Stille, schräge Örtchen in München

Die öffentlichen Toiletten der Stadt suchen die meisten Münchner nur auf, wenn sie ein sehr dringendes Bedürfnis haben. Aber es geht auch anders: Wir haben die schönsten Klos besucht.  
| Laura Kaufmann
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Stille, schräge Örtchen
Daniel von Loeper/Gregor Feindt Stille, schräge Örtchen

Die öffentlichen Toiletten der Stadt suchen die meisten Münchner nur auf, wenn sie ein sehr dringendes Bedürfnis haben. Aber es geht auch anders: Wir haben die schönsten Klos besucht.

München - Welttoilettentag, das klingt erst mal wie ein schlechter Witz, hat aber einen ernsten Hintergrund: Er soll auf das Fehlen ausreichend hygienischer Sanitäreinrichtungen für mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung aufmerksam machen.

Die Marke „Tempo“ hat den Ehrentag zum Anlass genommen, um in einer Umfrage Erstaunliches herauszufinden: Auf dem Stillen Örtchen ist vor allem Humor gefragt. 26 Prozent aller deutschen Frauen würden, könnten sie eine Prominente wählen, mit Anke Engelke aufs Klo gehen, gefolgt von Daniela Katzenberger (19 Prozent) – auf dem dritten Platz folgt englische Queen. Statt aufs Lokus gehen die Deutschen auch auf die „Pipi-Box“ oder statten der „Getränkerückgabe“ einen Besuch ab.

Bei Münchens öffentlichen „Pipi-Boxen“ ist es um die Hygiene eher mies bestellt. Dafür geben sich private Betreiber umso Mühe, dringenden Bedürfnissen eine charmante Note zu verschaffen: In der Nobeldisko P1 pinkeln Kerle an Bäume, im Club Sauna gibt’s 90er-Jahre-Werbespots zur Unterhaltung. Das erleichtert ungemein.


Harry Klein: Auf dem falschen Trip

 

In der Elektro-Disco Harry Klein muss niemand etwas einwerfen, um sich auf einen schrägen Trip zu begeben: Auch so sehen die Herren beim Toilettengang weiße Mäuse im Blickwinkel. Tausend Augenpaare an der Wand verfolgen die Entblößten.

„Pussycat“ steht im Neonlicht auf den Damentüren. Zurück in den Club führen die Putten an der Decke der Kellertreppe.

Harry Klein Club, Sonnenstr. 8

 

 

 

 

 


Nage & Sauge – und staune

 

Weltraumtoilette wird der Ort im Nage & Sauge genannt, den hier jeder Gast einmal aufsucht, wenn der Magen voll genagt und vor allem voll gesaugt ist. Eng geht es auf den Örtchen zu, dafür ist der Erlebnisfaktor – bei den Herren – umso größer: Wer sich von den zahlreichen Aufklebern und Ritzereien, die sich über die Zeit am Pissoir gesammelt haben, nicht irritieren lässt und trifft, erfährt auf der Digitalanzeige die Temperatur seines Pipis.

Nage & Sauge, Mariannenstraße 2

 

 

 

 

 


Sauna: Geschäfte in den 90ern

 

Ein kleiner Club, aus Europaletten errichtet, gekommen, um den Münchnern Spaß zu machen – und die Um-die-30-Jährigen mit Spice Girls und Ace of Base in Teeniezeiten zu versetzen.

Da darf der passende Pinkelspaß nicht fehlen: Werbespots der 80er und 90er Jahre über den Pissoirs der Männlein und über den Waschbecken der Weiblein. Lachen mit den Nachbarn inklusive.

Club Sauna, Marsstraße 22

 

 

 

 


Waldspaziergang im P1: Hier pinkeln echte Kerle an Bäume

 

Auch die Schönen und Reichen müssen mal – aber wenn, dann soll auch bitte das ein ausgefallenes Erlebnis sein. Frauen ziehen sich in eine edel schwarz-weiß glänzende Kachelwelt zurück. Und die Männer? Die dürfen sich an Abenteuer in freier Natur erinnern, wenn sie eine Pause von der Jagd auf schöne Frauen einlegen. Hier pinkeln sie an Bäume. In der freien Natur haben die zwar keine Edelstahl-Urinale – aber wir sind hier schließlich im P1.

P1, Prinzregentenstraße 1

 

 

 

 


Gollierplatz: Das Automatikhäuserl

 

Wen im Westend ein Bedürfnis quält, der verschwindet wie durch magische Hand im anthrazitfarbenen Bau, der an eine Kreuzung aus Litfaßsäule und britischer Telefonzelle erinnert. Für 20 Cent schiebt sich die Tür beiseite und verschluckt Gollierplatz-Passanten mit Blasendruck. Innen hüllt sie typischer Toilettengeruch ein, dafür reinigt sich das stille Örtchen selbst. Lesestoff draussen lassen: Maximale Aufenthaltsdauer 15 Minuten.

 

 

 

 

 

 

 


Rilano No. 6: Royales Vergnügen

 

Edel schifft es sich im neu eröffneten Rilano No. 6 im Lenbach Palais: Wer sich hier nach verrichteten Bedürfnissen die Hände trocken tupft, darf sich fühlen wie ein Mitglied der Royals. Alles schimmert gold-braun, vielleicht ist die Damentoilette der gelungenste Raum im Riesenrestaurant. Das animiert die Damen zum Alkoholkonsum – damit sie öfter die „Getränkerückgabe“ aufsuchen können.

Rilano No. 6, Ottostraße 6

 

 

 

 

 


Bavariaring: Das Saisonhäuserl

 

Beinah 50 Wochen im Jahr herrscht im Toiletten-Tempel am Bavariaring ein gemächliches Treiben. Mit seinen „neoklassizistischen Formen“ hat es das Häuserl in die Denkmalliste der Stadt geschafft. 1894 hat es Hans Grässel erbaut, der auch die großen Friedhöfe der Stadt schuf. 14 bis 16 Tage im Jahr aber herrscht Hochsaison am Pinkel-Tempel. Und dann geht’s ganz und gar nicht herrschaftlich zu, direkt vor dem Haupteingang zum Oktoberfest.

 

 

 

 

 

 


Rennbahn: Viel Raum drumrum

 

In der Rennbahn ist ein häufigeres Austreten wahrscheinlich, denn es handelt sich um ein Pilsstüberl, und mit Getränken wird hier auf gute Schwabinger Art nicht sparsam umgegangen. Am stillen Örtchen werden die Tresensitzer aber zu kleinen Prinzessinnen: Vor prachtvollem lila Barock-Muster erleichtern sie ihre Blase im großzügig gestalteten Herrenklo.

Rennbahn, Feilitzstraße 12

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