und vehementer soziale Fragen zu stellen?
Aber selbstverständlich!

Aber?
Man kann nur die Partei für die unteren Einkommensschichten sein, wenn man die soziale Frage immer zu seiner Hauptkompetenz macht. Natürlich geht es auch um ökologische Fragen, die kulturelle Kompetenz. Aber immer auch um das Soziale.

Warum tut sich die SPD da heute in München so schwer, durchzudringen?
Es ist ja nicht so, dass die SPD sich von der sozialen Aufgabe verabschiedet hätte. Aber es ist nicht mehr so erlebbar im Alltag. Früher gab es in jedem Stadtbezirk eine SPD-Mieterberatung, insgesamt mehr als 40!

Solche Angebote verbindet man selbst in München heute eher mit der Linkspartei.
Die eigene Mieterberatung der SPD ist eingeschlafen, auch die Präsenz in Mietergemeinschaften ist nicht wie früher. Und die Gewerkschaft steht der SPD auch nicht mehr so nahe. Mit dem Kulturforum haben wir früher 50 große, attraktive Veranstaltungen im Jahr gemacht. Außer dem Dreikönigstreffen fällt mir keine ein, die die Münchner SPD im letzten Jahr gemacht hätte.

Schülersprecher Christian Ude um 1966 an seinem Gymnasium.
Schülersprecher Christian Ude um 1966 an seinem Gymnasium. © Archiv Christian Ude

Sie sind vor genau 60 Jahren in die SPD eingetreten. Haben Sie Ihr Parteibuch damals als junger Mann stolz rumgezeigt?
Natürlich! Ich habe es rumgezeigt. Und als dann bald noch die Unterschrift von Willy Brandt drin war, habe ich es mit noch größerem Respekt behandelt.

Vor fünf Jahren habe ich Sie gefragt, ob Sie als junger Mann immer noch in die SPD eintreten würden. Sie haben das bejaht. Heute immer noch?
Ja. Sicher nicht mehr mit so viel Begeisterung wie als junger Mann, sondern mit mehr Skepsis und Misstrauen. Aber ich wüsste immer noch keine politische Konstellation, die mich mehr anspricht als die SPD, frei und links nach Willy Brandt, intellektuell wie Carlo Schmid, Arbeitervertreter wie Herbert Wehner.

Alles, was Sie sagen, ist historisch. Brauchen junge Leute nicht eher irgendwas im Hier und Jetzt, um sich zu begeistern?
Das Parteiprofil stimmt ja nach wie vor. Welche Partei hat denn mehr Betriebsräte in ihren Reihen, welche hat mehr im Mietrecht durchgesetzt, was in die Gegenwart wirkt? Es wäre schon weiter meine Partei. Aber mit meiner damaligen Ungeduld würde ich auch heute darauf drängen, dass sich das stärker niederschlagen muss.

Ist einer Ihrer Enkel SPD-Mitglied?
Ja, der Rechtsanwalt ist Genosse. Auch meine Mutter war Mitglied, meine Schwester war sogar Ortsvereinsvorsitzende.

Haben Sie den Enkel selbst geworben?
Natürlich! Wenn man einer Partei beitritt und das ernst nimmt, muss man doch in der Familie anfangen zu überzeugen.

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